POLITIK

30 Jahre BUKO-Pharma-Kampagne: Pharmakritiker mit langem Atem

Dtsch Arztebl 2011; 108(38): A-1946 / B-1654 / C-1642

Korzilius, Heike

Seit 1981 schaut die Pharma-Kampagne der Industrie auf die Finger mit dem Ziel, einen weltweit gerechteren Zugang zu wirksamen Arzneimitteln zu schaffen.

Protest von Aids-Aktivisten 2004: Die damalige Bundesentwicklingshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nimmt die Kritik unter anderem der Buko-Pharma-Kampagne entgegen. Foto: Jörg Schaaber

Wir denken nicht in Monaten oder Jahren. Wir denken in 5- oder 10-Jahres-Zeiträumen“, sagt Dr. med. Christiane Fischer, wenn sie auf die Erfolge der BUKO-Pharma-Kampagne angesprochen wird. „Wir brauchen einen langen Atem“, betont die Ärztin, die es mit einem Team von sieben fest angestellten Mitarbeitern vom Bielefelder Welthaus aus mit den Großen der Pharmabranche aufnimmt (siehe auch „3 Fragen an ...“). Was mit einer Untersuchung der Geschäftspraktiken deutscher Pharmakonzerne in der sogenannten Dritten Welt begann, hat sich beträchtlich ausgeweitet.

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Die BUKO-Pharma-Kampagne setze sich für den Schutz der Patientinnen und Patienten vor irrationalen Arzneimitteln, für den gerechten Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten, für unabhängige Arzneimittelinformationen, einen umfassenden Verbraucherschutz in Nord und Süd sowie eine Forschung ein, die sich am Bedarf und nicht am Profit orientiere. Mit diesen Worten eröffnete Jörg Schaaber, der neben Christiane Fischer und Claudia Jenkes einer der Geschäftsführer der Pharma-Kampagne ist, die Fachtagung „Pharmatopia – die Welt in 30 Jahren“, die anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Organisation am 16. und 17. September stattfand.

1981 hatten entwicklungspolitische Aktionsgruppen die Kampagne gegründet, um deutsche Arzneimittelexporte in die armen Länder des Südens zu untersuchen. Das Thema bildet noch immer einen Schwerpunkt in der Arbeit der Pharma-Kampagne. Erst vor kurzem veröffentlichten die Bielefelder eine Studie, die das Arzneimittelsortiment der Konzerne Bayer, Boehringer Ingelheim und Baxter in Indien analysiert hat (www.bukopharma.de). Die drei Firmen, so heißt es im Fazit des Berichts, böten in Indien viel weniger Medikamente an als in Deutschland und zielten mit ihrer Preispolitik auf die indische Mittel- und Oberschicht. Vor allem Bayer und Boehringer Ingelheim vertrieben viele teure Mittel, mit denen Patienten schlecht bedient seien. Im staatlichen Gesundheitssystem werde kein Medikament der untersuchten Firmen verwendet. Wichtige Arzneimittel stünden armen Patienten deshalb nicht zur Verfügung.

„Wir wollen insgesamt drei solcher Studien durchführen“, erklärte BUKO-Pharma-Geschäftsführerin Fischer bei der Präsentation der Ergebnisse in Bielefeld. Man habe sich für Indien entschieden, weil das Land in Asien eine entscheidende Rolle spiele. Seit Jahren gilt die indische Generikaindustrie mit ihren preiswerten Medikamenten als Apotheke der armen Länder des Südens. „Eine ähnliche Rolle spielt Brasilien in Lateinamerika“, so Fischer weiter. Dort hat man bereits einen ersten Teil der Analyse abgeschlossen. Eine dritte Studie soll Fischer zufolge in Afrika durchgeführt werden. „Wir haben Probleme beim Zugang zu wichtigen Arzneimitteln, wir haben eine Vielzahl irrationaler Medikamente auf den Märkten, und wir haben Probleme bei der Forschung“, fasste die streitbare Ärztin die Studienergebnisse zusammen. „Um hier Abhilfe zu schaffen, müssen wir nicht nur das Patentrecht ändern, sondern auch die Pharmaforschung neu ausrichten.“

Glaubt man den Experten, gibt diese zurzeit kein gutes Bild ab. Prof. Dr. med. Peter Schönhöfer, Mitherausgeber der von der Pharmaindustrie unabhängigen Zeitschrift „arznei-telegramm“, zeichnete die Entwicklung nach. Die 50er bis 80er Jahre seien geprägt gewesen von einer Fülle von Innovationen, die tatsächlich die Therapie verändert hätten, sagte der Arzt und Pharmakologe. Dagegen seien in den vergangenen 20 Jahren von den 553 neuen Stoffen, die in Deutschland auf den Markt gekommen seien, nur acht echte Innovationen gewesen. Bei 50 Substanzen habe es sich um Schrittinnovationen gehandelt, die zumindest einen kleinen Fortschritt gebracht hätten. Der Rest sei ohne jeden Zusatznutzen auf den Markt gekommen.

