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„Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors“: Kurzeinsatz in Westafrika

Dtsch Arztebl 2011; 108(38): A-1993 / B-1697 / C-1681

Maschuw, Katja

Sierra Leone ist das am wenigsten entwickelte Land der Erde. Die Autorin hat sechs Wochen beim Wiederaufbau des Catholic Mission Hospital in Serbau mitgeholfen.

Fotos: privat

Die Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors“ setzt sich seit 1983 für die Gesundheitsversorgung und Ausbildung sozialer Randgruppen in Entwicklungsländern ein. Durch freiwillige, unentgeltliche medizinische Kurzzeiteinsätze von in der Regel sechs Wochen ist diese Arbeit durch große Effektivität gekennzeichnet. Der Fokus liegt auf einer medizinischen Basisversorgung. Wo möglich, sollen aber auch einheimische Strukturen unterstützt, vernetzt und ausgebaut werden.

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Seit 2010 unterstützt die Organisation auf diesem Weg das Catholic Mission Hospital (CMH) in Serbau im Südwesten Sierra Leones. Im Gegensatz zu den Ambulanzprojekten in den urbanen Slums von Indien, Bangladesh, Kenia oder den Philippinen sind hier auch Chirurginnen und Chirurgen besonders gefragt. Schon ein sechswöchiger Einsatz ist dabei existenziell für die Menschen und elementar für den Aufbau einer Gesundheitsversorgung für die Landbevölkerung.

Die Gemeinde in Serabu hat eine Vision: zurück zum „Glanz der vergangenen Tage“, der Zeit vor dem Bürgerkrieg, lautet die Devise. Von 1954 bis 1991 war das CMH Serabu unter Leitung des irischen Ordens der Holy Rosary Missionary Sisters eines der renommiertesten Krankenhäuser Westafrikas. Zu Beginn des Krieges in 1991 wurde das Krankenhaus von den Rebellen der Revolutionary United Front gestürmt und zu einem zentralen Militärstützpunkt erklärt. Nach dem Krieg konnte unter Führung der Caritas mit Hilfe eines EU-Förderprojekts von 2006 bis 2008 der Wiederaufbau finanziert werden. Auch die medizinische Versorgung wurde zumindest auf dem Papier bis 2011 durch eine Anschubfinanzierung sichergestellt. Nur fehlen die Ärzte.

Die Arbeit in einer ländlichen Region wie Serabu ist für die wenigen Allgemeinärzte nicht nur wegen einer völlig fehlenden Infrastruktur, sondern auch wegen der vergleichsweise höheren Lebenshaltungskosten auf dem Land extrem unattraktiv. Die Gründe liegen in den Transportkosten von lebensnotwendigen Gütern aus der nächstgelegenen Stadt Bo, doppelten Haushaltskosten und dem Pendeln, wenn der Hauptwohnsitz, wie unter den Graduierten fast regelhaft, in Bo ist. Nachdem die Krankenversorgung mit Hilfe nur eines Arztes 2009 mehr schlecht als recht wieder aufgenommen werden konnte, drohte sie nur ein Jahr später durch den Stellenwechsel des völlig unterbezahlten „Dauerarztes für alle Fälle“ wieder zusammenzubrechen.

Im So

Unbeschreibliche Intensität: Die Gesinnung der Menschen, ihr Lebensmut, ihr Lebenswille und ihre Liebe zum Leben sind so stark, dass jede Anteilnahme daran zu einem lebensverändernden persönlichen Geschenk wird.
mmer 2010 stellte sich dann der bis dahin in Bo niedergelassene Arzt, Dr. Kargbo, der Herausforderung. Für ihn ist der Dienst eine persönliche Verpflichtung der Ehre, wie er sagt. Er verdankt der katholischen Gemeinde seine schulische Ausbildung, sein Studium und letztlich alles, was er durch seinen Beruf für sich und seine Familie erreicht hat. Jetzt sei es Zeit, etwas zurückzugeben, trotz aller Frustration. In der aktuellen Situation bleiben keine Ressourcen, um auf struktureller Ebene die Versorgungslage nachhaltig zu verbessern. Menschen versuchen zu überleben und viele sterben. Weil die EU-Finanzierung zum Ende des Jahres 2011 ausläuft, bewegen sich auch die Gehälter aller anderen Mitarbeiter am Existenzminimum.

