POLITIK

Jörg-Dietrich Hoppe (1940–2011): Ein Freund der leisen Töne

Dtsch Arztebl 2011; 108(46): A-2452 / B-2064 / C-2036

Gerst, Thomas; Stüwe, Heinz

Er wurde nie laut und fand doch Gehör. Als Präsident der Bundesärztekammer genoss Hoppe breite Anerkennung und höchstes Ansehen. Dabei konfrontierte er die Ärzte auch mit unbequemen Wahrheiten.

Foto: Lajos Jardai

Unter großer Beteiligung von Freunden, Kollegen und Weggefährten, darunter Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, ist der langjährige Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, am 14. November auf dem Friedhof in Köln-Longerich beigesetzt worden.

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Obwohl weder Geburtsort noch Ort seines beruflichen Wirkens, sah er die Stadt, in der er zum Gymnasium gegangen war und studiert hatte, als seine Heimat an. „Ich fühle mich als Kölner – und hier möchte ich auch begraben werden“, sagte Hoppe dem Deutschen Ärzteblatt im Oktober 2010, kurz vor seinem 70. Geburtstag. Niemand ahnte damals, dass ihm eine schwere Krankheit so wenig Zeit der Muße ohne die Bürde des verantwortungsvollen Amtes lassen würde. Anfang Juni dieses Jahres erst hatte er sich nach zwölf Jahren als Präsident der Bundesärztekammer nicht mehr zur Wiederwahl gestellt.

Hoppe war Arzt aus Leidenschaft. Aber fast wäre es mit der Medizin nichts geworden. Seine Liebe galt ebenso der Musik und dem Violinspiel; dies war für den Studenten auch eine berufliche Option. Die Medizin siegte knapp, aber die Leidenschaft für die Musik begleitete ihn in all den Jahren. Besuchte man Hoppe in seinem Institut für Pathologie in Düren, so registrierte man nicht nur verwundert das scheinbare Fachliteratur-Chaos, in dem sich der Chefarzt mühelos zurechtfand, sondern blickte staunend auf das übervolle CD-Regal. Bei seiner Arbeit in der Pathologie fand Hoppe noch die Gelegenheit, die beiden Leidenschaften miteinander zu verbinden. Als das für seine Zeit an der Spitze der Bundesärztekammer passende Musikstück nannte er Arthur Honeggers „Pacific 231“, eine musikalische Zugfahrt quer durch Kanada. Da gehe es gelegentlich holprig zu, dann wiederum komme man gut voran.

Hoppes Weg in die ärztliche Berufspolitik begann gar nicht holprig etwas nordöstlich von Köln – in Solingen, wo er von 1968 bis 1970 als Assistenzarzt unter dem Chefarzt Ulrich Kanzow, seinem Doktorvater, arbeitete. Kanzow war 1946 einer der Begründer des Marburger Bundes. Der Virus berufspolitischen Engagements sprang schnell über. Als Hoppe 1970/71 im Streit um eine adäquate Vergütung der Bereitschaftsdienste den ersten Streik des Marburger Bundes mitorganisierte, den berühmten „Bleistiftstreik“, entdeckte er seine Leidenschaft für die ärztliche Berufspolitik. 1971 nahm er zum ersten Mal an einer Hauptversammlung des Marburger Bundes teil, acht Jahre später war er bereits Vorsitzender der Ärztegewerkschaft.

Hoppe profilierte sich zunächst vor allem in Fragen der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Im Rückblick auf mehr als 40 Jahre Engagement für die Ärzteschaft war er besonders stolz darauf, dass es ihm nach der Wiedervereinigung 1992 auf dem Ärztetag – damals bereits als BÄK-Vizepräsident – gelang, die Weiterbildungsordnungen von Ost und West zusammenzuführen. Hoppe war aber mehr als ein Experte für einzelne Fachgebiete. Gerade in einer Zeit, in der unter dem ökonomischen Druck die Einheit des ärztlichen Berufsstandes mehr und mehr zu zersplittern drohte, wirkte er integrierend. Er war überzeugt davon, dass ungeachtet aller Verteilungskämpfe und Meinungsverschiedenheiten alle einig sind, „wenn man den Grundton des Arztseins anschlägt“. Das gelang Jörg-Dietrich Hoppe vor allem auf den Ärztetagen immer wieder – in ethischen Fragen, aber auch, wenn er die Kritik an den Kostendämpfungsgesetzen auf den Punkt brachte und Beifallsstürme auslöste.

Dabei war Hoppe kein Freund des forschen Auftritts und der lauten Töne. Aber seine Stimme fand Gehör, wenn er sich etwa 2006 an der Spitze der ärztlichen Protestbewegung gegen ein Spardiktat wandte, das den Ärzten die Verantwortung für Rationierung aufbürdete. Er hat gegen die Unterfinanzierung des Gesundheitswesens gekämpft und zugleich glaubwürdig die ethischen Verpflichtungen des Arztes hochgehalten. Die Gesundheitspolitischen Leitsätze der Ärzteschaft, beschlossen auf dem 111. Deutschen Ärztetag 2008 in Ulm, tragen seine Handschrift. Im Prolog dieses Ulmer Papiers hat Hoppe sein Verständnis von guter Medizin und Therapiefreiheit niedergelegt. Darin erteilt er einer mechanistischen Vorstellung von Medizin eine Absage. Das ärztliche Handeln müsse am individuellen Patienten ausgerichtet bleiben. Politische Administrierung und schematische Standardisierung hielt Hoppe für unvereinbar mit der ärztlichen Therapiefreiheit, sie zerstörten das Vertrauen zwischen Arzt und Patient. In Ulm und 2009 auf dem Ärztetag in Mainz hatte Hoppe angesichts der heimlichen Rationierung in Klinik und Praxis zu einer gesellschaftlichen Diskussion über die Priorisierung medizinischer Leistungen aufgerufen. Trotz oder gerade wegen der heftigen Kritik, die er damit auf sich zog, zeigte er sich zufrieden darüber, dass eine notwendige Diskussion in Gang gekommen sei.

