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KULTUR

Ärzteschach in Bad Neuenahr: „So groß wie ein Elefant . . .“

Dtsch Arztebl 2011; 108(36): A-1870 / B-1594 / C-1583

Pfleger, Helmut

Helmut Pfleger über „Lug und Betrug“, glänzende Einfälle und mutige Damen: Eindrücke rund um die 19. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte

Als Mitte April zur Mittagszeit in Bad Neuenahr das vorösterliche Fest „Rund ums Ei“ mit dem aparten Programmpunkt „In Vino Veritas“, sinnigerweise verbunden mit einer „Lügen-Stadtführung“, begann, hatten die 135 Ärzte des 19. Deutschen Ärzteschachturniers gerade ihre letzten Schlachten geschlagen. Und dabei – ganz wie im richtigen Leben – im Laufe des Wochenendes neben Wahrheit auch Lug und Trug am Schachbrett gefunden oder auch erlitten.

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Kein Wunder, dass in dieser Rotweingegend schon einmal bei jemandem Fleisch und Geist schwach werden, bei dem man es nicht unbedingt vermuten sollte. Jedenfalls freute sich Dr. med. Fariborz Bawandi von der wiederum sechsköpfigen iranischen Delegation königlich, als sein Landsmann Dr. med. Arsalan Dejam ihn mit einem prächtigen Matt überraschte. Vorher hatte er noch den guten Ahrwein getrunken, den der Prophet in dieser außerordentlichen Belastungssituation eines Ärzteschachturniers wohl ausnahmsweise erlaubt. Einst ließ Khomeini das Schachspiel wegen der etymologischen Gleichheit mit dem Schah (= König) verbieten, doch heutzutage blüht es in dieser Wiege (neben Indien) des jahrtausendealten „Königlichen Spiels“ wieder stärker auf denn je.

Von Springern und „Eseln“

Nun mag sich an diesem Wochenende auch manch Kollege schon einmal als Esel gefühlt haben, wenn er/sie eine Bauerngabel mit schmerzlichen Folgen übersah oder in der wilden Königshatz tollkühn sämtliche Vorsicht walten lassenden Gene ausschaltete, so dass zum bösen Schluss ein vom Gegner ratzekahl zusammengefressener Damenflügel zu beklagen war – bei den alten Persern im frühen Mittelalter nannte man dies einen Beraubungssieg. Nicht immer siegt der Geist über die Materie! Doch gar nicht selten schon.

Kiebitze waren jedenfalls tief beeindruckt, als Dr. med. Hannes Knuth, Landesmeister von Mecklenburg-Vorpommern, nicht nur das Blitzturnier (wobei jeder für die ganze Partie nur fünf Minuten Zeit hat) am Freitagabend mit hervorragenden 9,5 Punkten aus elf Partien gewann, sondern in einer Partie in hoher Zeitnot seine Dame opferte und mit einem herrlichen Springermanöver gewann. Mich ließ dieser triumphierende Springer an meinen leider schon verstorbenen iranischen Freund Dr. med. Modjtaba Abtahi denken, der beim Ärzteturnier einmal beklagenswert stand. Doch plötzlich sehe ich ihn freudestrahlend und frage ihn, was passiert ist. Und Modjtaba: „Weißt du, mein Springer wurde immer größer und größer, am Schluss war er so groß wie ein Elefant!“ Tja, mit solch einem Elefantenspringer gewinnt man dann natürlich. Jetzt aber genug aller iranischen und mecklenburg-vorpommerischen Springer – machen wir einen Sprung zu den Damen!

