POLITIK

Demografischer Wandel: Längeres Leben, horrende Kosten?

Dtsch Arztebl 2011; 108(37): A-1883 / B-1607 / C-1595

Protschka, Johanna

Das Statistische Bundesamt wirft einen Blick auf die Entwicklung der Behandlungskosten im Krankenhaus – und prognostiziert keine Kostenexplosion.

Je älter die Bevölkerung wird, desto kränker wird sie, und umso teurer ist ihre Versorgung. Dieser Aussage stimmten 80 Prozent der von der Bertelsmann-Stiftung befragten 1 500 Mitglieder einer gesetzlichen Krankenkasse 2010 zu. Die These von der „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen klingt zunächst einleuchtend. Doch sind horrende Kosten im Gesundheitswesen tatsächlich die Begleiterscheinung einer alternden Gesellschaft? Nicht zwangsläufig. Zu diesem Ergebnis kommt die Referentin für Gesundheitsstatistik beim Statistischen Bundesamt, Manuela Nöthen. Sie wagt in ihrer Studie eine Prognose für das Jahr 2030 und belegt zudem: Sterben ist vor allem in jungen Jahren teuer.

Je älter ein Patient ist, wenn er im Krankenhaus stirbt, desto weniger Kosten verursacht er. Quelle: Wirtschaft und Statistik 7/2011
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Hohe Kosten im Sterbefall

Da die Behandlungskosten im Krankenhaus pro Kopf in der Altersgruppe von 65 bis 84 Jahren mehr als doppelt so hoch seien wie in der Altersgruppe bis 64, liege der Schluss nahe, die Krankheitskosten stiegen aufgrund des Alters stark an, schreibt Nöthen und verweist auf die Zahlen von 2008: Bis zu einem Alter von 64 Jahren lagen die durchschnittlichen Pro-Kopf-Krankheitskosten bei 3 100 Euro. In der Altersgruppe ab 65 bis 84 Jahren waren diese mit 6 520 mehr als doppelt, ab einem Alter von 84 Jahren mit 14 840 fast fünfmal so hoch. In Anlehnung an die Sterbekostenthese lässt sich dies mit der zeitlichen Nähe zum Tod erklären; nicht das Alter ist der entscheidende Faktor der Krankheitskosten, sondern die verbleibende Lebenszeit am Ende eines Lebens. Das sei so neu nicht, betont Nöthen, denn die meisten Studien, die auf Krankenversicherungsdaten basieren, kommen zu dem Schluss, dass der größte Teil der lebenslangen Krankheitskosten im letzten Jahr vor dem Tod entsteht. Die durchschnittlichen Kosten eines Sterbefalls sind bei Kindern bis 14 Jahre 8,2 und bei jungen Erwachsenen bis 29 Jahre 7,5-mal so hoch wie bei einer regulären Entlassung. Nöthen weist darauf hin, dass die Kosten bei Sterbefällen im Alter stark zurückgehen, die Kosten bei einer regulären Entlassung des Patienten aber ansteigen. Insgesamt, ob Alt oder Jung, seien die Krankenhausbehandlungen bei einem Sterbefall jedoch mehr als doppelt so hoch.

Die Sozialwissenschaftlerin geht in ihren Überlegungen nun einen Schritt weiter. Ziel ihrer Untersuchung ist die rein demografische Kostenentwicklung, unter definierten Bedingungen. Ihre Daten beschränken sich auf den stationären Sektor, da dort die höchsten Krankheitskosten anfallen und sich fast die Hälfte der Sterbefälle ereignet. Als Datenbasis nimmt sie die Krankheitskostenrechnung, Sonderauswertungen der fallpauschalenbezogenen Krankenhausstatistik und die Vorausberechnung der Krankenhausfälle des Bundes und der Länder. Nöthen berechnet mit diesen Zahlen die demografiebedingten Behandlungskosten im Krankenhaussektor bis zum Jahr 2030. Ausgehend von den Behandlungskosten im Jahr 2008, die sich auf 66,7 Milliarden Euro beliefen, unterscheidet sie dabei zwischen zwei Szenarien.

  • Status-quo-Szenario: Es bleiben alle Bedingungen bis auf die demografische Entwicklung konstant.
  • Kompressions-Szenario: Das Morbiditätsrisiko wird parallel zur steigenden Lebenserwartung in ein höheres Lebensalter verschoben. Der Mensch wird also einen Zugewinn an „gesunden“ Lebensjahren haben.

Beide Modelle bilden einen moderaten Zuwachs von Behandlungskosten der Altersgruppe ab 65 Jahren ab. Das Kompressions-Szenario zeigt einen Zuwachs um gerade einmal 5 Prozent auf 69,8 Milliarden Euro, das Status-quo-Szenario bildet eine immer noch moderate Steigerung um 13 Prozent ab, was sich in Geldwert auf 75,5 Milliarden Euro beliefe. Man kann also bei weitem nicht von einer Kostenexplosion sprechen, obwohl der Anteil der Älteren an den Sterbekosten steigt. Der Kostenanteil der Altersgruppe ab 65 am Gesamtvolumen wächst in beiden Szenarien übereinstimmend von rund 49 Prozent pro Jahr (2008) auf 59 Prozent pro Jahr (2030). Aber auch hier: Kein überdimensionierter Zuwachs.

Pflege nicht mit einbezogen

Zumindest für den Krankenhausbereich kommt Nöthen damit zu dem Ergebnis, dass eine alternde Gesellschaft nicht zu einer Kostenexplosion führt. Die Studie berücksichtigt allerdings weder den Bereich der Pflege noch das in Zukunft problematisch werdende Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben. An dieser Stelle sieht Manuela Nöthen einen gesonderten Analysebedarf.

Johanna Protschka

Je älter ein Patient ist, wenn er im Krankenhaus stirbt, desto weniger Kosten verursacht er. Quelle: Wirtschaft und Statistik 7/2011
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Je älter ein Patient ist, wenn er im Krankenhaus stirbt, desto weniger Kosten verursacht er. Quelle: Wirtschaft und Statistik 7/2011

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