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Organspende: Jetzt werden die Weichen gestellt

Dtsch Arztebl 2011; 108(43): A-2249 / B-1897 / C-1877

Siegmund-Schultze, Nicola

Welch hohe Bedeutung die Verbesserung der Organspende weltweit für die Medizin hat, macht die renommierte Fachzeitschrift „Lancet“ in einem aktuellen Schwerpunkt „Transplantation“ deutlich. Darin hat es Deutschland ins Editorial geschafft: Der Vorschlag, den Willen des Bürgers zur Frage der Organspende in der elektronischen Gesundheitskarte zu dokumentieren, wird aufgegriffen als eine von international zahlreichen Bemühungen, Menschen zur Willensäußerung zu motivieren.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

Zugleich wird auf eine wesentliche Ursache für den Organmangel hingewiesen, die in der Debatte über rechtliche Regelungen leicht aus dem Blick gerät: Organknappheit resultiert auch aus höherer Verkehrssicherheit und besser werdender ärztlicher Versorgung. Deutschland gehört zum Beispiel innerhalb Europas zu den Ländern mit der geringsten Inzidenz tödlicher Verkehrsunfälle. Und die bessere medizinische Akut- und Intensivversorgung verhindert bei Schädelhirntraumata zunehmend einen tödlichen Verlauf. So geht die Zahl potenzieller Spender mit traumatischen Hirnschäden und geringer Komorbidität zurück, die jener mit atraumatischen Hirnschäden und erhöhter Komorbidität bis hin zu Kontraindikationen nimmt zu. Zugleich erweitern die Möglichkeiten, kränkere Menschen zu transplantieren, den Kreis möglicher Organempfänger.

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In den Debatten um die Novellierung des Transplantationsgesetzes werden vor allem zwei Ursachen für den Organmangel genannt: Ablehnung der Organspende und unzureichende Bereitschaft der Kliniken, hirntote Patienten oder solche mit infauster Prognose als mögliche Spender zu melden. Beides trifft zu. Aber wie viele potenzielle postmortale Spender Deutschland pro Million Einwohner derzeit überhaupt hat, wie stark diese Gründe also jeweils ins Gewicht fallen, dazu gibt es wenig aktuelle und valide Daten. Wenn der Bedarf für Neuregelungen damit begründet wird, das Transplantationsgesetz von 1997 habe zwar Rechtssicherheit geschaffen, die Organspenden aber nicht steigern können, wird zu wenig bedacht: Der potenzielle Spenderpool ist nicht mehr der von 1997.

Hier künftig auch über die Datenlage mehr Klarheit zu bringen, wäre eine Aufgabe für die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), der Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende. In den ersten drei Quartalen 2011 ist die Spenderrate im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich gesunken. Das hat der DSO Kritik von Ärzten eingebracht, sie erfülle ihre Aufgabe nicht optimal. Zeitgleich zum angelaufenen Gesetzgebungsverfahren wurde öffentlich, dass ein Teil der DSO-Mitarbeiter sich in neue Konzepte zur Förderung der Organspende nicht gut eingebunden fühlt.

Aber Organspende ist abhängig von einer guten Kooperation aller in das System integrierten Personen und Institutionen – ein komplexes, störanfälliges Beziehungsgefüge. Der Gesetzgeber sollte die DSO in ihrer Zuständigkeit für die Koordinierung der Organspende stärken und dies noch klarer als bisher zu ihrer Kernaufgabe machen, mit den dazugehörigen Pflichten zu Qualitätssicherung und Transparenz. Es werden jetzt noch einmal Weichen gestellt, die Vertrauensverlusten vorbeugen. Das Prinzip, Interessenkonflikte durch Aufgabentrennung zu vermeiden, muss bleiben. Für die Organspende bedeutet das konkret: Die Bevölkerung aufzuklären – ein Bereich, in dem sich die DSO stark engagiert – sollte auf nationaler Ebene in erster Linie Aufgabe der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Krankenkassen sein, wie es das geltende Gesetz schon vorsieht. Die finanziellen Mittel gilt es entsprechend anzupassen. Denn nur wenn jeder sich auf seine Kernaufgaben konzentriert, kann Glaubwürdigkeit hergestellt werden – nach innen und nach außen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

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