Referiert
Internetnachsorge: „Back home – but not alone“
PP 10, Ausgabe November 2011, Seite 524


Werden neu erworbene Erlebens- und Verhaltensmuster bei Depression nicht zeitnah in den Alltag übertragen und gefestigt, steigt das Rückfallrisiko. Doch vor einer ambulanten Weiterbehandlung, die mehr als zwei Dritteln der Patienten in der Psychosomatik angeraten wird, liegen oft Monate des Wartens auf einen Therapieplatz. Neue Wege zu einer nahtlosen, ortsunabhängigen Nachsorge eröffnet das Internet, zum Beispiel in Form therapeutenmoderierter Chatgruppen. Deren gesundheitsfördernde Wirkung wurde bereits belegt.
Ein kognitiv-behaviorales, webbasiertes Nachsorgekonzept hat jetzt ein Forscherteam der Philipps-Universität Marburg, der Leuphana-Universität Lüneburg und der Vogelsbergklinik (Dr. Ebel-Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik) erprobt. Mit insgesamt 400 Patientinnen und Patienten, überwiegend mit depressiver Problematik, wurden Akzeptanz und Effekte einer „Webbasierten Rehabilitations-Nachsorge nach Psychosomatischer Rehabilitation“ (W-RENA) in einer randomisierten, kontrollierten Studie untersucht.
Das dreimonatige Nachsorgeprogramm „W-RENA“ umfasst:
- die Weiterarbeit an zuvor entwickelten persönlichen Zielen, unter anderem mit einem strukturierten wöchentlichen „Web-Entwicklungstagebuch“
- den Austausch mit Mitpatienten im virtuellen sozialen Netz (Peer-Support in Gruppen bis zu sechs Patienten)
- Online-Monitoring therapeutischer Fortschritte
- Therapeuten-Feedback (stützende Rückmeldung innerhalb von 48 Stunden) und
- 24-Stunden-Notfallhotline.
Das Tagebuch soll den Patienten zum Beispiel helfen, sich gefühlsmäßig bedeutsame Ereignisse der vergangenen Tage bewusst zu machen und belastende Erlebnisse durch Schreiben zu verarbeiten. Auch regelmäßige Reflexionen über die Umsetzung der Ziele und eine Wochenplanung sind feste Rubriken des Web-Tagebuchs. Die Nachsorgephase wurde in fünf Gruppensitzungen und in Einzelgesprächen gegen Ende des Klinikaufenthalts vorbereitet („transfervorbereitende Module“). Die Patienten erarbeiteten sich dabei konkrete Verhaltensziele und einen persönlichen Entwicklungsplan.
„Bisherige Ergebnisse deuten auf eine hohe Akzeptanz und Wirksamkeit des Programms hin“, sagte David Daniel Ebert aus der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie in Marburg bei der Präsentation der Auswertung auf dem Rehakolloquium der Deutschen Rentenversicherung. Die hochsignifikanten Effekte gegenüber der Standardbehandlung blieben auch in der Ein-Jahres-Katamnese in der Tendenz erhalten: Demnach hat sich die psychopathologische Belastung der Patienten nach der Entlassung weiter verringert, während sie bei der Kontrollgruppe wieder deutlich anstieg. Das Rückfallrisiko lag bei W-RENA mit circa zwölf Prozent (gegenüber etwa 29 Prozent) wesentlich niedriger. Zudem wurde ein Zuwachs an psychischem Wohlbefinden, an Selbststeuerungskompetenzen, Belastbarkeit, Arbeitsfähigkeit und weiteren Kriterien festgestellt. Leonie von Manteuffel
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