THEMEN DER ZEIT

Pflege in Japan: Der Greisenstaat

Dtsch Arztebl 2011; 108(43): A-2274 / B-1921 / C-1901

Merten, Martina

Japanische Frauen werden im Durchschnitt 86 Jahre alt – in keinem Land der Welt liegt die Lebenserwartung höher. Foto: dpa

Japan, das Land mit dem höchsten Anteil an über 65-Jährigen weltweit, arbeitet fieberhaft an Konzepten zur Verbesserung der Pflegesituation. Das ein oder andere wäre auch für Deutschland interessant.

Das Problem ist in vielen Industriestaaten dasselbe: Die Zahl älterer Menschen steigt stetig an, doch die Geburtenrate bleibt niedrig. Resultat dieser explosiven Mischung sind ein hoher Pflegebedarf, steigende Kosten und ein zunehmender Bedarf an Einrichtungen für die Pflege von Senioren.

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Zweifellos am dringendsten braucht Japan Lösungen für dieses Problem. Der im Westpazifik liegende Staat zählt mehr als 127 Millionen Einwohner; 23 Prozent davon sind 65 Jahre und älter, jünger als 14 Jahre sind nur circa 13 Prozent. Gleichzeitig ist Japan das Land mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Frauen leben durchschnittlich 86 Jahre, Männer knapp 80. Zum Vergleich: In Deutschland werden Frauen im Durchschnitt 83 und Männer 77 Jahre alt. Die Geburtenrate pro Frau liegt demgegenüber bei etwa 1,6 Kindern. Diese entgegengesetzte Entwicklung wird nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation dazu führen, dass die Bevölkerung in Japan bis 2050 auf ungefähr 95,2 Millionen Einwohner schrumpfen wird. Der Anteil der über 65-Jährigen läge dann bei etwa 40 Prozent.

Die Folgen für das Sozialwesen seien enorm, weiß Miyajima Toshihiko, Generaldirektor des japanischen „Health and Welfare Bureau for the Elderly“. Derzeit mangele es nicht nur an qualifizierten Pflegefachkräften und Hausärzten, erläuterte Miyajima während des vom Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin und den Gesundheitsministerien beider Länder organisierten Symposiums zur Langzeitpflege. Es fehlten zudem seniorengerechte Wohnungen, Pflegeheime und ambulante Betreuungsmöglichkeiten. Zum Bau neuer Pflegeheime mangele es insbesondere in den Städten an Platz. Da 84 Prozent der Senioren in Eigenheimen wohnen, bleibt nicht ausreichend Raum für den Bau von altersgerechten Wohnungen.

Pflegebeiträge sind zu niedrig

Die rasante Zunahme älterer Menschen stellt Japan auch finanziell vor enorme Herausforderungen: „Unser Wohlfahrtslevel liegt im internationalen Vergleich zwar im Mittelfeld“, beschreibt Miyajima den Leistungsumfang der gesetzlichen Pflegeversicherung in Japan. Die Beiträge seien daran gemessen allerdings zu niedrig. Die japanische gesetzliche Pflegeversicherung wurde als eigenständige Säule erst im Jahr 2000 – und somit fünf Jahre später als in Deutschland – eingeführt. Zuvor war die Pflege Teil der Gesundheitsfürsorge und fand ausschließlich in Krankenhäusern statt. Derzeit tragen Senioren über 65 Jahre 17 Prozent der gesamten Pflegekosten, die 40- bis 65-Jährigen 33 Prozent sowie Staat und Kommunen jeweils 25 Prozent. Die 33 Prozent der 40- bis 65-Jährigen machen im Durchschnitt lediglich etwa 4 160 Japanische Yen (JPY) pro Monat aus, das entspricht nicht einmal 40 Euro pro Kopf. „Das muss sich dringend ändern, sonst überrollt uns die Schuldenlast“, befürchtet der Generaldirektor. Geplant sei, diesen Betrag bis 2025 auf 10 000 JPY zu erhöhen; darüber hinaus müsse die Regierung die Selbstbehalte anheben.

Rund um die Uhr erreichbar

Aufgrund des enormen Drucks arbeitet die japanische Regierung fieberhaft an Strukturen, von denen einige auch für Deutschland brauchbar sein könnten, wie Dr. Jürgen Gohde, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, am Rande des Symposiums befand. Beispiel Demenz: 7,2 Prozent der Senioren in Japan leiden unter Demenz, mit steigender Tendenz. Weil in den meisten Familien Vater und Mutter berufstätig und Pflege und Arbeit schwer zu vereinbaren sind, nimmt das Ehrenamt Miyajima zufolge immer mehr an Bedeutung zu. Diejenigen Japaner, die grundsätzlich bereit sind, demenzkranken Menschen in ihrer Region zu helfen, tragen als Ausdruck ihres Helferwillens ein orangefarbenes Band um ihr Handgelenk. 2,5 Millionen Menschen sind es derzeit. „Diese Zahl muss sich noch erhöhen“, betont Miyajima.

Beispiel Nachbarschaft: Um die Bedeutung kommunaler und gemeindenaher Unterstützungsstrukturen zu stärken, plant die Regierung Nachbarschaftsvereine für Senioren. Senioren sollen in ihrer Wohnung bleiben, aber gleichzeitig eine fixe Anlaufstelle in der Umgebung haben, die sich um Dinge des Alltags kümmert, erklärt Tounai Kyouichi, stellvertretender Direktor der Abteilung für allgemeine Angelegenheiten des „Health and Welfare Bureau for the Elderly“.

Denkbar ist nach Ansicht von Koyama Tsuyoshi auch der verstärkte Einsatz von Technik. „Wir müssen neue Technologien wie Videokonferenzen nutzen, um Senioren das Gefühl zu geben, dass rund um die Uhr jemand für sie erreichbar ist“, sagt der Betreiber eines Pflegeheimes.

Martina Merten

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