Nach Ansicht von Schönhöfer hat „neoliberales Profitstreben“ die Innovationsfähigkeit der Pharmaindustrie zerstört. An der Spitze der Firmen stünden keine Wissenschaftler mehr, sondern Finanzmanager und Juristen, deren Arbeitsverträge auf vier Jahre befristet seien. „Für viele Forschungsprojekte braucht man aber bis zu zwölf Jahre, bis sie zum Erfolg führen“, gab Schönhöfer zu bedenken. Ein Kardinalfehler sei es auch gewesen, dass die meisten Firmen die eigene Grundlagenforschung abgeschafft hätten. „In den 80er Jahren war es üblich, dass die Unternehmen rund 40 Prozent ihrer Einnahmen in die Forschung und Entwicklung steckten“, so Schönhöfer. „Heute sind es weniger als zehn Prozent. Dafür fließen 40 Prozent ins Marketing.“

Was muss sich ändern? Pharmakritiker Schönhöfer fordert veränderte Forschungskonzepte. „Wir brauchen Institutionen, die Langzeitforschung betreiben können.“ Ziel müsse es sein, Substanzen zu entwickeln, die Krankheitsprozesse abbrechen, und nicht nur Symptome zu kurieren. „Aber auf dieser Schiene wird weiterentwickelt, statt zu schauen, was man grundsätzlich tun kann.“

Die Qualität vieler klinischer Studien und die mangelnde Transparenz bei der Veröffentlichung von Studiendaten bemängelte Dr. med. Lili Grell. „Ein Teil der Forschung verdient diesen Namen nicht mehr“, sagte die Leiterin der Abteilung Arzneimittelversorgung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Sie kritisierte darüber hinaus, dass die Geschäftsinteressen der Pharmaindustrie häufig höher gewertet würden als die Informationsrechte der Öffentlichkeit. So gäben beispielsweise die deutschen Zulassungsbehörden – das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und das Paul-Ehrlich-Institut – keine Auskunft über abgelehnte Zulassungsanträge.

„Ziel der Industrie ist es, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen, um dann möglichst viel Geld zu verdienen“, meinte Dr. med. Thomas Kaiser, Ressortleiter Arzneimittelbewertung im Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Würden für die Zulassung eines Arzneimittels andere Anforderungen formuliert, liefere die Pharmaindustrie auch andere Studien. Nach Ansicht von Kaiser bringt es nichts, die Forschung vom privaten in den öffentlichen Bereich zu verlagern. Denn die deutschen Universitäten seien viel zu wenig professionell, um qualitativ hochwertige Studien durchzuführen. Kaiser sieht das Problem grundsätzlicher: „Das wissenschaftliche Arbeiten hat im Medizinstudium keine Bedeutung. Es befähigt auch nicht zum kritischen Denken. Das müsste man ändern.“

Dass auch die Politik Handlungsbedarf erkennt, signalisierte der deutsche Europaabgeordnete Peter Liese (CDU). Er plädierte dafür, öffentliche Forschungsmittel stärker in den Bereichen zu investieren, in denen keine private Pharmaforschung stattfinde. Liese verwies dabei auf das 7. Forschungsrahmenprogramm, für das die Europäische Union von 2007 bis 2013 rund 54 Milliarden Euro bereitgestellt habe.

Heike Korzilius

3 Fragen an . . .

Christiane Fischer, Geschäftsführerin der BUKO-Pharma-Kampagne

Die BUKO-Pharma-Kampagne wurde von einem Netzwerk entwicklungspolitischer Nicht-Regierungsorganisationen gegründet. Hat sich Ihre Arbeit in den letzten 30 Jahren verändert?

Fischer: Auf jeden Fall. Unsere Arbeit ist professioneller geworden, und in den letzten zehn Jahren hat sich der Fokus auf die Themen „Zugang zu Medikamenten“, „Zugang zur Forschung“ und „Patente“ verlagert.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr größter Erfolg?

Fischer: Ein Riesenerfolg war und ist, dass wir es geschafft haben, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür zu wecken, dass das Patentrecht kein Gesetz Gottes ist, sondern dass man es verändern kann. Und dass Schutzklauseln, wie zum Beispiel die Möglichkeit von Staaten, Zwangslizenzen zu erteilen oder zu definieren, was in ihrem Land als Innovation gilt, dafür sorgen können, dass arme Menschen Zugang zu wichtigen Medikamenten haben. Das können auch die Pharmafirmen nicht mehr ignorieren.

Ein anderer Riesenerfolg war, dass wir verhindert haben, dass Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel in Europa legalisiert wird.

Der Titel der Jubiläums-Veranstaltung lautet „Pharmatopia – die Welt in 30 Jahren“. Was steht denn als nächstes auf Ihrer Agenda?

Fischer: Wir müssen zurück zu einer Arzneimittelforschung, die am Bedarf orientiert ist und nicht am Markt. Wenn ich am Markt orientiert bin, dann entwickle ich Medikamente, die möglichst viel Geld bringen. Wenn ich aber am Bedarf orientiert bin, dann entwickle ich Medikamente, die die Menschen heilen: neue Tuberkulosemedikamente, neue Schlafkrankheitsmedikamente, neue Medikamente auch gegen hier vernachlässigte Krankheiten. Ein Umdenken in der Forschung ist der nächste Schritt. Das wird nicht in einem Jahr geschehen, eher in zehn. Wir brauchen immer einen langen Atem.

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