
Die Anzahl von Online-Diensten, die ärztliche Leistungen vermitteln, wächst. Für den Patienten ist es schwierig, die Qualität dieser Angebote zu bewerten.

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Man kann nicht umhin, von einem Trend zu sprechen: Kaum ist die Aufregung um das im August 2011 eröffnete Zweitmeinungsportal Vorsicht-Operation.de etwas abgeklungen (siehe DÄ, Heft 34–35/2011), gehen zwei weitere Online-Dienste an den Start, die die Diskussionen um ärztliche Leistungen im Internet weiter anfachen dürften. Das Portal Krebszweitmeinung.de will Tumorpatienten schnell und unkompliziert Zugang zur Zweitmeinung von hochspezialisierten Experten verschaffen. Bei DrEd.com handelt es sich um eine Arztpraxis mit Sitz in London, die Patienten in Deutschland Diagnosen und Therapie per Internet anbietet. Zwei sehr unterschiedliche Dienste somit, die das breite Spektrum von Angeboten im Internet veranschaulichen, mit dem sich Ärzte und Patienten zunehmend auseinandersetzen müssen.
Zugang zu Tumorboards als Chance
Das Tumorportal hat die Health Management Online (HMO) AG, Oberhaching, in einer knapp dreijährigen Pilotphase gemeinsam mit der Felix-Burda-Stiftung zunächst für Darmkrebspatienten entwickelt und erprobt. Hintergrund war die Erfahrung, dass es vor allem für Patienten in ländlichen Regionen und abseits der Universitätsklinika oder klinischer Zentren schwierig ist, eine qualifizierte Zweitmeinung einzuholen. Seit April 2011 steht das Beratungsangebot auch Patienten mit anderen Krebserkrankungen zur Verfügung. Profitieren sollen davon vor allem Tumorpatienten, bei denen die Situation schwierig zu beurteilen ist und mehrere Therapieoptionen bestehen oder die sich unsicher hinsichtlich der gewählten Behandlung sind.
Nachfrage sei vorhanden, im Durchschnitt würden derzeit monatlich 15 Anträge bearbeitet, berichtet Ekkehard Wolf, Case Manager bei der HMO AG. Hat sich ein Patient für den Dienst angemeldet, nimmt ein persönlicher Betreuer telefonisch Kontakt mit dem Patienten auf und prüft, ob eine Zweitmeinung hinsichtlich der Fragestellung und Vollständigkeit der Unterlagen infrage kommt. Ist das der Fall, trägt der Case Manager gemeinsam mit dem Patienten alle notwendigen Unterlagen zusammen, überträgt diese in eine webbasierte elektronische Akte, richtet einen E-Mail-Account für den Patienten ein und übermittelt den Fall an ein geeignetes Tumorboard. „Wir haben dazu bundesweit Kooperationsverträge mit verschiedenen Universitätskliniken und Krebszentren abgeschlossen“, erläutert Wolf. Knapp 20 Verträge seien bereits unterschrieben, circa 40 weitere Kliniken hätten ihre Kooperation zugesagt.
An der interdisziplinären Tumorkonferenz sind Chirurgen, Onkologen, Pathologen, Radiologen und Strahlentherapeuten sowie die jeweiligen Fachärzte beteiligt. Das Tumorboard bespricht den Fall und gibt eine Therapieempfehlung ab. Diese und etwaige Abweichungen zu den Empfehlungen des Erstbehandlers werden dem Patienten vom jeweiligen Tumorboard und dem Case Manager erläutert. Bei Bedarf wird der Patient an weitere Spezialisten vermittelt. Außerdem steht der persönliche Betreuer bis zu sechs Monate als Ansprechpartner für den Patienten zur Verfügung.
