MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Therapieempfehlungen: Wählen Ärzte bei Patienten die gleiche Behandlung wie für sich selbst?

Dtsch Arztebl 2011; 108(30): A-1629 / B-1385 / C-1381

Vetter, Christine

Der Frage, wie Ärzte reagieren, wenn sie um eine Therapieempfehlung gebeten werden und ob sie für sich selbst ebenso entscheiden, wie sie es Patienten raten, ist eine US-Studie nachgegangen. Praktiker, Internisten und Allgemeinmediziner wurden in der Erhebung mit zwei Szenarien zum Kolonkarzinom (n = 242) sowie zur Vogelgrippe (n = 698) konfrontiert. Sie sollten darlegen, wozu sie Patienten raten und was sie selbst tun würden, wenn sie zwischen zwei Optionen wählen können, von denen die eine bessere Überlebenschancen bietet, dafür aber auch ein höheres Risiko gravierender Nebenwirkungen besitzt.

37,8 % der Ärzte wählten bei der Befragung beim Kolonkarzinom für sich selbst, aber nur 24,5 % für die hypothetischen Patienten die Behandlungsform mit den geringeren Überlebenschancen, aber dafür auch dem geringeren Nebenwirkungsrisiko. Der Unterschied war signifikant (p = 0,03, Odds ratio, 0,55; 95-%-KI 0,31–0,99). Beim Vogelgrippe-Szenario wählten mit 62,9 % gegenüber 48,5 % ebenfalls signifikant (p < 0,001, Odds ratio, 0,55; 95-%-KI 0,41–0,75) mehr Ärzte für sich als für die Patienten das Behandlungsverfahren mit den geringeren Nebenwirkungsrisiken und nahmen dabei ein potenziell höheres Mortalitätsrisiko in Kauf.

Fazit: Die Studie lässt nach Ansicht von Dr. med. Joachim Haist, niedergelassener Internist in Biberach an der Riß, vermuten, dass Ärzte das oberste Ziel bei der Behandlung ihrer Patienten darin sehen, auf jeden Fall lebensrettend zu therapieren. Um dieses Ziel zu erreichen, werden offenbar mehr Nebenwirkungsrisiken in Kauf genommen, als die Ärzte in der gleichen Situation für sich tolerieren würden. Die Gründe für die Diskrepanz können nach Haist vielschichtig sein: Sie können darauf beruhen, dass Ärzte für sich die Gefahren einer schweren Erkrankung geringer einschätzen als für den Patienten, dass sie Nebenwirkungen bei Patienten erlebt haben, die sie selbst auf keinen Fall erleiden möchten und/oder dass sie ihre Denkweise in dem Moment verändern, in dem sie Patienten beraten. Christine Vetter

Ubel PA, et al.: Physicians recommend different treatments for patients than they would choose for themselves. Arch Intern Med 2011; 171(7): 630–4.

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