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KULTUR

Nader und Simin: In weiter Ferne so nah

PP 10, Ausgabe August 2011, Seite 384

Osterloh, Falk

Zwei Familien im Iran geraten durch einen Unfall an den Rand ihrer Existenz. Der diesjährige Berlinale-Gewinner liefert meisterhaft Innenansichten der Menschlichkeit.

Getrennt und vereint : Farhadis klare Bildsprache illuminiert das Seelenleben seiner Charaktere. Foto: alamodefilm

Hört man Iran, denkt man zuerst an Gottesstaat, an öffentliche Hinrichtungen und die Atombombe. Für sein Kino ist der Nahoststaat weniger bekannt. Dabei kommen von dort immer wieder großartige Filme über die menschliche Befindlichkeit, so in diesem Jahr der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale, Asghar Farhadis „Nader und Simin“.

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Nader und Simin leben getrennt. Simin ist zu ihren Eltern zurückgezogen, nachdem sie mit ihrer elfjährigen Tochter das Land nicht verlassen durfte. Nader engagiert sich für die Pflege seines an der AlzheimerKrankheit leidenden Vaters Razieh. Doch Razieh ist mit der Arbeit überfordert, greift zu Mitteln, die Nader nicht tolerieren kann. Und so schmeißt er sie hinaus, doch sie will nicht gehen, will zuerst ihren Lohn. Er stößt sie aus der Wohnung – mit dramatischen Folgen, nicht nur für Razieh, sondern auch für Nader und seine Familie.

Selten wurden die gesellschaftlichen und emotionalen Zwänge, in denen der Mensch lebt, so klar und prägnant und gleichzeitig so unprätentiös und aufwühlend gezeigt wie in diesem Film. „Nader und Simin“ ist ein Lehrstück über Moral und Lüge, Schuld und Sühne. Über die Entscheidungen, die jeder Mensch in seinem Leben trifft und die ihn mehr ausmachen als sein empfundenes, bisweilen herbeigewünschtes Selbstbild. Und er zeigt: Menschen sind Menschen, überall auf der Welt.

Und so präsentiert Farhadi zwar Innenansichten eines fernen Landes, wenn Razieh bei den Sittenwächtern anruft, um zu erfahren, ob sie sündigt, wenn sie Naders Vater die Hosen wechselt, in die er uriniert hat. Wenn ein Gerichtsverfahren, das über Leben und Tod entscheidet, in übervollen Kammern, halb auf dem Gang stattfindet. Mehr noch präsentiert er jedoch Innenansichten des Menschseins. Dabei ist die Kamera immer dicht an den Figuren, erzeugt der Schnitt ein Timing, das die Handlung noch weiter verdichtet. Und da Farhadi zudem von authentischen Schicksalen erzählt, ist sein Film nicht nur lehrreich, sondern auch spannend.

Die Lobeshymnen sind gerechtfertigt: „Nader und Simin“ ist in Aufbau und Struktur, in Wucht und Menschlichkeit nichts weniger als ein Meisterwerk. Kinostart: 14. Juli.

Falk Osterloh


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