THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie: In Pirna ging die Sonne auf . . .

Dtsch Arztebl 2011; 108(38): A-1950 / B-1657 / C-1645

Jachertz, Norbert

. . . und unter. Über die widerstreitende Geschichte des „Sonnenstein“ und wie eine kleine Stadt in Sachsen damit fertig wird.

Patientinnen und Schwestern, um 1930. Fotos: Archiv der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Von weitem gleicht der runde Klotz einem Elefanten, der sich da mitten in der Stadt auf gepflegtem Rasen niedergelassen hat. Beim Näherkommen entpuppt sich das Gebilde als Bus aus Beton. Runde Rückseite, eckiger Kühler. Die Nachbildung eines jener grauen Busse, mit denen 1940 und 1941 Patienten in die Tötungsanstalten gefahren wurden. Der Betonbus ist der Länge nach aufgeschnitten. Der Besucher betritt ihn, liest an der glatten Wand die Frage eines Patienten „Wohin bringt Ihr uns?“ und versucht sich vorzustellen, wie sich die Insassen gefühlt haben müssen. Das Denkmal der grauen Busse wird seit 2006 durch das Land gefahren, zu den Orten der NS-Euthanasie. Seit einem Jahr steht es in Pirna an der Elbe nahe Dresden. Denn auf dem Sonnenstein über den Dächern des freundlichen Städtchens betrieben die Nationalsozialisten eine der sechs Gas- und Verbrennungsmaschinerien zur „Euthanasie“ von Patienten; innerhalb von 14 Monaten wurden hier 15 000 Menschen umgebracht.

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Unweit des mobilen Denkmals widmet sich im Kapitelsaal des früheren Dominikanerklosters am 8. Juli 2011 eine kleine Festversammlung der ganzen Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein von 1811 bis 1939, auf den Tag genau 200 Jahre nach der Eröffnung der Königlich Sächsischen Anstalt. Die Geschichte betrifft eben nicht nur den Niedergang in der NS-Zeit, sondern auch Jahrzehnte der Reformpsychiatrie wie auch das Verschweigen nach 1945 und die Aufarbeitung seit den 1980er Jahren bis hin zur Einrichtung einer Gedenkstätte in der früheren Mordanstalt. Eingeladen haben die Stadt Pirna, deren Oberbürgermeister sich seit dem Ende der DDR für einen offenen Umgang mit der widersprüchlichen Geschichte verwenden, und das Kuratorium der Gedenkstätte Sonnenstein. Gekommen sind die sächsische Wissenschaftsministerin, Sabine von Schorlemer, der frühere Sozialminister Hans Geisler, der sich um das Wiederbeleben des Sonnenstein besonders verdient gemacht hat, und die Stadtoberen. Gekommen sind aber auch viele Bürger, deren Teilnahme vermuten lässt, dass die Aufarbeitung von unten getragen wird.

Die 1811 gegründete Anstalt auf dem Sonnenstein gilt als die erste dauerhaft existierende staatliche Betreuungsanstalt für psychisch Kranke in Deutschland. Sie sei, versichert der Historiker Dr. Boris Böhm, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Musteranstalt von europäischer Bedeutung gewesen. Sonnenstein stand für die aktivierende Behandlung und eine gewisse gesellschaftliche Integration der Patienten, so wurden hier schon früh auch Formen der familiären Unterbringung und der ambulanten Betreuung erprobt. „Die Sonne der Psychiatrie“ sei auf dem Sonnenstein aufgegangen, so hymnisch urteilte vor einigen Jahren denn auch der Psychiater Dr. Gerhart Zeller.

Innenhof der Landesanstalt Sonnenstein, um 1925.

