„Das Wort eines alten Menschen verhallt nicht schnell“, zitiert Ekkehard Doehring (hier im Gespräch mit Jasper Ogwal-Okeng, Dekan des Lira Medical College) die Batoro in Westuganda. Der SES-Experte ist dankbar, seine Erfahrung in Afrika einbringen zu können: „Es lässt sich dort viel bewegen – mit geringen Mitteln und Bescheidenheit im Herzen, aber nicht im Anspruch.“ Foto: privat
Der Senior-Experten-Service unterstützt innovative Ansätze in Uganda.
Die medizinische Versorgung in entlegenen Gebieten stellt die meisten afrikanischen Länder vor Herausforderungen. Uganda, im Osten des Kontinents, bildet da keine Ausnahme. Insbesondere betroffen ist der Norden des Landes; eine Region, die unter den Folgen eines 20-jährigen Bürgerkriegs bis 2006 leidet. Der Krieg, wegen des massiven Missbrauchs von Kindersoldaten in die internationalen Schlagzeilen geraten, hat den ugandischen Norden in seiner Entwicklung weit zurückgeworfen – nicht nur, aber auch mit Blick auf die Gesundheitsversorgung.
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Abzulesen sind die Versorgungsprobleme nicht zuletzt an Indikatorerkrankungen wie der Immunschwäche Aids. Die HIV-Prävalenz in Norduganda liegt bei zehn Prozent und damit weit über dem nationalen Durchschnitt von etwa 6,9 Prozent. Weitere belastende Momente kommen aus dem benachbarten Südsudan, dem jüngsten afrikanischen Staat, und trotz hoher Ölvorkommen, eines der unterprivilegiertesten Länder der Welt. Wahrscheinlich von dort wurde Ende 2010 Wildpolio nach Norduganda eingeschleppt, möglicherweise auch Gelbfieber, das in Uganda seit 1970 nicht mehr aufgetreten war.
Erschwerend auf die Ernährungslage und so auch die Gesundheit wirken sich die klimatischen Bedingungen aus. Der Norden Ugandas liegt, anders als die fruchtbare Landesmitte und der Süden, in einer semiariden Zone und verzeichnet seit fast drei Jahren exzessive Trockenperioden. Entsprechend gering sind die Erträge aus dem Ackerbau.
Allen Widrigkeiten zum Trotz erholt sich der Norden Ugandas zusehends: Der zivile Wiederaufbau schreitet voran. Ein wichtiges Anliegen ist zurzeit die Aufarbeitung von Bildungsdefiziten. Der Bürgerkrieg hat eine ganze Generation von der schulischen, beruflichen und akademischen Ausbildung abgeschnitten. Davon sind auch die Gesundheitsberufe betroffen. Die „lost generation“ aufzufangen, ist Gegenstand vielfältiger Bemühungen – auch des Senior-Experten- Service (SES).
Weltweit unterstützt der SES seit knapp 30 Jahren mit Fachleuten im Ruhestand vornehmlich kleine und mittlere Unternehmen, aber auch Einrichtungen im medizinischen Bereich. Derzeit sind etwa 9 500 Experten registriert, unter ihnen circa 900 Ärzte, Pfleger und Vertreter anderer Gesundheitsberufe. Einer der Autoren war in den letzten Jahren fünfmal über den SES in Uganda tätig. Er unterstützte dort unter anderem die 2002 gegründete Universität in Gulu beim Aufbau ihrer medizinischen Fakultät. Ein Ableger dieser Fakultät ist das Lira Medical College in der rasch wachsenden nordugandischen Stadt Lira. Das College beschreitet Wege, die sich als beispielhaft für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung anderer armer Regionen in Afrika erweisen könnten.
Möglichst nah am Menschen
Neben dem oft beklagten Ärztemangel sind die geringe Reichweite und Durchsetzungskraft staatlicher Gesundheitsangebote ein weiteres großes Problem der Gesundheitsversorgung in den ländlichen Regionen Afrikas. Eine der Bestrebungen, diese Situation zu verbessern, hat unter dem Schlagwort „rural outreach“ von sich reden gemacht. Ziel des Ansatzes ist es, Gesundheitsangebote so nah wie möglich an die Menschen zu bringen und Akzeptanzprobleme zu überwinden. Dazu werden etablierte und traditionelle Strukturen vor Ort genutzt. Als Multiplikatoren, Beobachter und Berichterstatter werden Lehrer, Gemeinde-Chiefs, politische Kräfte und religiöse Würdenträger eingebunden – Personen mit großem Vertrauensbonus in der Bevölkerung. Zudem ergänzen niederschwellige lokale Gesundheitsangebote den Dienst der für viele Menschen schwer zu erreichenden Gesundheitszentren.