Die angestrebte Einführung einer landesweit kostenfreien Gesundheitsversorgung für alle Risikogruppen (Kinder unter fünf Jahren, Schwangere und Stillende) zur Reduktion der Kinder- und Müttersterblichkeit liegt in weiter Ferne. Durch den Bürgerkrieg erschüttert, vom Neokolonialismus gezeichnet und von der Politik durch Korruption und Machtintrigen verraten, fehlt dem Land jede Möglichkeit der Finanzierung. Im CMH Serabu wird diese Lücke jedoch durch die „Patenschaft“ der Ärzte für die Dritte Welt geschlossen. Durch die Finanzierung der Gesundheitsversorgung für die Risikogruppen und der ärztlichen Unterstützung verbesserte sich die Versorgungslage seit 2010 stetig. Die steigenden Patientenzahlen und der deutliche Rückgang der Kinder-, Säuglings- und Müttersterblichkeit lässt die Vision vom „Glanz der vergangenen Tage“ konkreter werden.

Die Operationszahlen steigen seit 2009. Wurden im gesamten Jahr 2009 noch 154 Patienten operiert, waren es 2010 schon 189 und bis Mitte 2011 bereits 243. Die Arbeit stemmt ein Team, bestehend aus dem Anästhesiepfleger Boni, der OP-Schwester Tjange und dem Arzt Kargbao, unterstützt durch die Kurzzeiteinsätze der German Doctors.

In der Zeit vom 28. Mai bis zum 22. Juni 2011 verstarben insgesamt „nur“ fünf Erwachsene, drei Patienten an Malaria mit zerebraler Beteiligung und sekundärem Koma bereits bei Einlieferung. Für eine Patientin im hämorrhagischen Schock infolge einer Plazentaretention kam jede Hilfe zu spät. Ein Patient verstarb an einer fortgeschrittenen und im Verlauf fulminant fortschreitenden multifokalen Pyomyositis im protrahierten septischen Multiorganversagen. Eine Patientin verstarb intraoperativ im hämorrhagischen Schock bei fortgeschrittenem blutenden Zervixkarzinom. Außerdem verstarben sechs Kinder: drei Kinder infolge einer schweren Malaria, ein Kind mit einer zusätzlichen schweren Pneumonie, ein Kind infolge einer schweren primären Pneumonie und ein Kind infolge eines hämorrhagischen Fiebers.

Der Klinikalltag ist uns häufig fremd, ergibt aber in dem so ganz anderen Bezugssystem einen unmittelbaren Sinn. Als Beispiel sei hier die OP-Praxis genannt. Die Instrumente werden durch Abkochen sterilisiert, sind extrem heiß und werden mit einer Zange auf den Instrumentiertisch geworfen. Alles muss häufig sehr schnell gehen, so dass wir keinen akribisch gedeckten Instrumentiertisch erwarten können. Assistenz und selbsthaltende Hakensysteme sind Luxus. Die Möglichkeit zur Blutstillung durch Elektrokoagulation gibt es nicht. Die OP-Schwester muss also verantwortlich assistieren und mitoperieren. Deshalb werden die Instrumente zur Operation zwischen die Beine des Patienten gelegt, und jeder nimmt sich, was er braucht. Auch das synchrone gemeinsame Operieren ergibt Sinn. Oft sind die Befunde uns fremd, während die OP-Schwester Expertin ist und so ein dynamisches Miteinander im Team entsteht.

Das Spektrum elektiver Eingriffe beschränkt sich meistens auf Leistenhernien, Hydrozelen, Hysterektomien, Curettagen, Tubo-Ovariektomien und kindliche Leistenhernien. Notfalleingriffe umfassen Sectiones, Plazentalösungen, Appendektomien und Abszessdrainagen, inkarzerierte Hernien und infizierte Hydrozelen, aber auch allerlei Überraschungen wie Magenperforationen oder typhusbedingte Darmperforationen.

Die sechs Wochen waren geprägt von einer unbeschreiblichen Intensität. Schon sechs Wochen Einsatzzeit können helfen, die Menschen in Serabu auf ihrem Weg zu unterstützen und das Leben verändern, dort wie hier. Herzlich willkommen!

Dr. med. Katja Maschuw, Fachärztin für Chirurgie, Universitätsklinik Gießen und Marburg, maschuw@med.uni-marburg.de


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