Referiert
Lebensqualität: Stadtleben macht stressanfälliger
PP 10, Ausgabe November 2011, Seite 500


Macht es für das Gehirn einen Unterschied, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt? Hirnforscher haben im Fachmagazin „Nature“ eine Antwort auf diese Frage präsentiert. Sie führten drei Studien durch, bei denen 32 Teilnehmer unter Zeitdruck Kopfrechenaufgaben lösen mussten und für ihre Leistung kritisiert wurden, was sozialen Stress auslöste. Mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRI) gelang den Wissenschaftlern der Nachweis, dass die Amygdala bei Personen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung in einer Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern lebten, bei sozialem Stress stärker aktiviert wurde als bei Landbewohnern. Daneben zeigten sich weitere physiologische Stressreaktionen, wie zum Beispiel ein erhöhter Blutdruck und eine gesteigerte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Bei Probanden, die in der Stadt aufgewachsen waren, wurden zudem eine erhöhte Aktivität in einem Hirnareal namens perigenuales anteriores Cingulum (pACC; ein Teil des Frontallappens, der auf die Amygdala einwirkt) und ein defizitäres Zusammenspiel von Amygdala und pACC festgestellt, was mit einer schlechteren Verarbeitung von sozialem Stress einhergeht. Dies erklärt, weshalb Städter stressanfälliger sind und weist auf eine negative Langzeitwirkung des Stadtlebens auf das Gehirn hin. Zu kritisieren ist unter anderem, dass die Zahl der Probanden zu klein war, um den Befund verallgemeinern zu können. Dennoch passt er zu den Befunden älterer Studien, wonach die Stadtbevölkerung anfälliger für psychische Erkrankungen ist als die Landbevölkerung. ms
Lederbogen F et al.: City living and urban upbringing affect neural social stress processing in humans. Nature 2011; 474: 498–501; doi:10.1038/nature10190
Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, J5, 68159 Mannheim, a.meyer-lindenberg@zi-mannheim.de
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