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Neuer Test auf Down-Syndrom: Auf Routine programmiert

Dtsch Arztebl 2011; 108(36): A-1815 / B-1551 / C-1543

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

Während Ärzte, Politiker und die interessierte Öffentlichkeit noch vor wenigen Wochen hochemotional über die eng begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland diskutierten, bei der es um einige Hundert Fälle pro Jahr geht, entwickelt sich ein Bluttest, der die Gene eines ungeborenen Kindes frühzeitig entschlüsselt, in Richtung auf eine klinische Routinediagnostik.

Noch Ende dieses Jahres will die Konstanzer Firma Life Codexx, eine Tochter der GATAC Biotech AG, einen Bluttest für Frauen in der zehnten Schwangerschaftswoche herausbringen, mit dem eine Trisomie 21 beim ungeborenen Kind ausgeschlossen werden kann. Im Rahmen einer Pilotstudie, deren Ergebnisse Anfang März auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik vorgestellt wurden, sei das Down-Syndrom „mit einer Spezifität und Sensitivität von 100 Prozent nachgewiesen“ worden, behauptet GATAC.

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Diskutiert wird über den künftigen Test jetzt nur, weil das kalifornische Life-Sciences-Unternehmen Sequenom mit der LifeCodexx AG gerade einen Fünfjahreslizenzvertrag abgeschlossen hat. Die beiden Unternehmen wollen bei der Entwicklung und Einführung des im Labor entwickelten Tests auf Trisomie 21 sowie „weiterer Aneuploidie-Testverfahren“ in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein kooperieren, heißt es in der Pressemitteilung. Die Einführung der Tests in weiteren Ländern sei angedacht. Sequenom räumt LifeCodexx dabei Lizenzen an Patentrechten ein, die den kommerziellen Einsatz von nichtinvasiven Aneuploidie-Testverfahren mit zirkulierender, zellfreier DNA des Fötus im mütterlichen Plasma ermöglichen. Im Gegenzug zahlt LifeCodexx jährlich Lizenzgebühren. Pikant daran ist, dass das von Annette Schavan (CDU) geführte Bundesforschungsministerium die Firma und ihr Projekt unter dem Dach der Initiative „Kleine und mittlere Unternehmen – innovativ“ fördert. Schavan hatte sich gerade noch gegen die Präimplantationsdiagnostik ausgesprochen.

Innovativ und erfolgreich ist die Firma in der Tat. Der neue Schwangerschaftsfrühtest und seine möglichen Nachfolger besitzen das Potenzial, die Pränataldiagnostik nochmals zu revolutionieren. Bereits jetzt entscheiden sich neun von zehn Paaren, bei deren Kind eine Trisomie 21 festgestellt wird, für einen Schwangerschaftsabbruch. Voraus geht bislang jedoch eine risikobehaftete Untersuchung: Um ein Down-Syndrom zweifelsfrei zu diagnostizieren, muss Fruchtwasser entnommen werden (Amniozentese), was in einem von 100 Fällen zu einer Fehlgeburt führt. Die Möglichkeit, sich durch ein paar Milliliter Blut Klarheit über den Gesundheitszustand des Kindes zu verschaffen, wird die pränatale Diagnostik ein Stück mehr zum Standard werden lassen. Auch die weiteren Etappen sind vorhersehbar: Bewährt sich der zunächst selbst zu zahlende Test in der Praxis, wird er zur Routine werden. Damit wird sich dann auch die Frage stellen, ob es verantwortbar ist, dass sich nur gut betuchte Paare den risikofreien Test leisten können, während andere sich weiterhin der Amniozentese unterziehen. Auf diese Weise könnte der Test Kassenleistung werden – und Down-Syndrom-Kinder werden aus unserer Gesellschaft verschwinden. Die Zeiten, in denen Frauen einfach „guter Hoffnung“ waren, sind endgültig vorbei.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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levis
am Donnerstag, 22. März 2012, 11:18

Haarsträubendes Fazit

Liebe Frau Dr. Richter-Kuhlmann,
ich bin über Ihr Fazit dieses Artikels entsetzt! Das erklärte Ziel, die Gesellschaft von Menschen mit Behinderung zu reinigen, ist vor Jahrzehnten schon einmal formuliert und auch durchgeführt worden. Die Schrecken der dieses Vorgehen legitimierenden Ideologie sind wohl allseits bekannt.

Ich habe selbst zwei Gott sei Dank gesunde Kinder, lehne aber ein "Screening" mit dem erklärten Ziel, Down-Syndrom-Kinder zu erkennen und zu töten vollkommen ab.

Ich hoffe, dass diese Auffassung viele teilen.

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