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Prävention und Arbeitsmedizin: Zitronenbäumchen pflanzen

Dtsch Arztebl 2011; 108(39): A-1995 / B-1699 / C-1683

Gerst, Thomas

Der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer rückt zunehmend in den Mittelpunkt unternehmerischen Handelns; denn den wachsenden Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft müssen die deutschen Unternehmen mit älter werdenden Belegschaften begegnen. Zwangsläufig gewinnt dieses Thema so auch gesundheitspolitisch an Bedeutung. Die Arbeitsmedizin nutzt diese Chance: Mit einem öffentlichen Appell fordern der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) und die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) jetzt eine präventiv orientierte Umgestaltung des Gesundheitssystems (job-fit.net). Nicht fehlende Kompetenz oder Motivation älterer Arbeitnehmer beeinträchtigten in erster Linie deren Beschäftigungsfähigkeit, heißt es dort, sondern die starke Verbreitung chronischer „Volkskrankheiten“. Bei den komplexen Wechselbeziehungen zwischen Arbeit, gesundheitsbezogenem Verhalten, sozialem Status und Gesundheit gelinge allerdings keine strikte Trennung mehr zwischen arbeitsbezogener und individueller Verhaltensprävention, heißt es in dem Appell.

„Wir sind nahe am Menschen“, betonte VDBW-Präsident Dr. med. Wolfgang Panter bei der Eröffnung der Herbsttagung des Berufsverbandes in Bonn und forderte, die herausragende Chance zur Früherkennung von Gesundheitsrisiken und Krankheiten durch die Arbeitsmedizin stärker zu nutzen. Mit der Vorgabe klarer politischer Ziele sollten bessere Voraussetzungen für eine abgestimmte Zusammenarbeit von Betriebsärzten und niedergelassenen Ärzten geschaffen werden. „Wir haben das Ziel, vor die Krankheit zu kommen“, beschrieb Panter sein ehrgeiziges Unterfangen.

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Es spricht vieles für eine stärkere Verankerung individualpräventiver Ansätze in den Unternehmen. Wo sonst erreicht man die Menschen direkter? Hier gibt es die Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die eher selten oder nie den Arzt besuchen. Probleme an den Schnittstellen der Versorgungsebenen sollten angesichts der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Aufgabe schnell behoben werden.

Aber Maßnahmenbündel allein reichen nicht aus, um die Menschen fit für neue Herausforderungen und eine längere Lebensarbeitszeit zu machen. Die Mitarbeiter müssen erfahren, dass sie wichtig sind und gebraucht werden, dass sie ihre Potenziale entfalten und sich einbringen können. Dies sind Erkenntnisse aus der neurobiologischen Präventionsforschung, die Prof. Dr. Gerald Hüther den Teilnehmern der VDBW-Herbsttagung vermittelte. Die Fähigkeit des menschlichen Hirns, sich zu entwickeln und auf neue Anforderungen einzustellen, bleibe bis ins Alter erhalten – aber nur, wenn die Mitarbeiter emotional mitgenommen würden.

Thomas Gerst, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Das Üben einzelner Lernschritte führe zu nichts; wenn sich etwas ändern solle, müsse es unter die Haut gehen. „Das Hirn wird so, wie man es mit Freude und Begeisterung nutzt“, bekräftigte Hüther. Die Unternehmen müssten von der Ressourcenausnutzungs- zur Potenzialentfaltungskultur übergehen, oder etwas plakativer ausgedrückt: „Man kann nicht ewig Zitronen auspressen, sondern man muss anfangen, Zitronenbäumchen zu pflanzen.“ Diesen Impuls in die Unternehmen zu tragen, sieht der Neurobiologe Hüther als eine Hauptaufgabe der Arbeitsmedizin; so werde sie sich vielleicht eines Tages überflüssig machen.

Thomas Gerst
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik


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