Kontakt zum Erstbehandler ist wichtig
Anders als beim eingangs erwähnten Portal Vorsicht-Operation.de legt der Betreiber des Tumorportals großen Wert darauf, dass das Einholen einer Zweitmeinung sich nicht gegen den Erstbehandler richtet. „Uns ist es wichtig, dass der Erstbehandler so früh wie möglich miteinbezogen wird“, erläutert Wolf. Auch wenn die Therapieempfehlung des Tumorboards von der Meinung des Erstbehandlers abweiche, sei dies nicht als Angriff auf die Expertise des Erstbehandlers zu verstehen, denn: „Das onkologische Wissen hat heute eine Halbwertszeit von zwei Jahren. Da schafft es ein Arzt nicht, stets überall auf dem neuesten Stand zu sein.“
So haben Auswertungen aus der Pilotphase mit etwa 400 Darmkrebspatienten ergeben, dass es in circa 50 Prozent der Fälle zu teilweise erheblichen Abweichungen zwischen Erst- und Zweitmeinung kam. Hier besteht weiterer Forschungs- und Evaluationsbedarf. Eine erste von der Felix-Burda-Stiftung initiierte Studie zur Patientenzufriedenheit und Lebensqualität wird Mitte 2012 veröffentlicht, weitere Auswertungen sollen folgen.
Die Erstellung der Zweitmeinung durch ein Tumorboard einer Universitätsklinik oder eines Krebszentrums einschließlich Vermittlungsservice und Nachbetreuung kostet 379 Euro. Ein Härtefallfonds soll sicherstellen, dass auch sozial schwachen Patienten die Nutzung des Dienstes ermöglicht wird. Die HMO AG verhandelt derzeit mit mehr als einem Dutzend Krankenkassen über eine mögliche Kostenübernahme. Das Interesse bei den Kassen sei groß, sagt Wolf, weil neben der Qualitätsverbesserung in vielen Fällen durch eine individuellere Behandlung auch eine Kostenersparnis erzielt werden könne.
Anders als beim Tumorportal (und auch beim Chirurgieportal) geht es bei DrEd nicht um eine zweite Meinung. Vielmehr ist das Portal laut Betreiber die „europaweit erste Online-Praxis, in der deutsche Ärzte deutschsprachige Patienten über das Internet beraten und behandeln“. Das Unternehmen beruft sich auf die am 24. April 2011 in Kraft getretene EU-Richtlinie zur Patientenmobilität, wonach Patienten ihre medizinischen Leistungserbringer innerhalb des europäischen Raumes frei wählen können. Weil das Angebot einer Online-Therapie in Deutschland gegen die ärztliche Berufsordnung verstößt und verboten ist, betreibt das von britischen Aufsichtsbehörden zugelassene Unternehmen die Praxis von London aus.
Online-Sprechstunden und Rezepte per Mausklick
Medizinische Schwerpunkte sind Sprechstunden zur Männer- und zur Frauengesundheit (Impotenz, Haarwuchs, Verhütung), Geschlechtskrankheiten sowie Reisemedizin, Themen also, die häufig mit einem hohen Schamfaktor für die Betroffenen verbunden sind oder „Lifestylemedizin“ betreffen. Sprechstunden und Diagnosestellung sind für den Patienten kostenfrei, erst bei einer Behandlung, etwa durch das Ausstellen eines Rezepts, fallen Kosten abhängig vom jeweiligen Thema an. Sie liegen zwischen neun und 29 Euro, die Praxisgebühr entfällt.
Das Unternehmen kooperiert mit Laboren, beispielsweise für die Analyse von Urinproben. Außerdem besteht eine Kooperation mit der Versandapotheke apo-rot. Der Patient kann wählen, ob DrEd das Rezept an diese Versandapotheke zur Auslieferung der Medikamente weiterleitet oder an ihn nach Hause sendet.
