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Supplement: PRAXiS

Aktienmarkt: Der Aufschwung ist erst einmal beendet

Dtsch Arztebl 2011; 108(41): [24]

Jobst, Peter

Foto: dapd

Der August 2011 wird als „schwarzer Monat“ in die Geschichte der Deutschen Börse eingehen. An den meisten Tagen gaben die Kurse nach, per saldo blieb ein sattes Minus von mehr als 20 Prozent. Über die weitere Entwicklung sind die Experten uneins.

Seit Anfang 2009 kannten die Kurse an den meisten Aktienmärkten nur eine Richtung: aufwärts. Allein der 30 Standardwerte umfassende DAX kletterte in gerade einmal zwei Jahren um mehr als 50 Prozent auf über 7 500 Punkte. Zum Jahresende wurden neue Rekordmarken von mehr als 8 000 Punkten prophezeit, manche Optimisten sahen sogar die 10 000-Punkte-Marke als erreichbare Größenordnung an. Unterstützt wurde diese Auffassung durch die blühende Konjunktur. Viele Unternehmen erreichen zweistellige Wachstumsraten bei Umsatz und Ertrag. Negative Punkte wurden hingegen, zumindest an den Finanzmärkten, weitgehend ignoriert. So spielte etwa die Schuldenkrise in den EU-Staaten ebenso wenig eine Rolle wie die Beinahe-Zahlungsunfähigkeit der USA, immerhin die größte Volkswirtschaft der Welt. Auch die Tatsache, dass die Konjunkturentwicklung ihren Höhepunkt erst einmal erreicht haben dürfte, fand bei den Anlegern keine Beachtung.

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Die Wende kam Anfang August, gerade zu einer Zeit, als wichtige Probleme wie etwa die Zahlungsproblematik in den USA erst einmal beseitigt zu sein schienen. Die US-amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s sprach das aus, was jeder längst wusste: Die Bonität der USA war nicht mehr erstklassig. Nachdem man bereits im April erste Warnungen verlauten hatte lassen, wurde die Bonität der USA vom bisherigen AAA-Rating auf ein immer noch erstklassiges AA+-Rating abgestuft. Die Märkte reagierten prompt. Offenbar aufgrund frühzeitig durchgesickerter Informationen kam es bereits einige Tage vor der Herabstufung zu massiven Kursverlusten an den meisten Weltbörsen, nach Bekanntgabe der Abwertung kannten die Börsen kein Halten mehr. Elf Handelstage in Folge verzeichnete der DAX Verluste, in der Spitze lag das Minus bei fast 25 Prozent. Erst in den letzten Augusttagen, als viele Fondsmanager die Arbeit nach den Sommerferien wieder aufnahmen, kam es zu einer leichten Stabilisierung, so dass das Frankfurter Börsenbarometer den ansonsten börsentechnisch eher ruhigen Urlaubsmonat August mit einem Minus von cirka 20 Prozent abschloss.

Begleitet war der Kurssturz von enormen Schwankungen, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Zwischen den Höchst- und Tiefstkursen eines Tages lagen oftmals bis zu zehn Prozent, ohne dass dies durch eine veränderte Nachrichtenlage gerechtfertigt gewesen wäre. Der Grund für diese massiven Ausschläge und die Heftigkeit des Kursrückgangs ist vor allem im Computerhandel zu sehen, auf den etwa in den USA bereits 60 Prozent aller Transaktionen entfallen. Werden automatisch errechnete Kursmarken nach unten geschnitten, stellt der Computer die Papiere zum Verkauf – die Abwärtsspirale kommt in Gang. Der Verkauf lässt die Kurse fallen, es werden neue Kurslimits unterschritten und damit neue Verkäufe ausgelöst. Verstärkt wird die Entwicklung durch Derivate und Leerverkäufe, weil wegen der damit verbundenen Hebelwirkungen hier oft sehr enge Limits gesetzt sind. Zum Stillstand kommt der Crash erst dann, wenn die Aktien so billig geworden sind, dass fundamental orientierte Anleger in größerem Maß einsteigen.

