POLITIK

Elektronische Gesundheitskarte: Option auf die Zukunft

Dtsch Arztebl 2011; 108(40): A-2063 / B-1759 / C-1743

Krüger-Brand, Heike E.

Auch wenn die jetzt ausgegebenen Karten noch nicht viel können – die „Lernfähigkeit“ der Komponenten für die Telematikinfrastruktur eröffnet die Möglichkeit, schrittweise neue Anwendungen zu integrieren.

Knapp sieben Millionen gesetzlich Versicherte erhalten noch in diesem Jahr eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) – sofern die Krankenkassen die gesetzlich vorgegebene Ausgabequote von zehn Prozent einhalten. Denn von den 153 Krankenkassen haben derzeit erst 14 Kassen eine Zulassung für ihre Karte von der Projektgesellschaft Gematik erhalten, so dass sie mit dem Versand beginnen können. Das berichtete Peter Bonerz, Geschäftsführer der eGK-Betreibergesellschaft Gematik, bei einer Präsentation des Projekts Ende September in Berlin. Die Karten von 60 weiteren Kassen befänden sich derzeit im Genehmigungsverfahren, das erfahrungsgemäß rasch absolviert werde, sagte Bonerz. „Wir sind zuversichtlich, dass bis zum Jahresende alle Kassen die Zulassung für ihre Karten haben werden.“

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Den Ausgabestart der eGK öffentlichkeitswirksam als Erfolg zu vermitteln ist somit nicht einfach, zumal die neue Karte ohne Online-Anbindung vorerst nicht mehr leistet als die alte Krankenversichertenkarte. Umso mehr warben die Partner der Selbstverwaltung für das Projekt und hoben die vielfältigen Potenziale der geplanten Infrastruktur hervor.

Zügiger Ausbau der Infrastruktur notwendig

Als einen ersten notwendigen Schritt in Richtung auf eine Telematikinfrastruktur und eine Optimierung der medizinischen Versorgung bewertete Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, die Ausgabe der Karte. Dies sei aber noch nicht hinreichend. Die eGK sei nur sinnvoll, wenn der Ausbau der Infrastruktur zügig folge. „Wir erwarten, dass weitere Anwendungen kommen werden, die den Nutzen für alle Beteiligten realisieren“, betonte Pfeiffer. Konkrete Beispiele hierfür seien der sektor- und facharztübergreifende Informationsaustausch durch elektronische Fall- und Patientenakten. Die Einführung der Karten werde dazu beitragen, die Informationsmöglichkeiten im Gesundheitswesen zu verbessern und die Patientensouveränität durch mehr Transparenz der Behandlung zu stärken.

Für die Kassen sei zudem eine Steigerung der Wirtschaftlichkeit zu erwarten, weil Prozesse vereinfacht würden und weil die Versicherten durch mehr Informationen über ihre Behandlungsverläufe eine höhere Compliance zeigten. Durch das Foto auf der Karte lasse sich zudem eher Missbrauch verhindern.

Auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Carl-Heinz Müller, drängte darauf, Zusatzfunktionen und Mehrwertanwendungen der eGK zeitnah einzuführen. „Wir leben in einer mobilen Gesellschaft und wollen eine durchgängige Versorgung gewährleisten“, erklärte der KBV-Vorstand. Es gelte, den Versicherten Chancen und Perspektiven der Telematikinfrastruktur aufzuzeigen, gleichzeitig aber auch Praxisabläufe zu vereinfachen und transparenter zu gestalten.

„Wir brauchen den Notfalldatensatz auf der Karte, weil dieser die Behandlung in akuten Fällen erleichtern würde“, sagte Müller. Mit Einverständnis des Versicherten könnten zudem Hinweise auf Vollmachten und Organspendebereitschaft hinterlegt werden. „Die Karte soll eine lernende Karte sein. Zum Beispiel lassen sich künftig der Impfstatus oder der Gesundheits-Checkup per Karte managen. Dies wären deutliche Praxiserleichterungen, zum Nutzen des Versicherten und zum Bürokratieabbau.“

Auch aus Sicht der Ärzte wird sich der Nutzen der eGK erst über die Online-Anwendungen zeigen. Vor Bestrebungen der Krankenkassen, das Versichertenstammdatenmanagement als administrative Anwendung vorzuziehen, um die Online-Anbindung der Leistungserbringer zu beschleunigen („Alternative 2012“), warnte Müller jedoch eindringlich: „Wichtig ist, dass im Projekt kein Alleingang gestartet wird. Das ist nicht im Sinn der Versicherten und der Ärzte, die eine medizinisch nützliche Kommunikation benötigen.“

Hohes Datenschutz- und Sicherheitsniveau

„Noch in keinem Projekt haben wir so intensiv die Auseinandersetzung um Sicherheitsanforderungen, Bedienungskomfort und Kosten gesehen wie in diesem Projekt“, betonte Bernd Kowalski vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Das Sicherheitsprofil der IT-Komponenten in der Telematikinfrastruktur gewährleiste leistungsfähige und zukunftsfähige Prozesse und Fachdienste auf einem nachweisbar hohen Datenschutz- und Datensicherheitsniveau, konstatierte Kowalski.

Bis zu 85 Prozent der Arzt- und Psychotherapeutenpraxen sind im Bundesdurchschnitt inzwischen mit eGK-fähigen Lesegeräten ausgestattet. Die Kosten hierfür belaufen sich nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes auf 156 Millionen Euro. Die Kartenausgabe an die rund 70 Millionen Versicherten, die bis Mitte 2013 abgeschlossen werden soll, kostet insgesamt etwa 140 Millionen Euro. Für das Jahr 2012 ist dabei eine Ausgabequote in Höhe von 70 Prozent im Gespräch.

Heike E. Krüger-Brand

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