Der Umgang mit dem Tod von Patienten ist auch für Psychotherapeuten nicht einfach. Wie sie damit umgehen, ist jedoch weitgehend unbekannt.
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Der Tod eines Patienten ist eine Erfahrung, die viele Psychotherapeuten, Psychologen und Psychiater machen. Schätzungsweise mehr als ein Viertel von ihnen hat schon einmal im Laufe seines Berufslebens Patienten durch Suizid verloren, aber auch durch Krankheiten oder Unfälle. Wie sie damit umgehen, ist jedoch weitgehend unbekannt. Denn die wissenschaftliche Forschung befasst sich zwar intensiv mit der Bewältigung von Verlusten und Todesfällen durch Angehörige, schenkt dem Umgang der Therapeuten mit dem Tod ihrer Patienten – vor allem wenn es sich nicht um Suizid handelt – hingegen nur wenig Beachtung. Das könnte daran liegen, dass Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater als Profis hinsichtlich der psychischen Verarbeitung von schwierigen Situationen gelten und dass sie offenbar genügend Strategien an der Hand haben, um damit fertig zu werden. Sie können zwar anderen, sich selbst aber nicht immer helfen.
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Um trotz des Mangels an Forschungsbefunden einen Einblick in die Verarbeitung des Todes von Patienten, die nicht durch Suizid ums Leben gekommen sind, zu gewähren, wird hier hauptsächlich auf Fall- und Erfahrungsberichte von betroffenen Psychotherapeuten zurückgegriffen. Die Aussagen sind zwar nicht verallgemeinerbar, vermitteln aber dennoch einen Teil der vielfältigen Gedanken, Gefühle und Fragen, die sich durch den Tod von Patienten ergeben können.
Die Psychologin Jennifer Veilleux aus Chicago berichtet beispielsweise von einem Patienten, der bei ihr wegen Alkoholsucht und Suizidgedanken in Behandlung war und eines nachts in betrunkenem Zustand einem Herzinfarkt erlag. Veilleux war geschockt, auch wenn sie mit dem Tod des Patienten aufgrund seiner suizidalen Tendenzen gerechnet hatte. Sie durchlebte alle Gefühle, die sich auch nach einem Patientensuizid einstellen: Sie konnte es zuerst nicht fassen, war erschüttert und spürte Schmerz und tiefe Trauer. Außerdem wollte sie über die genauen Todesumstände Bescheid wissen. Ihre Schuldgefühle und Selbstzweifel waren zwar weniger ausgeprägt als bei einem Suizid, dennoch fragte sie sich, ob sie genug für den Patienten getan hatte und ob sie den Tod in irgendeiner Weise hätte verhindern können. In ihren Kummer mischte sich Ärger, weil der Patient sie verlassen und nicht besser auf sich achtgegeben hatte.
Veilleux stellte fest, dass ihre Trauer um den Patienten sich kaum von der Trauer um einen Familienangehörigen unterschied. Mit ein Grund dafür könnte sein, dass in der psychotherapeutischen Arbeit Beziehungen, ja oft sogar enge zwischenmenschliche Bindungen aufgebaut werden, die manchmal über die rein professionelle Ebene hinausgehen. Was für den Heilungsprozess unerlässlich ist, kann den Behandler jedoch verwundbar machen. Der Tod eines Patienten ist eine Situation, in der man sich dieser Verwundbarkeit besonders bewusst wird.
Viele Psychotherapeuten machen die Erfahrung, dass Todesfälle sie beruflich und persönlich nachhaltig beeinflussen und verändern, selbst dann, wenn sie kaum Kontakt zu dem verstorbenen Patienten hatten. Inneres Wachstum und Reifung sind möglich, wenn eine bewusste Auseinandersetzung mit der Trauer stattfindet. Eine destruktive Entwicklung setzt hingegen ein, wenn Trauer und andere Reaktionen ignoriert oder verdrängt werden.
Veilleux beschritt verschiedene Wege, um den Verlust des Patienten zu bewältigen. Sie versuchte, dem Ereignis einen Sinn zu geben, indem sie überlegte, welche Rolle der Patient in ihrem Leben gespielt hatte, was sie von ihm gelernt und was er ihr gegeben hatte. Sie dachte über ihr Verhältnis zum Tod nach und lenkte sich mit Arbeit ab. Sie sprach mit Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen und Angehörigen des Patienten über ihre Gedanken und Gefühle und besuchte die Beerdigung, um von ihrem Patienten Abschied zu nehmen.
Trauer nicht verdrängen
Sie war dankbar für einen einfühlsamen Supervisor, der ihre Gefühle nicht verurteilte, sondern sie als normal bezeichnete. Außerdem wurde sie sich bewusst, dass Psychotherapeuten sich viel zu selten über ihren Umgang mit dem Tod von Patienten austauschen und dass sie darauf auch kaum vorbereitet werden. Daher fordert sie: „Der Tod von Patienten sollte bereits in der Ausbildung thematisiert werden.“ Die innere Vorbereitung auf den Verlust von Patienten, aber auch entsprechende Supervision, können ihrer Meinung nach dazu beitragen, dass Psychotherapeuten ihre Trauer nicht verdrängen, sondern konstruktiv damit umgehen. Und auch Selbstzweifeln, Frustration, Erschöpfungszuständen, Blockaden und Demotivation infolge eines Patientenverlusts kann so vorgebeugt werden.
