THEMEN DER ZEIT

Human Enhancement: Homo sapiens 2.0

Dtsch Arztebl 2011; 108(46): A-2474 / B-2079 / C-2051

Simm, Michael

Foto: iStockphoto

Auf der Konferenz „Size Matters 2011“ diskutierten in Saarbrücken Geistes- und Naturwissenschaftler über Möglichkeiten und ethische Grenzen bei der „Verbesserung“ des Menschen mit technischen Mitteln.

Keine zwei Sekunden trennen Oscar Pistorius vom Weltrekord auf der 400-Meter-Strecke. Was die Leistung des südafrikanischen Sprinters so besonders macht: Dem Mann fehlen wegen eines Gendefekts von Geburt an die Wadenbeine. Im Alter von elf Monaten wurde Pistorius beidseitig unterhalb des Knies amputiert. Seine Höchstleistungen verdankt er nicht nur hartem Training, sondern auch zwei speziell für ihn gefertigten Prothesen aus Karbonfasern. Die Frage, ob diese Prothesen lediglich eine Behinderung ausgleichen oder ob sie Pistorius gegenüber der Konkurrenz einen unfairen Vorteil verschaffen, beschäftigt seit Jahren die Sportgerichte und war auch Gegenstand der Diskussion auf der Konferenz „Size Matters 2011/Nanotechnologie: Verbesserung des Menschen“ in Saarbrücken.

Anzeige

Mehrere Dutzend Experten waren im Schloss der Landeshauptstadt zusammengekommen, um den Status quo, aber auch die ethischen Implikationen des „Human Enhancement“ zu erörtern, also einer pharmakologisch oder technologisch induzierten Leistungssteigerung des Menschen. Zum zweiten Mal nach 2009 war die Konferenz vom Kompetenznetzwerk NanoBioNet (www.nanobionet.org) in Kooperation mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, der Universität des Saarlandes, dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse und der Universität Trier organisiert worden. Auch diesmal stand die Nanotechnologie im Untertitel, obwohl es kaum konkrete Beispiele dafür gab, wie die per Definition nur maximal 100 Milliardstel Meter großen Strukturen mit ihren oftmals neuartigen chemischen und physikalischen Eigenschaften einem „Enhancement“ des Menschen Vorschub leisten könnten.

Aufruf zur zielgerichteten Verbesserung

So skizzierte der Science-Fiction-Autor und Futurologe Dr. Karlheinz Steinmüller in einer populärwissenschaftlichen Abendveranstaltung das Wunschszenario der „Transhumanisten“, einer intellektuellen Bewegung, die zur zielgerichteten Verbesserung des Menschen aufruft und als Instrumente dafür neben der Gentechnik und leistungssteigernden Eingriffen ins Gehirn auch auf die Nanotechnologie hofft. Derartige Visionen, von Kritikern teilweise als „unnatürliche“ Entwicklung gebrandmarkt, seien bereits heute Realität, so Steinmüller.

Träger von Prothesen und Implantaten als „Cyborgs“

Wenn man nämlich einen künstlichen Organismus definiert als jemanden, dessen Leben oder Lebenserwartung maßgeblich von technischen Implantaten abhängt, müssten bereits heute zehn Prozent aller US-Amerikaner als „Cyborgs“ betrachtet werden. Von Brillen und Zahnimplantaten über das künstliche Hüftgelenk, Herzschrittmacher, Insulinpumpen und tragbare Dialysegeräte reicht das Spektrum bis zu Cochleaimplantaten und der tiefen Hirnstimulation. „Die Evolution des Homo sapiens stoppt nicht. Natürliche Evolutionsfaktoren werden durch soziokulturelle und ökologische Faktoren abgelöst“, sagte Steinmüller. Auch die Nanotechnologie werde dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Als einen gefährlichen Beschleuniger dieser Entwicklung hat Dr. Jürgen Altmann von der Technischen Universität Dortmund das Militär in den USA ausgemacht. In dem Land würden 80 bis 90 Prozent der weltweiten Mittel für militärische Nanotechnik-Forschung und -Entwicklung ausgegeben, kritisierte der Rüstungsexperte am Institut für Experimentelle Physik III. Die staatliche National Nanotechnology Initiative habe allein im Jahr 2009 etwa 460 Millionen US-Dollar (umgerechnet 340 Millionen Euro) in die Erforschung militärischer Anwendungen investiert, was etwa einem Drittel des Etats dieser Behörde entspricht. In allen Bereichen der Führung und Vorbereitung von Kriegen könne die Nanotechnik genutzt werden, etwa in Rechnern, Sensoren, Materialien und Motoren sowie bei autonomen Kampfsystemen verschiedenster Größen.