Zu ergänzen wäre: Sie ging hier auch unter. Denn in der NS-Zeit wurde der Sonnenstein zu einem Ort des Schreckens. Vor allem diese Erinnerung wird heute wachgehalten. Zu Recht, doch das jähe Ende der Anstalt 1939 und die Verwandlung in einen Ort des Massenmordes hätten die – weitaus längere – humanistische Tradition für lange Zeit aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt, bedauert Dr. Böhm. Er ist Leiter der Gedenkstätte und setzt sich für eine umfassende Aufarbeitung ein, die auch die positiven Seiten der Geschichte vor 1933 einschließt oder auf die Biografien von künstlerisch bedeutenden Patienten hinweist. Das Mordprogramm der Nationalsozialisten hebt sich vor einem solchen Bild umso schwärzer ab. Als dunkler Punkt auf dem Bild erscheint freilich schon die hohe Todesrate im Ersten Weltkrieg (sie lag 1917 bei 32 Prozent der Patienten), bedingt durch Hunger und mangelnde Fürsorge. Ein Vorzeichen für die Zeit nach 1933 oder eine kurze dunkle Phase im Verlauf einer ansonsten ehrenhaften Tradition? In der Weimarer Republik wurde der reformorientierte Ansatz jedenfalls weiter verfolgt.

Der Umbruch kam schrittweise ab 1933. Diese Schlussphase des Sonnenstein ist eng mit dem Psychiater Prof. Dr. Hermann Paul Nitsche verbunden, der die Anstalt von 1928 bis 1939 leitete. Unter ihm erreichte sie mit mehr als 800 Insassen die höchste Belegung seit Bestehen. Nitsche, ursprünglich ein Anhänger der aktivierenden Behandlung, unterschied schließlich die Patienten nach „brauchbar“ und „unbrauchbar“. Ab 1933 sei die Behandlung des Patienten zunehmend von der Heilbarkeit abhängig gemacht worden, bestätigt Historiker Böhm. 1936 sei ein Drittel „Unheilbare“ in einer speziellen Abteilung zusammengelegt worden. Für nicht Arbeitsfähige entwickelte Nitsche eine fettfreie und nahezu fleischlose Sonderkost, die 1936 auch reichsweit eingeführt wurde. 182 Männer und 115 Frauen, die als erblich belastet galten, ließ Nitsche im Krankenhaus von Pirna sterilisieren. 1939 löste er im Auftrag des sächsischen Innenministers die Anstalt auf. Die Patienten wurden zunächst auf andere Einrichtungen verteilt. Nitsche wechselte 1940 zu der „Euthanasie“-Organisation T4, die im selben Jahr in einem Keller auf dem Sonnenstein eine Gaskammer und ein Krematorium einrichtete. Dort wurden auch 257 Stammpatienten aus Nitsches alter Wirkungsstätte getötet, wie die Datenbank der Opfer ausweist, die in der Gedenkstätte auf dem Sonnenstein heute geführt wird.

Die Ärzteschaft auf dem Sonnenstein um 1930. In der Mitte (mit aufgeknöpftem Kittel) Prof. Nitsche.

Die Gedenkstätte, in der auch historisch geforscht und Jugendbildung organisiert wird, gibt es seit dem Jahr 2000. Sie geht auf eine Bürgerinitiative zurück. Den Anstoß gab im Herbst 1989 eine Veranstaltung der evangelischen Gemeinde auf dem Sonnenstein, bei der der Leipziger Kirchenhistoriker Prof. Kurt Nowak an die Euthanasieverbrechen erinnerte – nach „Jahren des Verdrängens“, wie ein Teilnehmer aus Pirna eingesteht. Nowak hatte zwar schon 1971 über Euthanasie und Sterilisation im „Dritten Reich“ promoviert. Doch das Thema stand in der DDR, um es vorsichtig zu formulieren, nicht im Zentrum der Aufklärung über die NS-Zeit. Und gewiss nicht in Pirna. Obwohl die kleine Stadt und die große Anstalt in einer gewissen Symbiose gelebt haben müssen und obwohl nach 1945 eine Vielzahl von Zeitzeugen in Pirna lebte, wurde über die Vorgänge vor 1945 nicht offen geredet. Der Oberbürgermeister der Stadt, Klaus-Peter Hanke („Ich bin ein Ur-Pirnaer“), ein Mann Mitte 50, versichert glaubhaft, der jüngeren Generation sei „erst nach der Wende bewusst geworden, was war“. Als Kinder hätten sie auf den Wegen zum Sonnenstein gern gespielt; erst vor ein paar Jahren habe man erfahren, dass hier mit Schubkarren die Asche aus den Verbrennungsöfen den Hang runtergekippt worden sei.

