BRIEFE
TK-Modellprojekt: Gutachterverfahren nicht hochjubeln
PP 10, Ausgabe September 2011, Seite 414


Merkwürdig: Jahrelang war aus Psychotherapeutenkreisen überwiegend Kritisches zum Gutachterverfahren zu hören – Tenor: Es sei eines so gut ausgebildeten und verantwortungsbewussten Berufsstands nicht würdig, seine Arbeit immer wieder dermaßen aufwendig kontrollieren lassen zu müssen, außerdem seien die gutachterlichen Stellungnahmen formelhaft und nichtssagend. Nun, da anlässlich der TK-Studie endlich angefangen wird, Alternativen zu erkunden, melden sich allenthalben Befürworter des Gutachterverfahrens und propagieren dessen supervisorischen Wert für die Therapeuten – als ob wir andernfalls unreflektiert vor uns hinwursteln würden. Das geordnete Nachdenken über schwierige Fälle findet aber in viel differenzierterem Maße vor Ort, zum Beispiel in regelmäßiger Intervision längst statt, dafür wird kein gutachterlicher Textbaustein benötigt. Offensichtlich ist die Sorge, dass etwas Negatives künftig durch etwas noch Negativeres ersetzt werden soll, so groß, dass man sicherheitshalber das bestehende Negative positiv verklärt. Dies trägt nicht gerade zur Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes bei. Dessen ungeachtet muss natürlich das in der Studie erprobte Monitoring wissenschaftlich auf den Prüfstand, so wie in dem Artikel geschehen. Zumindest die Psychologen unter uns haben etwas über die Reaktiviät von Messungen gelernt, und die üblichen Güterkriterien (Reliabilität, Validität etc.) dürften bei dieser Methodik auch nicht allzu überzeugend ausfallen. Aber statt nun das Gutachterverfahren hochzujubeln, sollte die Therapeutenschaft vielleicht besser das Heft in die Hand nehmen und eigene, auch verfahrenskompatible Vorstellungen von Qualitätsüberprüfung entwickeln – wenn es denn zur Absicherung und Honorierung unserer Tätigkeit unumgänglich ist.
Klemens Kreis, Psychologischer Psychotherapeut, 37073 Göttingen
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