Ordentliche Dividenden

Teuer sind deutsche Standardwerte jedoch längst nicht mehr: Das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis war in den vergangenen zwei Jahren zwar auf 14 und damit über den langfristigen Durchschnitt von 13 angestiegen, doch erschien diese Bewertung angesichts der Wachstumsraten durchaus angemessen. Heute weisen die DAX-Werte ein durchschnittliches Kurs/Gewinn-Verhältnis von weniger als elf auf, wobei hier bereits ein möglicher Gewinnrückgang der Unternehmen um immerhin 25 Prozent eingepreist ist. Auch die Dividendenrenditen können sich sehen lassen. Legt man die aktuellen Dividendenerwartungen der deutschen Standardwerte zugrunde, lassen sich mit vielen Aktien Renditen von mehr als sieben Prozent erzielen, manche Nebenwerte bringen sogar mehr als zehn Prozent. Selbst im Fall deutlicher Dividendenreduzierungen – derzeit noch nicht in Sicht – bleibt immer noch ein satter Ertrag, der weit über der mit Rentenwerten erzielbaren Umlaufrendite von aktuell gerade einmal zwei Prozent angesiedelt ist.

Entscheidend sind zwei Faktoren: Einerseits stellt sich die Frage nach der Entwicklung in der Schuldenkrise. Gelingt es der Politik, die in vielen Ländern ausufernde Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen oder aber die Lage durch geordnete Maßnahmen – etwa in Zusammenhang mit Griechenland – zu regulieren, steht einer Beruhigung an den Aktienmärkten nichts mehr im Weg. Solange hier jedoch Unsicherheiten herrschen, wird auch den Aktienbörsen wenig Potenzial eingeräumt.

Ausverkaufsstimmung

Andererseits spielt die konjunkturelle Entwicklung eine entscheidende Rolle. Bisher spricht – sieht man vom Börsencrash ab – in der Euro-Kernzone wenig dafür, dass die Konjunktur einen scharfen Einbruch erleben könnte. Ein Rückgang der Wachstumsraten ist zwar wahrscheinlich, jedoch sorgt allein die enorme Nachfrage aus China und den Schwellenländern dafür, dass die deutsche Exportkonjunktur weiterhin auf Erfolgskurs steuert. Entsprechend ist zwar das Potenzial für die Aktienkurse längst nicht mehr so groß wie noch vor einigen Monaten, ein derart massiver Einbruch wie im August/September erscheint dennoch übertrieben.

Allerdings muss sich jeder Anleger darüber im Klaren sein, dass in einem Crash-Szenario fundamentale Daten meist nur wenig Beachtung finden. Solange die Märkte von einer Ausverkaufsstimmung geprägt sind, kann es jederzeit zu neuen Rückschlägen kommen. Nachdem im August alle Unterstützungslinien nach unten gebrochen wurden, verlaufen die nächsten Widerstände beim DAX im Bereich von 4 600 Punkten und tiefer, selbst Marken um 4 000 Punkte werden von Pessimisten nicht mehr ausgeschlossen. Für diese Auffassung spricht auch ein Rückblick auf frühere Crash-Szenarien. Kräftigen Rückschlagphasen – etwa in den Jahren 1987, 1998 oder 2008 – folgten meist noch zwei bis drei schwächere Börsenmonate mit moderaten Verlusten, bevor sich die Notierungen wieder erholen konnten. Allerdings liefert die Charttechnik zumindest ein positives Signal. Der Absturz war so stark, dass in der Kursgrafik eine Lücke – ein „gap“ – entstanden ist. Üblicherweise werden solche Lücken meist relativ schnell wieder geschlossen. Sollten die Fragen zur Schuldenproblematik einigermaßen verträglich gelöst werden können und sich die Konjunktur vergleichsweise stabil halten können, bestehen auf Sicht von zwei bis drei Jahren durchaus Chancen auf eine vergleichsweise schnelle Erholung.

Für Anleger bedeutet dies jedoch, zunächst die Ruhe zu bewahren. Wer die Möglichkeit verpasst hat, seine Positionen zu Beginn des Crashs abzusichern oder gar ganz auszusteigen, sollte investiert bleiben. Es ist zwar damit zu rechnen, dass sich zunächst noch weitere Verluste aufbauen könnten, jedoch würde man sich mit einem Ausstieg der Chancen auf spätere Kursgewinne berauben. Im Übrigen bietet der Markt wenig attraktive Alternativen. Gold und andere Edelmetalle sind bereits sehr teuer, Immobilien sind zu unflexibel, und die Rendite von Anleihen ist mit durchschnittlich zwei Prozent viel zu niedrig.

Zum Aufbau neuer Positionen ist es derzeit noch zu früh, selbst wenn die Bewertung mancher Standardaktien verlockend erscheint. Angesichts der bestehenden Unsicherheiten sollten Anleger noch mindestens bis zum Dezember warten und sich dann an den revidierten Gewinnerwartungen der Unternehmen orientieren. Peter Jobst


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