Im Alter von elf Monaten wurde Oscar Pistorius beidseitig unterhalb des Knies amputiert. Seine Höchstleistungen verdankt er nicht nur hartem Training, sondern auch zwei speziell für ihn gefertigten Prothesen aus Karbonfasern. Foto: dpa

Wegen der Geheimhaltung und verminderten gesetzlichen Überwachung solcher Projekte sei die militärische Nutzung der Nanotechnik besonders gefährlich. „Langfristig stellt sich die Frage, ob das gegenwärtige internationale System in der Lage sein wird, diese Gefahren einzudämmen oder ob strengere Regeln durch eine übergeordnete Autorität nötig sind“, so Altmann.

Auch bei den zivilen Anwendungen sollte indes Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehen und Diskussion vor Schweigen, forderte Jochen Flackus, Vorstandsvorsitzender des cc-NanoBioNet e.V., nach eigenen Angaben eines der größten und leistungsstärksten Nano- und Biotechnologie-Netzwerke in Deutschland und „die Inter- essenvertretung aller Akteure, die in unseren jungen Disziplinen etwas bewegen wollen“.

Die Frage, was eigentlich gegen eine Verbesserung des Menschen spricht, stellte Priv.-Doz. Dr. Johannes Ach, Geschäftsführer am Zentrum für Bioethik der Universität Münster. Schließlich sei der Wunsch nach einer Korrektur und Verbesserung der menschlichen Natur so alt wie die Menschheit selbst, bemerkte Ach. „Enhancement-Eingriffe lassen sich von anderen Eingriffen – wenn überhaupt – nur im Hinblick auf ihre Ziele unterscheiden.“ Ob es um Heilung oder Doping, Verbesserung oder sonstige Veränderungen geht, lasse sich nur bezüglich eines vorab definierten Ausgangszustandes beurteilen. Auch ob ein Enhancement reversibel sei – wie beispielsweise die Reizung durch einen Hirnstimulator – oder nicht, mache einen großen Unterschied und ob solche Maßnahmen im Wettbewerb mit anderen ergriffen würden sowie die Unterscheidung zwischen freiwilligen und erzwungenen Veränderungen, etwa im Bereich der Psychiatrie.

Recht des Individuums auf Naturbelassenheit

Pauschale Verbote lehnt Ach ab, vielmehr müsste man sich einzelne Fälle anschauen, um Vorteile und Risiken für das Individuum zu erkennen. „Warum sollte ich mir denn keinen Chip implantieren lassen, der es mir ermöglichen würde, Bücher schneller zu erfassen und den Verlauf verschiedener Fachkonferenzen gleichzeitig zu verfolgen?“, provozierte der Philosoph, kritisierte allerdings gleichzeitig das Fehlen von Studien, die die Auswirkungen möglicherweise leistungssteigernder Medikamente wie Antidepressiva und Nootropika bei Gesunden untersuchten.

Die Hörschnecke mit N. acusticus – zu erkennen ist ein Cochleaimplantat in der 2,5-fachen Windung der Schnecke, das die Schwingungen registriert (vergrößerte Darstellung. Foto: picture alliance

„Es muss ein Recht auf Naturbelassenheit geben“, forderte Ach, wäre aber dennoch bereit, unter strengen Voraussetzungen die Autonomie und Freiwilligkeit der Inanspruchnahme leistungsfördernder Substanzen zu diskutieren. Als ein extremes Beispiel nannte der Ethiker den Einsatz in der Chirurgie, wo solche Zwangsmaßnahmen zu einer Verringerung der Fehlerquote führen könnten mit der Folge, „dass weniger Tote auf dem OP-Tisch liegenblieben“.

