Der Gebäudekomplex im niedersächsischen Alfeld, den Walter Gropius gemeinsam mit seinem Kompagnon Adolf Meyer realisierte, ist jetzt von der UNESCO als Weltkulturerbe gewürdigt worden.
Man kann sich heute wohl kaum mehr vorstellen, welches Befremden meine Glasfassade für das Hauptgebäude der Fagus auslöste und welche Überredungskünste der Baupolizei gegenüber notwendig waren, diese ‚gewagte’ Konstruktion durchzusetzen.“ 1961, als sich Architekt Walter Gropius (1883–1969) an seinen ersten Auftrag erinnerte, war das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld schon 50 Jahre alt. Mit diesem Gebäude wurde der Grundstein für die Architektur-Moderne gelegt und der International Style praktisch vorweggenommen. Der erste „Curtain Wall“, die verglaste Fassade eines Gebäudes, Leichtigkeit und Transparenz symbolisierend, stammt aus dem Jahr 1911. Radikaler konnte der Widerspruch zur traditionellen Architektur, die abgeschlossen und schwer oft menschliches Maß vermissen ließ, kaum ausfallen.
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Die exklusive Stellung des Fagus-Werkes, das Walter Gropius mit seinem Kompagnon Adolf Meyer realisierte, hat zum 100. Geburtstag jetzt auch die UNESCO gewürdigt. Als neuer Eintrag auf der Liste des Weltkulturerbes folgt der Gebäudekomplex in Alfeld, südlich von Hildesheim, sozusagen seinen Nachfolgern, dem von Gropius errichteten Bauhaus und den Meisterhäusern in Dessau. Dass Gropius’ Vorstellung von einer Architektur, die befreit ist vom „Wust des Dekorativen“ und die einen „Gleichklang von Form, Technik und Ökonomie“ erzeugt, Gestalt annehmen konnte, ist einem weitsichtigen Bauherren zu verdanken. Schuhleistenfabrikant Carl Benscheidt muss sich des Wagnisses bewusst gewesen sein, mit einem Architekten zu arbeiten, der bislang lediglich an der Berliner Turbinenfabrik von Peter Behrens mitgeplant hatte. Der Unternehmer war aber auch davon überzeugt, dass sein singuläres Firmengebäude „eine gute Reklame“ sein könne.
Mit dem Fagus-
Werk wurde der
Grundstein für die
Architektur-Moderne
gelegt. Marken -
zeichen dieses Industriebaus
sind die
stützenfreien, völlig
verglasten
Gebäudeecken.
Fotos: Ulrich Traub
Wichtig war vor allem, dass der Firmengründer mit Gropius auch sozialreformerische Ideen teilte. „Die Beziehung aller Teile des Entwurfs zum Menschen bleibt der wichtigste Prüfstein“, formulierte der Architekt. „Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden“, forderte der spätere Bauhaus-Gründer vollmundig. Die Schönheit der Form hatte sich an der Funktion eines Gebäudes auszurichten und soziale Faktoren zu berücksichtigen. Schwerelos wirkt das restaurierte Werk, in dem heute noch neben anderen Produkten Schuhleisten hergestellt werden, durch den Verzicht auf tragende Außenwände. „Überzeugt, dass die neuen architektonischen Möglichkeiten, mit Stahl, Beton und Glas zu bauen, noch gar nicht voll erkannt waren, versuchte ich eine Radikallösung zu finden“, blickte Gropius auf ein Debüt zurück, das seinen Namen dem Lateinischen entlieh. Fagus heißt Buche, und die lieferte das Material für die Schuhleisten.
Markenzeichen dieses Industriebaus sind die stützenfreien, völlig verglasten Gebäudeecken. Die Glasflächen des „Curtain Wall“, die sich über die gesamten drei Stockwerke spannen und die Gleichwertigkeit aller Bauteile betonen, sind in eine Rahmenkonstruktion aus Eisen eingehängt. Die Architektur kann auch heute noch mit ihrer klaren Formensprache und einer beeindruckend schönen Sachlichkeit überzeugen.
Informationen: Fagus-GreCon in Alfeld, Hannoversche Straße 58, Tel: 05181 790, www.fagus-gropius.com. Die umfangreiche Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus ist täglich geöffnet. Führungen durch das Werk können unter 05181 79288 gebucht werden.
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