Hoppe scheute sich nicht davor, mit deutlichen Worten auf Tendenzen in der Ärzteschaft hinzuweisen, die ihm Sorge bereiteten. Mit dem Satz „Ärzte sind keine Kaufleute, sie verkaufen keine Ware“ hat er zuletzt im Mai dieses Jahres eindringlich davor gewarnt, mit den individuellen Gesundheitsleistungen Missbrauch zu betreiben. Das war im letzten Interview mit dem Herausgeber des DÄ, dem die Redaktion zu großem Dank verpflichtet ist.

Thomas Gerst, Heinz Stüwe

Ehrendes Andenken

„Mit Prof. Jörg-Dietrich Hoppe hat uns ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Belange der Patienten und der Ärzteschaft verlassen. Er hat wie kein anderer ethischen Fragen den höchsten Stellenwert eingeräumt. Stets war es Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, der den Patienten wieder ins Zentrum der politischen Diskussion rückte. Er erinnerte uns daran, dass Gesundheitspolitik nicht nur Versorgung gestaltet, Medizin nicht nur Krankheiten kuriert und Ärzte keine Fälle verwalten.“

Dr. med. Andreas Köhler, Vorsitzender des Vorstands
der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

„In seiner oft leise vorgetragenen, stets scharfsinnigen und klaren Argumentation für eine mehr medizinisch als ökonomisch orientierte Gesundheitspolitik hat er mehr bewegt und erreicht, als ihm vielleicht selbst bewusst geworden ist.“

Rudolf Henke, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes

„Wir haben einen kritischen Geist verloren. Geschätzt haben wir vor allem sein klares Eintreten für ethisch einwandfreies ärztliches Handeln und seinen Widerspruch gegen eine zunehmende Kommerzialisierung der Medizin.“

Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

„Prof. Hoppe war in all den Jahren ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Mitstreiter, insbesondere bei den großen Ärzteprotesten 2006. Er hat sich immer ehrlich und authentisch für die ärztliche Freiberuflichkeit und bessere Rahmenbedingungen für alle Ärzte eingesetzt.“

Dr. med. Werner Baumgärtner, Vorsitzender von MEDI Deutschland

„Prof. Hoppe ging nie den Weg der Bequemlichkeit, wenn es um Ethik in der Medizin, um Freiheit des ärztlichen Berufs, um eine vernünftige Gesundheitspolitik oder auch um Ermahnungen an die Ärzteschaft ging, es nicht mit dem Angebot von extra zu bezahlenden Sonderleistungen zu übertreiben.“

Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein
für den Vorstand der deutschen IPPNW-Sektion

„Mit Prof. Hoppe hat ein neuer Stil im kritischen Dialog mit der Politik Einzug gehalten. Er war ein Mann, der mit Leidenschaft und Feinsinn die richtigen Worte gefunden hat. Er war ein Freund der leisen Töne, die aber umso mehr gehört und geachtet wurden.“

Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes

„Ich habe mit ihm einen besonderen Menschen kennengelernt, der sich mit Leidenschaft, aber auch mit Augenmaß für die Interessen seines Berufsstandes und die Anliegen der Patientinnen und Patienten eingesetzt hat.“

Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister

Lebensstationen

Foto: Eberhard Hahne
  • am 24. Oktober 1940 in Thorn/Weichsel geboren, 1945 Flucht in den Westen
  • 1952–1960 Humanistisches Gymnasium in Köln-Mülheim
  • 1960–1965 Medizinstudium an der Universität zu Köln,
    Promotion 1966
  • 1966–1968 Medizinalassistent in Köln, Recklinghausen und Hamm
  • ab 1968 Assistenzarzt am Städtischen Krankenhaus Solingen,
    1975 Abschluss der Weiterbildung in den Fachgebieten Pathologie und Allgemeinmedizin, danach dort bis 1977 Oberarzt am Institut für Pathologie
  • 1978–1982 Oberarzt der Pathologie am Krankenhaus Düren
  • 1982–2006 Chefarzt des Instituts für Pathologie in Düren
  • 1971 Assistentensprecher am Städtischen Krankenhaus in Solingen
  • 1975 Zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein und Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer als Vertreter der angestellten Ärzte
  • 1979–1989 Erster Vorsitzender des Marburger Bundes
  • 1991 Vizepräsident der Bundesärztekammer
  • seit 1993 Präsident der Ärztekammer Nordrhein
  • 1994 Honorarprofessor an der Medizinischen Fakultät der
    Universität zu Köln
  • 1999–2011 Präsident der Bundesärztekammer und des
    Deutschen Ärztetages
  • 2011 Ehrenpräsident der BÄK

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