MEDIZINREPORT: Studien im Fokus
Nierenlebendspende bei HLA-Antikörpern des Empfängers: Transplantation nach Desensibilisierung erfolgreich
Dtsch Arztebl 2011; 108(40): A-2097 / B-1782 / C-1762


Circa ein Drittel der Nierenpatienten, die auf ein neues Organ warten, haben präformierte Antikörper (PRA) gegen HLA-Merkmale. Um dennoch eine lebend oder postmortal gespendete Niere transplantieren zu können, werden Methoden der Desensibilisierung (Plasmapherese, Antikörper-Immunadsorption) des Empfängers erprobt. Wissenschaftler von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore haben nun die 5-Jahres-Ergebnisse dieser Vorgehensweise publiziert.
211 Patienten mit positivem Crossmatch gegenüber einem Lebendspender erhielten Plasmapheresen und im Anschluss jeweils Anti-Zytomegalievirus-Antikörper (Cytogam, CSL Behring). Die Zahl der Behandlungen variierte mit dem Anti-HLA-Antikörpertiter. Ein lebend gespendetes Organ wurde dann transplantiert, wenn der Titer unter 1 : 8 lag und das Crossmatch negativ war. Es gab zwei Kontrollgruppen unter den Wartepatienten, die in Bezug auf Alter, Geschlecht, Blutgruppe, Zahl früherer Transplantationen und PRA gematcht wurden: Eine Gruppe blieb kontinuierlich an der Dialyse, in der zweiten Gruppe waren Patienten, die entweder eine Dialysetherapie oder ein Transplantat erhielten.
Die Patienten-Überlebensraten nach Kaplan-Meier betrugen in der Behandlungsgruppe 90,6 % nach einem Jahr, 85,7 % nach 3 Jahren sowie jeweils 80,6 % nach 5 und 8 Jahren. In den Kontrollgruppen lagen sie bei 91,1 und 93,1 % (Nur-Dialyse und Dialyse-Transplantat) nach einem Jahr, bei 67,2 und 77 % nach 3 Jahren, bei 51,5 und 65,6 % nach 5 Jahren sowie 30,5 und 49,1 % nach 8 Jahren (p < 0,001 für beide Vergleichsgruppen). Bei 10,9 % der Patienten in der Behandlungsgruppe traten minderschwere Nebenwirkungen auf (Hautrötungen, Jucken, Kopfschmerz, Übelkeit, Kurzatmigkeit), bei 1,4 % jedoch schwerer wiegende Nebeneffekte wie Anaphylaxie.
Fazit: Patienten mit präformierten Antikörpern, für die ein Lebendspender zur Verfügung steht, haben im Langzeitverlauf nach Desensibilisierung und Transplantation bessere Überlebenschancen, als wenn sie dialysiert worden wären. Die Autoren weisen allerdings auf die im Vergleich zur Dialyse oder im Vergleich zu Patienten mit gewebekompatiblen Lebendspendern geringeren Einjahresüberlebensraten in der Behandlungsgruppe hin. Eine mögliche Erklärung sei die mit der Sensibilisierung assoziierte erhöhte Komorbidität.
„Ein Hauptproblem der Studie besteht darin, dass aus ihr an keiner Stelle hervorgeht, wie die Transplantatüberlebensraten der desensibilisierten Kohorte sind“, kommentiert Prof. Dr. med. Martin Zeier (Universitätsklinik Heidelberg). Diese Information wäre zu einer abschließenden Beurteilung des Desensibilisierungserfolges unabdingbar notwendig. Ein zweites Problem sei die Wahl der Kontrollgruppe. Zwar handele es sich um passende Kontrollpersonen, es sei jedoch nicht klar, ob sie in speziellen Programmen, vergleichbar dem Eurotransplant Acceptable Mismatch Program, angemeldet waren oder direkt vor Transplantation ebenfalls eine Desensibilisierung stattgefunden hat. Hierdurch könnten Wartezeiten reduziert und gleichzeitig der Transplantationserfolg ohne Lebendspende verbessert werden.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Montgomery RA, Lonze BE, King, KE, Kraus ES, et al.: Desensitization in HLA-incompatible kidney recipients and survival. NEJM 365; 2011: 318–26.
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.