POLITIK

Gesundheitsversorgung: Mangel an Geld ist vorhersehbar

Dtsch Arztebl 2011; 108(37): A-1893 / B-1616 / C-1603

Rieser, Sabine

Jeder soll am medizinischen Fortschritt teilhaben können – aber dafür müsse anderswo gespart werden, verlangt Fritz Beske. Foto: Caro

Mit Blick auf kurzfristig beschlossene erhebliche Kürzungen bei Gesundheitsleistungen in Großbritannien hat Prof. Dr. med. Fritz Beske davor gewarnt, Ähnliches in Zukunft in Deutschland zu riskieren, weil man sich den Problemen nicht stelle.

Prof. Dr. med. Fritz Beske (88) dürfte sich endgültig zur Ruhe setzen, ohne dass ihm irgendjemand Vorwürfe machen würde. „Ich könnte es mir einfacher machen“, findet der Arzt und unermüdliche Analyst des bundesdeutschen Gesundheitswesens selbst. Doch dessen Entwicklung lässt ihm keine Ruhe. Der Politik fehle der Mut, drängende Systemfragen anzugehen – und vor allem, der Bevölkerung zu sagen, dass man sich auf Dauer nicht mehr so viel werde leisten können wie heute, kritisierte Beske Anfang September bei der Vorstellung seiner jüngsten Studie.

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Sie bündelt verschiedene Vorschläge, wie man zu transparenten und nachvollziehbaren Priorisierungs- und Rationierungsentscheidungen kommen könne. „Über das, was im Einzelnen vorgeschlagen wird, muss man öffentlich diskutieren“, fordert Beske. „Wer ablehnt, muss sagen, wie denn sonst die Gesundheitsversorgung in der Zukunft sichergestellt werden kann, wie das Notwendige geleistet und unsere Bevölkerung ohne Ansehen der Person am medizinischen Fortschritt teilnehmen kann.“

Beske treibt um, wie viele Gesundheitspolitiker die Probleme leugneten. Er verwies auf erhebliche Kürzungen bei Gesundheitsleistungen beispielsweise in Großbritannien. Diese beträfen unter anderem das Einsetzen von Hüft- und Knieendoprothesen, Mandeloperationen und Operationen bei Krampfadern. „Wenn dieses Vorgehen den gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland erspart werden soll, muss die Gesundheitspolitik endlich anfangen, öffentlich darüber zu diskutieren, was mit den in Zukunft zur Verfügung stehenden Mitteln geleistet werden kann und was nicht.“

Beske warnte, schon bald würden die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Sozialsysteme hierzulande spürbar. Während heute drei Personen im erwerbstätigen Alter für eine Person im Rentenalter zur Verfügung stünden, betrage diese Relation 2060 nur noch eins zu eins – vorausgesetzt, das Renteneintrittsalter wird nicht erhöht, muss man ergänzen. „Gebraucht wird ein ganzes Bündel von Maßnahmen, wenn unser solidarisches Gesundheitswesen auf die Zukunft ausgerichtet werden soll. Denn der Mangel an Geld ist vorhersehbar“, so Beske.

Vorschläge von ambulanter Reha bis Zahnersatz

Seine Vorschläge hat er einem einfachen Prinzip unterstellt: „Man kann nur so viel ausgeben, wie man hat.“ Unabdingbar ist es nach seiner Auffassung, den Leistungsumfang, den das Sozialgesetzbuch V umschließt, neu zu fassen und einzuschränken. Darüber hinaus fordert er, der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht weiter öffentliche Aufgaben wie die Familienmitversicherung zu übertragen, sondern dies vollständig aus Steuermitteln zu bezahlen. Von staatlicher Seite müsse man zudem für bestimmte Leistungen kostendeckende Beiträge überweisen, beispielsweise für die Krankenversicherung von Arbeitslosen. Zu grundsätzlichen Änderungsvorschlägen kommen Einzelanregungen:

  • Unter dem Stichwort „Umgestaltung und Herausnahme von Leistungen“ listet Beske unter anderem die Primärprävention auf, die eine gesamtgesellschaftliche und keine GKV-Aufgabe sei. Die stationäre medizinische Rehabilitation solle reduziert werden zugunsten ambulanter, wohnortnaher Reha-Angebote. Die Wirkung von Heilmitteln müsse evaluiert werden.
  • Bei einer Verschärfung der GKV-Finanzsituation könne man Akupunktur, Krankengeld, die ambulante psychotherapeutische Behandlung (Ausnahme: bei Kindern) oder auch den Zahnersatz (Ausnahme: bei Kindern) streichen. Auch auf die Fahrtkostenübernahme sollten die Krankenkassen in den meisten Fällen verzichten. Ebenso sollten Massagen nicht mehr als Heilmittel finanziert werden.
  • Die medizinische Versorgung gehöre genauer auf den Prüfstand. So sollten Wunschkaiserschnitte privat finanziert werden. Auch über Grenzen der Behandlung von Frühgeborenen müsse angesichts der immensen Kosten nachgedacht werden. Ebenso sei zu diskutieren, ob die spezialisierte ambulante Palliativversorgung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei.

Sabine Rieser

Die Studie „Solidarische, transparente und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung im demografischen Wandel durch Priorisierung und Rationierung“ kann man beim Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung für zehn Euro plus Versandkosten bestellen: info@igsf-stiftung.de.

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