Am Konzept des rural outreach orientiert sich auch das Lira Medical College. Es bildet in diversen Gesundheitsberufen aus, vornehmlich Krankenschwestern und Hebammen. Ihre Ausbildung beinhaltet Praktika in ländlichen Gegenden, fördert soziale Kontakte und begünstigt so den Verbleib in der Region nach Abschluss des Studiums gegen den verbreiteten Trend der Landflucht. Das College legt großen Wert auf die Vermittlung von Kenntnissen in den Bereichen öffentliche Gesundheit und Prävention, ebenso darauf, dass seine Studenten Qualifikationen erwerben, die weit über die klassischen Ausbildungsinhalte hinausgehen. Ein Beispiel dafür sind Hebammen, die Kaiserschnittentbindungen durchzuführen lernen – unter Aufsicht, aber eigenständig. Möglich macht solche Grenzüberschreitungen, die in der späteren Berufspraxis lebensrettend sein können, eine Sondergenehmigung des ugandischen Gesundheitsministeriums.
Integration der Heiler
Vorangetrieben wird am Lira Medical College auch die Gesundheitsförderung. Die Abteilung „health promotion“ erforscht derzeit die Hintergründe der in der Bevölkerung zu beobachtenden Gleichgültigkeit gegenüber den staatlichen Gesundheitshilfen. In diesem Zusammenhang befasst sie sich mit dem lokal vorherrschenden Gesundheitsbegriff, führt Knowledge-attitude-practice-Studien durch und arbeitet eng mit traditionellen Heilern – Ngangas – zusammen. Auch hier sind die Rahmenbedingungen günstig: In Uganda ist die Integration der Heiler in das Gesundheitssystem gesetzlich geregelt.
Die Vernetzung von Ausbildung und Krankenversorgung und vor allem die interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung sind weitere wichtige Aspekte der Arbeit am Lira Medical College. Die Malariaforschung etwa hat sich mit Insektenforschern, Ökologen und Vertretern anderer Disziplinen zusammengeschlossen. Ziel ist eine effektivere Vektorkontrolle, unterstützt durch epidemiologische Studien, die die Wirkung der Interventionen auf Bevölkerungsebene belegen. Von entscheidender Bedeutung in einer von der Viehzucht so abhängigen Region wie Norduganda ist die Tiergesundheit. Sie wirkt sich direkt auf die Gesundheit der Menschen aus. Deshalb befindet sich am Lira Medical College auch eine veterinärmedizinische Abteilung im Aufbau. Eines der Angebote ist die regelmäßige Untersuchung der Viehbestände auf Krankheitsanzeichen.
Viele dieser Ansätze und Vorhaben sind auf Hilfe von außen angewiesen. Das gilt für Forschung und Lehre und auch für die angestrebte internationale Anbindung des College. Senior-Experten des SES stehen als Ratgeber bereit.
Prof. Dr. med. Ekkehard Doehring Dr. phil. Heike Nasdala
Informationen
Der Senior-Experten-Service (SES) – die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit – ist die führende deutsche Ehrenamts- und Entsendeorganisation für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Die gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Bonn gibt seit 1983 Hilfe zur Selbsthilfe und hat bislang mehr als 25 000 Einsätze in 160 Ländern verwirklicht – circa 200 davon in Uganda. Der SES sucht ständig Experten aller beruflichen Fachrichtungen, auch Ärzte und Pfleger – zurzeit insbesondere: Augenärzte, Bauchchirurgen, Gynäkologen, interventionelle Kardiologen, Kinderärzte, Radiologen und Tuberkulose-Spezialisten sowie Kinderkrankenschwestern mit Schwerpunkt Frühgeborene. Weitere Informationen findet man unter: www.ses-bonn.de.
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