Zeichnungen: Inke Kretzmann

Einmal mehr bliesen die drei teilnehmenden Damen – Dr. med. Jutta Recknagel als „Mutter der Kompanie“, Dr. med. Bergit Brendel und Dr. med. Andrea Huppertz – den Herren, öfter als es jenen lieb war, gehörig den Marsch. Zwar bilden sie offensichtlich kein Triumvirat, aber doch eine „Gynaikokratie“ im Kleinen, wie es der große Entdecker und Erforscher des Mutterrechts, Johann Jakob Bachofen, vor genau 150 Jahren nannte. Als Andrea Huppertz, eigentlich das personifizierte Understatement, mit Pauken und Trompeten auf Dr. med. Stefan Müschenich losstürmte und Bergit Brendel eine hanebüchene Zeitnot gegen Dr. med. Branko Spasojevic heil überstand, konnten die männlichen Kiebitze nur neidvoll und bewundernd zugleich anerkennen, dass die Damen die besseren Nerven haben.

Arzt und Internationaler Großmeister: Helmut Pfleger (l.) im Gespräch mit Horst Metzing, dem Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes.

Übrigens erschien dank Dr. Spasojevic in der serbischen Zeitung „Vesti“ ein längerer Bericht über das Ärzteturnier im Allgemeinen und über den in Bad Oeynhausen tätigen Kollegen im Besonderen. Da kann man beispielsweise lernen, dass Bad Neuenahr auf Serbisch Bad Nojenuru heißt – hätten Sie’s gewusst? Aber noch etwas verdanke ich Dr. Spasojevic, nämlich die Namen der neun Kollegen außer ihm, die an allen bisherigen 19 Deutschen Ärzteturnieren teilgenommen haben. Für die Nachwelt beziehungsweise die Enkel seien hier folgende Doctores festgehalten:

Zehn „ständige Vertreter“

Kurt Baum, Matthias Birke, Thomas Dettler, Dieter Friedrich, Matias Jolowicz, Peter Krauseneck, Timm Ludwig, Peter Till und Klaus Vietinghoff.

„Gens una sumus“ (Wir sind eine Familie) heißt der Wahlspruch des Weltschachbunds FIDE, mit wohl ungleich mehr Berechtigung darf dies das Ärzteturnier für sich in Anspruch nehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil etliche Ärzte mit Kind und Kegel kommen. Oder auch, wie Prof. Dr. med. Martin Scherer aus Lübeck, mit der bald 90-jährigen Großmutter aus Marburg, die seit zehn Jahren meist unverdrossen an seinem Brett sitzt, in guten wie in schlechten Stunden, und begutachtet, ob der Enkel lege artis spielt.

Gruppenfoto nach der Siegerehrung. Fotos: Josef Maus

Tja, und am Ende landeten dann doch wieder viele altbekannte und nachgewiesen gute Spieler auf den vordersten Rängen. Den Meistertitel errang Uwe Mehlhorn, Illmenau, vor Patrick Stiller, Ulm, Thorsten Heedt, Köln, Helmut Jacob, Ochtrup, und Frank Wenner, Gießen. Ihnen alle gratulierte Reimund Koch (Foto unten, rechts), der Repräsentant der Deutschen Ärzte- und Apothekerbank, herzlich zur großartigen Leistung und überreichte unter dem fairen Applaus der übrigen Teilnehmer stattliche Schecks als Lohn der Mühe. Koch zeigte sich vor allem von der kollegialen Atmosphäre beeindruckt, welche die Ärztemeisterschaft von Anbeginn an auszeichnet.

Als Epilog noch eine kleine Vignette: Als sich „post festum“ ein Arzt und seine Frau, beide unüberhörbar aus Berlin, herzlich umarmten, konnte man nach diesem schachdurchtränkten Wochenende lernen, dass es offenbar noch andere wichtige Dinge als Schach gibt. Etwa gar wichtigere? Sollte sich vielleicht Bobby Fischer doch geirrt haben, der meinte: „Schach ist das Leben!“ Und als 17-Jähriger bei einem einwöchigen Besuch in Bamberg partout nicht begreifen konnte, dass ich die Schule nicht zugunsten des Schachs aufgeben wollte.

Zum guten Schluss freue ich mich auf das nächste, bereits 20. (!) Ärzteturnier – auf ein schönes Jubiläum und ad multos annos!

Dr. med. Helmut Pfleger


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