POLITIK

Gesundheitsversorgung: Zu arm für den Arztbesuch

Dtsch Arztebl 2011; 108(36): A-1840 / B-1569 / C-1560

Protschka, Johanna

Immer mehr Menschen aus der „Armutsbevölkerung“ nutzen die Angebote zur medizinischen Versorgung, die ursprünglich für Obdachlose gedacht waren.

Obdachlose wieder an die Regelversorgung heranzuführen, ist das Ziel des Projektes in Hannover. Foto: laif

Eigentlich war der Sinn und Zweck unseres Projektes, die in Hannover auf der Straße lebenden Menschen wieder an die Regelversorgung heranzuführen“, erklärt Dr. med. Cornelia Goesmann, Vorsitzende der Bezirksstelle Hannover der Ärztekammer Niedersachsen. Erreichen wollte man dies durch spendenfinanzierte Einrichtungen, in denen Obdachlose medizinisch versorgt werden. Das Projekt wurde von einer wissenschaftlichen Studie zehn Jahre begleitet. Das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ), eine Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen, hat die Angaben nun ausgewertet.

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Arztkontakt ohne bürokratische Hürden

Von Beginn an waren die Angebote – in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband und dem Diakonischen Werk Hannover – auf die Bedürfnisse von Obdachlosen ausgerichtet und explizit niedrigschwellig angelegt. Der Erstkontakt zwischen Arzt und Patient sollte ohne bürokratische Hürden und unentgeltlich stattfinden. Waren es bis 2003 noch 17 Prozent der auf der Straße Lebenden, die das Versorgungsangebot nutzten, so sank diese Zahl bis 2010 auf nur noch sechs Prozent. Die Zahl der Patienten, die über einen festen Wohnsitz verfügten und die ambulanten Sprechstunden aufsuchten, erhöhte sich innerhalb der letzten Jahre jedoch merklich.

Die Vermutung der ehrenamtlichen Mitarbeiter, dass immer mehr ärmere Menschen, die regulär versichert sind und über eine Wohnung verfügen, auf die kostenfreie medizinische Versorgung für Obdachlose zurückgreifen, bestätigte sich durch eine modifizierte Datenabfrage im Jahr 2010. Dabei zeigte sich, dass 61 Prozent der Behandlungsfälle Arbeitslosengeld-II-Empfänger und 18 Prozent Rentner waren. Die übrigen Patienten gaben einen Migrationshintergrund an oder machten keinerlei Angaben. Erste Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Zunahme der Behandlungen von Patienten aus der sogenannten Armutsbevölkerung auf die gestiegenen Gesundheitskosten zurückzuführen ist. Einige der Befragten gaben an, sich die Gebühren und Zuzahlungen für Medikamente und Heilmittel nicht leisten zu können. Fünf Prozent der Patienten kamen ausschließlich aus Kostengründen.

Diese Tendenz bestätigt auch Dr. med. Jenny de la Torre, die im Gesundheitszentrum der Jenny-de-laTorre-Stiftung in Berlin eine Zunahme von ärmeren Patienten mit festem Wohnsitz beobachtet. „Es kommt tatsächlich immer öfter vor, dass Menschen, die nicht obdachlos sind, unsere Einrichtung besuchen. Ich selbst habe zwar keine Statistik darüber, aber die Fälle nehmen sicher zu.“ Zwar stelle die genannte Patientengruppe nicht die Mehrheit in ihrem Zentrum, so de la Torre weiter, aber das Argument, die Praxisgebühr könne nicht gezahlt werden, höre sie immer wieder.

Empfänger von Arbeitslosengeld II sind nicht gänzlich von der Praxisgebühr und Zuzahlungen befreit. Nach Artikel 62 SGB V müssen alle gesetzlich Versicherten bis zu einer Belastungsgrenze von zwei Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen zuzahlen. Bei einem „Hartz-IV“- Empfänger liegt die Belastungsgrenze seit 2011 damit bei 87,36 Euro, die er auf das Jahr gerechnet aus seinen Bezügen finanzieren muss. Ist der Betreffende chronisch krank, reduziert sich der Betrag um die Hälfte auf ein Prozent seiner Einnahmen.

Alleinerziehende und ältere Frauen sind gefährdet

Ein weiterer Faktor sei jedoch auch die individuelle Persönlichkeitsstruktur der Betreffenden, gibt Hausärztin Goesmann zu bedenken. Es komme vor, dass die in desolaten Verhältnissen Lebenden das Geld für die Praxisgebühr zwar zahlen könnten, es ihnen aber nicht gelinge, Quittungen und Belege aufzubewahren, um eine ihnen eventuell zustehende Erstattung zu erwirken.

Zudem seien Verarmungstendenzen vor allem bei älteren Frauen ohne ausreichende Rente, aber auch bei alleinerziehenden Müttern zu beobachten. Goesmann wünscht sich daher eine gänzliche Abschaffung der Praxisgebühr und der Zuzahlungen für alle Menschen, die unter eine gewisse Einkommensgrenze fallen.

Johanna Protschka

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