Gefördert wurde das Verdrängen auch durch die neue Nutzung des Sonnenstein durch einen „Volkseigenen Betrieb“ der DDR, der Strömungsmaschinen produzierte und als geheim galt. Nach der Wende bot sich das Plateau auf dem Sonnenstein als wüstes Gelände dar mit heruntergekommenem Schloss, ungezählten Gebäuden der aufgelassenen Heil- und Pflegeanstalt, Montage- und Lagerhallen, inklusive einer alten Anstaltskirche. Die Euthanasie-Anstalt wurde schließlich identifiziert, von Umbauten befreit und als Gedenkort hergerichtet. Im selben Gebäudekomplex richtete die Arbeiterwohlfahrt eine Behindertenwerkstatt ein. Diese betreut heute mehr als 400 Menschen. Das Nebeneinander war anfangs sehr umstritten, scheint aber inzwischen akzeptiert zu sein. Der frühere Oberbürgermeister der Stadt, Hans-Peter Bohrig, hält die Verbindung von Behindertenarbeit und Gedenkstätte in einem Haus sogar für „ideal“ und „beispielhaft im Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart“.

Ob Pirnas Einwohner die Erinnerungsarbeit als ideal empfinden, ist schwer auszumachen. Zumindest anfangs sei die Zurückhaltung auffallend gewesen, erinnert sich ein Vertreter des Kuratoriums der Gedenkstätte. Die Stadtoberen hingegen und der Freistaat Sachsen förderten von Beginn an das Gedenken wie auch das Wagnis, am Ort des Schreckens eine Behindertenwerkstatt zu errichten. Denn „Wissen, Schmerz und Scham gehören zu unserem Erbe, das wir nicht ausschlagen können“, bemerkte von Schorlemer bei der Feierstunde im Kapitelsaal. Und Oberbürgermeister Hanke bekräftigte auf Nachfrage, die Pirnaer nähmen ihre Geschichte an.

Sie werden auch täglich daran erinnert: Vom Bahnhof quer durch die Innenstadt führt ein Pfad der Erinnerung bis zum Sonnenstein. Auf dezenten Stelen wird die Geschichte erzählt. Im Kuratorium der Gedenkstätte, dem derzeit ein Pfarrer i. R. vorsitzt, arbeiten neben einigen Amtsträgern ganz normale Bürger mit. Darunter zwei örtliche Psychiater. Einer von ihnen, Dr. Ulrich Schumann, nähert sich der Geschichte lyrisch. Sein Gedicht „Entlastung“ endet mit den Versen:

„Ja, es darf sein:/abgeworfen die Last/den Hang hinunter/und junge Bäume wachsen nach oben.“

Norbert Jachertz

Informationen:
Empfehlenswert sind zwei aktuelle Veröffentlichungen: Boris Böhm: Die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein 1811–1939, 182 Seiten, reich bebildert (daraus auch die Fotos auf diesen Seiten), sowie das Sonderheft des „Kuratoriums Gedenkstätte Sonnenstein e.V.“ anlässlich des 20-jährigen Bestehens (darin auch die bemerkenswerten Gedichte des Dr. Schumann), beide erhältlich über die Gedenkstätte (www.pirna-sonnenstein.de). Die Gedenkstätte ist Teil der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die fünf Gedenkorte sowie eine Dokumentationsstelle zur NS- oder SBZ beziehungsweise DDR-Zeit oder beidem unterhält (www.stsg.de).Der graue Betonbus, der ein Jahr in Pirna Station machte, wurde inzwischen abgebaut, nach Köln transportiert und dort vor dem Landschaftsverband Rheinland postiert.

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