MEDIEN
Medizingeschichte: Bemerkenswerte Darstellung
Dtsch Arztebl 2011; 108(39): A-2032


Die Palliativmedizin gilt landläufig als eine noch recht junge Disziplin. Ihre Anfänge werden meist mit dem Entstehen der Hospizbewegung in England in den 1960er Jahren gleichgesetzt. Doch die Wurzeln liegen sehr viel tiefer, wie jetzt eine bemerkenswerte Überblicksdarstellung des Würzburger Medizinhistorikers Michael Stolberg zeigt. Die ärztliche Pflicht, Schwerkranken und Sterbenden bis zum Tod beizustehen, selbst in aussichtslosen Fällen, lässt sich bereits seit dem ausgehenden Mittelalter im ärztlichen Schrifttum, aber auch in der medizinischen Praxis nachweisen. Der Begriff „Palliativmedizin“ (cura palliativa) taucht zum ersten Mal im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen „radikaler“ und „lindernder“ Therapie auf, und zwar zunächst in der Chirurgie. Doch im Unterschied zu heute zielte dieser Begriff nicht unbedingt auf Patienten in fortgeschrittenen oder terminalen Stadien ihrer Krankheit. Gemeint sein konnte auch eine Behandlung nicht unmittelbar lebensbedrohender Krankheiten, die den Patienten das Leiden leichter machte. Erst im 19. Jahrhundert findet ein Begriffswandel statt, und zwar zu derselben Zeit, als Ärzte erstmals eine aktive Sterbehilfe offen diskutieren. Palliativmedizin meint fortan speziell den ärztlichen Umgang mit sterbenden Patienten, auch wenn das therapeutische Arsenal, das den Ärzten damals zur Verfügung stand, nicht mit den heutigen Möglichkeiten der Schmerztherapie zu vergleichen ist. Robert Jütte
Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute. Mabuse, Frankfurt am Main 2011, 303 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro
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