Bei den Ärzten hierzulande stößt das Angebot auf erhebliche Vorbehalte. „Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten – die Grundlage jeder Behandlung – kann nur aufgrund eines persönlichen Kontakts geschaffen werden. Diagnose und Behandlung allein über das Internet können nicht im Interesse des Patienten sein. Vor diesem Hintergrund sehen wir Angebote wie ‚DrEd‘ äußerst skeptisch“, schreibt die Bundesärztekammer in ihrer Stellungnahme zu dem Portal. Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin verweist auf die vom Deutschen Ärztetag 2010 beschlossenen Leitsätze für gute Telemedizin und betont: „Patienten, die sich ohne ein persönliches Gespräch oder Behandlung beim Haus- oder Facharzt auf eine Online-Diagnose und daraufhin verordnete Medikamente einlassen, müssen wissen, dass sie ein nicht kalkulierbares Risiko eingehen.“
Neben dem Aspekt des Datenschutzes – der Server mit den gespeicherten Patientendaten steht in Großbritannien – ist vor allem auch die in Deutschland nicht zulässige enge Verflechtung von Arzt und Apotheke problematisch. „Da hat es jemand mit dem Wettbewerb etwas übertrieben und versucht, durch seine Ratschläge entsprechende Umsätze zu generieren. Das Wohl des Patienten steht dabei eindeutig nicht im Vordergrund“, meint Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin mit Blick auf DrEd.
Zweitmeinungsportale hält er hingegen für „unvermeidbar“ (3 Fragen an . . .). Sein Rat an die Nutzer lautet jedoch: „Der kluge Patient, der glaubt, eine Zweitmeinung zu brauchen, sollte sich eine zweite Meinung anhören, eine Nacht darüber schlafen und dann idealerweise nochmals mit dem ihn behandelnden Arzt sprechen. Eine internetbasierte Information kann das individuelle Arzt-Patienten-Gespräch nicht ersetzen. Man muss sich dieser Grenze bewusst sein.“
Heike E. Krüger-Brand
3 Fragen an . . .
Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender der Qualitätssicherungsgremien der Bundesärztekammer
Sind Zweitmeinungsportale sinnvoll für Patienten?
Jonitz: Ich halte sie grundsätzlich nicht für sinnvoll, aber für unvermeidbar. Nicht sinnvoll sind sie, weil der Patient eine auf seine persönliche Situation zugeschnittene Meinung haben möchte, was für ihn das Beste ist, und dies per Internet auf den Weg zu bringen, ist nie vollständig, es fehlen in der Regel immer wichtige, möglicherweise entscheidende Informationen.
Unvermeidbar sind sie, weil es erstens ein relativ unbegrenztes Bedürfnis nach Informationen gibt in der irrigen Annahme, dass mehr Information auch mehr Sicherheit bedeutet. Häufig bedeutet mehr Information auch mehr Unsicherheit. Das Zweite ist die wesentlich bessere Möglichkeit heute, sich dank der elektronischen Kommunikation zu informieren. Daher ist es völlig normal, dass es solche Portale gibt, man muss diese Entwicklung nicht dramatisieren.
Vorsicht-Operation, Krebszweitmeinung und DrEd – wie sind diese Portale zu bewerten?
Jonitz: Es wäre erforderlich, dass man für sie ein ähnliches Kriterienraster erarbeitet wie für die Arztbewertungsportale. Da gibt es bereits ein sehr gutes Qualitätsraster, das erkennen lässt, wer es seriös meint und wer nicht. Das fängt beispielsweise beim Impressum an, aus dem genau hervorgehen muss, wer dahintersteckt, und es muss klar sein, wer das Ganze finanziert. Wenn da etwa „anerkannter Spezialist für“ steht, ist zu fragen, von wem anerkannt? Es fehlen häufig jegliche Belege über die Qualifikationen der Ratgeber, da herrscht zum Teil völliger Wildwuchs.
Wo liegen die Risiken?
Jonitz: Die Hauptrisiken liegen darin, dass man über solche Portale eine Meinung erhält, die möglicherweise überhaupt nicht die richtige für den Patienten ist, die ihn verunsichert oder zu unnötigen, vielleicht sogar gefährlichen Zweiteingriffen oder Maßnahmen veranlasst.
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