Der Psychotherapeut John O’Brien aus Portland/USA begleitete einen jungen, an Krebs erkrankten Familienvater in der letzten Lebensphase. Als der Patient schließlich seiner Krankheit erlag, waren auch O’Briens Reaktionen heftiger, als er erwartet hatte. Außerdem wusste er nicht, wie er sich in verschiedenen Bereichen richtig verhalten sollte. Also studierte er den Ethics Code der American Psychological Association und fand darin Halt und Orientierung. Beispielsweise beschloss er im Sinne der Schweigepflicht auch weiterhin keine Patientengeheimnisse preiszugeben. Außerdem kondolierte er zwar der Familie, nahm aber nicht an der Beerdigung teil, um durch seine Anwesenheit nicht öffentlich zu machen, dass der Verstorbene sich in einer Psychotherapie befunden hatte. Darüber hinaus fühlte er sich durch den Ethics Code dazu ermuntert, seine Gefühle nicht zu verdrängen und Trauerarbeit zu leisten. Er betete, meditierte, nahm an Gottesdiensten teil, nutzte Angebote der Seelsorge, erinnerte sich zusammen mit Kollegen an den Verstorbenen und bewegte sich viel in freier Natur. Diese Aktivitäten behielt er auch weitgehend bei, als es ihm wieder besser ging. Sie ermöglichen es ihm im Berufsalltag, das innere Gleichgewicht zu bewahren und helfen ihm in kritischen Momenten, zum Beispiel, wenn ein Patient von Suizid spricht oder wenn sich ein sterbenskranker Patient zur Therapie anmeldet und dadurch alte Erinnerungen und schmerzliche Gefühle wieder hochkommen.
Nach Meinung von Veilleux und O’Brien bestehen gute Chancen für Psychotherapeuten, die Trauer zu bewältigen, indem sie sich mit Kollegen austauschen und sich von ihnen helfen lassen. Auch Selbstfürsorge spielt eine wichtige Rolle. Diese Haltung vertritt auch die niedergelassene Psychologin Kristin Webb aus Chapel Hill/USA. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Tod von Patienten sie sehr aufwühlte.
Seelisches Gleichgewicht
Der Umgang mit suizidalen Patienten und der Verlust von Patienten kostete sie außergewöhnlich viel Kraft und erschöpfte sie zutiefst. Um nicht zu erkranken und die Patienten weiter behandeln zu können, probierte sie verschiedene Formen der Selbstfürsorge aus (Kasten). Sie empfiehlt stark belasteten und trauernden Psychotherapeuten, auf sich selbst zu achten und alles zu tun, um seelisch wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Wie die Erfahrungsberichte zeigen, geht der Tod eines Patienten an den Behandlern kaum spurlos vorüber. Psychologen und Psychotherapeuten, die diese Erfahrung gemacht haben, sind sich jedoch einig, dass sie dadurch viel gelernt haben: über den Patienten, über sich selbst, über das Leben und den Tod. Die Zeit mit den Patienten ist oft eine Bereicherung, für die Psychotherapeuten dankbar sind. Und auch der Umgang mit ihrem Tod kann dazu führen, dass sich Psychotherapeuten beruflich und persönlich weiterentwickeln und die eigenen Erfahrungen an andere Patienten weitergeben können.
Marion Sonnenmoser
Selbstfürsorge
Ratschläge für trauernde Psychotherapeuten
Bleiben Sie mit Ihren Gefühlen nicht allein. Teilen Sie sie mit, begeben Sie sich unter Menschen, und lassen Sie sich helfen.
Tun Sie in Ihrer Freizeit möglichst Dinge, die nichts mit Ihrer Arbeit zu tun haben.
Treiben Sie mehrmals pro Woche Sport.
Essen Sie Nahrungsmittel, die Ihnen guttun, in vernünftigen Mengen.
Schlafen Sie genügend.
Versuchen Sie, sich abzulenken und zu entspannen.
Legen Sie Pausen ein, nehmen Sie sich Auszeiten, machen Sie regelmäßig Urlaub.
Verschaffen Sie sich Ruhe, indem Sie zum Beispiel Ihre Erreichbarkeit (per E-Mail, Handy, Internet) einschränken.
Entlasten Sie sich, indem Sie Arbeit delegieren oder abgeben.
Machen Sie sich realistische Vorstellungen von Ihren Ressourcen und Möglichkeiten.
Akzeptieren Sie Ihre Grenzen.
Vernachlässigen Sie den Glauben und die Spiritualität nicht.
Beginnen Sie eine Psychotherapie, wenn Sie denken, dass es Ihnen helfen könnte.
Verlieren Sie niemals die Hoffnung.
nach Kristin Webb (6)
1.
Gitlin M: Aftermath of a tragedy: Reaction of psychiatrists to patient suicides. Psychiatric Annals 2007; 37(10): 684–7.
2.
Hendin H et al.: Therapists’ reactions to patients’ suicides. American Journal of Psychiatry 2000; 157(12): 2022–7.
3.
Norcross JC, Guy JD: Leaving it at the office: A guide to psychotherapist self-care. New York: Guilford Press 2007.
4.
O’Brien J: Wounded healer: Psychotherapist grief over a client’s death. Professional Psychology 2011; 42(3): 236–43.
5.
Veilleux J: Coping with client death. Professional Psychology 2011; 42(3): 222–8.
6.
Webb K: Care of others and self: A suicidal patient’s impact on the psychologist. Professional Psychology 2011; 42(3): 215–21.
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