Grenze zwischen Natur und Technik verschwimmt

Gebraucht werde eine offene und vorurteilslose Diskussion, bei der auch bereits vorhandene und praktizierte konventionelle Methoden der Verbesserung wie Schulen oder psychotherapeutische Therapien inklusive ihrer möglichen Nebenwirkungen miteinbezogen werden müssten. Demgegenüber stellte Prof. Gerhard Krieger, Leiter der Theologischen Fakultät an der Universität Trier, die Bedeutung der „natürlichen Basis“ heraus im Sinne einer ethisch zu rechtfertigenden Grenze für technische Entwicklungen. „Die grundlegende Erfahrung ist, dass der technische Fortschritt Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die in die natürlichen Lebensgrundlagen unseres Daseins eingreifen und im gegebenen Falle die Gefahr in sich bergen, eben diese Grundlagen in ihrem Bestand anzugreifen und sich somit gegen die Basis des technischen Fortschritts selbst zu wenden.“

Dass die Grenzen zwischen Natur und Technik zunehmend verschwimmen, erläuterte Priv.-Doz. Dr. Jens Clausen vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Tübingen anhand aktueller Entwicklungen auf dem Gebiet der Gehirn-Computer-Schnittstellen (engl. Brain-Computer-Interfaces, BCI). Dabei wird die Aktivität einzelner Nervenzellen oder ganzer Hirnregionen von einem miniaturisierten Computer abgeleitet, der aus den Signalen per Mustererkennung eine Bewegungsprognose errechnet. Anhand der so ausgelesenen Intention eines Gehirns lassen sich mit zunehmender Präzision Neuroprothesen oder Roboterarme steuern, was zuerst in Affenversuchen und mittlerweile auch bei Patienten mit Lähmungen und anderen Bewegungseinschränkungen in zahlreichen Experimenten dokumentiert wurde.

Eine weitere Anwendung dieser Technik zeichne sich bei Epilepsiepatienten ab, wo Versuche schon relativ weit fortgeschritten seien, sich anbahnende Anfälle durch einen Sensor zu erfassen und dann mittels gezielter Stimulation spezifischer Hirnregionen zu unterdrücken, wie Clausen berichtete. Schon heute profitieren zahlreiche Parkinsonpatienten von der tiefen Hirnstimulation, während Cochleaimplantate tausendfach tauben Menschen geholfen haben.

Dabei ließen Mensch und Technik sich zwar aus einer externen Beobachterperspektive materiell relativ gut voneinander unterscheiden, bemerkte Clausen. Funktional müssen die Geräte aber in die elektrophysiologischen Prozesse des Gehirns integriert sein, was möglicherweise auch Konsequenzen für die Selbstwahrnehmung der Betroffenen hat. Nach der „Extended Mind“-Theorie von Andy Clark und David Chalmers ist Kognition zwar nicht nur auf den lokalen Verarbeitungsapparat, die neuronale Maschinerie, beschränkt, sondern erstreckt sich über die traditionell gedachte Grenze hinaus in die Umgebung – etwa beim Gebrauch eines Notebooks oder eines Handys, die in diesem Sinne Teil des Gehirns werden.

Nebenwirkungen und Fehleranfälligkeit

Bei Patienten mit einem Hirnstimulator wurden aber zahlreiche Nebenwirkungen im kognitiven, psychiatrischen und psychosozialen Bereich festgestellt, darunter auch Störungen der Selbstwahrnehmung bei zwei Drittel der Patienten. Dem stehen der unbestreitbare Nutzen bei der Linderung motorischer Störungen und eine verbesserte Lebensqualität gegenüber, so dass in einer Erhebung aus dem Jahr 2006 (Schüpbach et al.) unter 20 Patienten kein einziger auf die Stimulation verzichten wollte.

Bedacht werden müsste auch die Fehleranfälligkeit der Systeme, die niemals vollständig zu beseitigen sei, so Clausen. Die Zuverlässigkeit lässt sich zwar steigern, indem selbstlernende Systeme die vom Nutzer erzeugten Signale überprüfen. Gleichzeitig wird durch solche Mechanismen aber deren Kontrolle weiter verringert, was auch die Frage berührt, wer bei Fehlfunktionen haftet. Am Schluss dieser Überlegungen stehe die gleiche Frage wie am Anfang, so Clausen: „Welche Menschen wollen wir sein, und was für ein Leben wollen wir leben?“ Wie in Saarbrücken offenbar wurde, haben auch die Experten aus Geistes- und Naturwissenschaften keine einfachen Antworten zu bieten. Die ethischen und gesellschaftlichen Fragen, die mögliche Verbesserungen des Menschen durch Hochtechnologien aufwerfen, sollten stärker in die Öffentlichkeit getragen werden, bekräftigte der NanoBioNet-Vorsitzende Flackus. Eine Art von Minimalkonsens steuerte schließlich der Futurologe Steinmüller bei. „Die Zukunft des Homo sapiens scheint offen“, hatte dieser gesagt und seine Zuhörer daran erinnert: „Vieles in der Zukunft hängt von unseren heutigen ethischen Entscheidungen ab.“

Michael Simm, mail@michaelsimm.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige