POLITIK

Die Selbstbestimmung des Patienten: Medizinethik im 21. Jahrhundert

Dtsch Arztebl 2011; 108(47): A-2520 / B-2116 / C-2088

Klinkhammer, Gisela

Mit den Themen verfügter und natürlicher Wille bei Kindern und Demenzkranken, Patientenverfügungen bei Wachkomapatienten und der Rolle von Public Health Genomics beschäftigte sich die Akademie für Ethik in der Medizin.

Juli Zeh entwirft in ihrem Roman „Corpus Delicti“ das Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur im Jahr 2057. Die Schriftstellerin beschreibt darin ein System, in dem alle und alles kontrolliert werden und in dem Gesundheit zur obersten Bürgerpflicht geworden ist. Sicher nicht ohne Grund hat die Akademie für Ethik in der Medizin Juli Zeh zu einer Lesung aus ihrem Buch nach Göttingen eingeladen. Dort beschäftigten sich auf der 25. Jahrestagung der Akademie Ärzte, Politiker und Juristen vor kurzem mit dem Thema „Die Selbstbestimmung des Patienten und die Medizin der Zukunft – Perspektiven einer Medizinethik des 21. Jahrhunderts“. Es ging dabei unter anderem um Patientenverfügungen und den sogenannten natürlichen Willen von Patienten, aber eben auch, anknüpfend an Juli Zehs Szenario, um die Frage, inwieweit der Staat individuelle Rechte einschränken kann und darf.

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Der Arzt als Coach?

Prof. Dr. med. Angela Brand vom European Institute for Public Health Genomics in Maastricht, Niederlande, berichtet, wie Public Health Genomics zur Verbesserung der Gesundheit der Gesamtbevölkerung beitragen kann. „Mit Hilfe eines eigenen virtuellen Zwillings lässt sich dann beispielsweise testen, wie man auf bestimmte Nahrungsmittel und Noxen reagiert.“ Solche Modelle seien bereits in der Entwicklung. „Die Tendenz geht dazu zu sagen, dass die personalisierte Ernährung auch Teil eines sozialen Paradigmenwechsels wird. Es geht darum, meine Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen.“ Doch damit stellten sich auch eine Reihe von neuen Fragen: Was wird dann die Rolle des Arztes sein? Ist er mein Coach? Können die Krankenkassen mir bestimmte Präventionsmaßnahmen vorschreiben?

Zeichen eines Lebenswillens

Die Mündigkeit und Selbstbestimmung von Patienten drückt sich zunehmend auch in Patientenverfügungen aus, einem weiteren Thema der Göttinger Tagung. So gingen Katja Kühlmeyer, Prof. Dr. med. Gian Domenico Borasio und Dr. med. Dr. phil. Ralf J. Jox, München, der Frage nach, inwieweit die prospektive Selbstbestimmung von Wachkomapatienten respektiert wird. Die meisten Angehörigen orientierten sich vornehmlich am gegenwärtigen Zustand des Patienten. Dabei offenbarten sie „ein vom medizinischen Verständnis abweichendes Krankheitsverständnis, interpretierten das Verhalten des Patienten als zielgerichtet, sein Bewusstsein als intakt und hielten über Jahre die Hoffnung auf eine späte Rehabilitation der Kommunikationsfähigkeit aufrecht“. In vielen Familien seien Patientenverfügungen, mündliche oder mutmaßliche Behandlungswünsche von diesen Faktoren überstimmt worden. Die Angehörigen beriefen sich auf einen natürlichen Lebenswillen des Patienten.

Dieses Konzept des natürlichen Willens spiele auch bei der Behandlung von Neugeborenen und Säuglingen sowie in der Therapie von Patienten mit fortgeschrittener Demenz eine entscheidungsrelevante Rolle, betonte Jox. Bei den Kindern werde oft das Überstehen einer lebenskritischen Akutsituation als Zeichen eines natürlichen Lebenswillens gedeutet. Bei Demenzkranken seien es konkrete Verhaltensmerkmale wie Lächeln, Weinen oder abwehrende Gesten, die als Zeichen eines Lebenswillens interpretiert würden. Beide Formen erfüllen jedoch nach Auffassung von Jox nicht die Bedingungen für den bioethischen Begriff der Autonomie. Juristisch könne zwar ein sogenannter natürlicher Wille aus nonverbalem Verhalten abgeleitet werden. Dessen Verbindlichkeit sei allerdings im Vergleich zum verbal geäußerten, verfügten oder moralischen Willen unklar.

Dass sich dagegen Patientenverfügungen bewährt hätten, berichteten Daniela Ritzenthaler-Spielmann und Patrizia Kalbermatten-Casarotti, Zürich. Seit den ersten Formulierungen von Patientenverfügungen in der Schweiz vor 30 Jahren sei vieles geschehen: „Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich verändert, der Selbstbestimmung wird dabei ein starkes Gewicht verliehen, der ,informed consent’ ist als Basis der ärztlichen Handlungen etabliert.“

Gisela Klinkhammer

Akademie für Ethik in der Medizin

Die Akademie für Ethik in der Medizin, die wissenschaftliche Gesellschaft für Medizinethik in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wurde am 5. Dezember 1986 in Göttingen gegründet. In diesem Jahr feiert sie ihr 25-jähriges Bestehen. Die Akademie fördert nach eigenen Angaben den interdisziplinären gesellschaftlichen Dialog zu den brisanten Fragen der modernen Medizin. Präsidentin der Akademie für Ethik in der Medizin ist Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann, Göttingen.

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