POLITIK

Evaluation der Weiterbildung: Im Ergebnis eine gute Zwei minus

Dtsch Arztebl 2011; 108(50): A-2694 / B-2250 / C-2222

Korzilius, Heike

Etwa 30 000 Ärztinnen und Ärzte haben sich 2011 an der zweiten bundesweiten Umfrage zur Situation in der Weiterbildung beteiligt. Gegenüber der ersten Befragung im Jahr 2009 haben sich die Noten sogar geringfügig verbessert.

Wir Assistenten verwenden unsere Zeit fast ausschließlich für Stationsarbeit, Arztbriefe und Kodieren.“ „Eine Investition in meine chirurgischen Fähigkeiten wurde als Zeitverschwendung betrachtet. Folglich verbrachte ich meine Tage mit Blutentnahmen, Verbandswechseln, Arztbriefen und Haken-und-Maul-Halten.“ So klangen die meisten Zuschriften, die Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung im Frühjahr 2010 an das Deutsche Ärzteblatt schickten. Hintergrund war die erste systematische Umfrage zur Situation in der ärztlichen Weiterbildung, die die Bundesärztekammer (BÄK) zusammen mit den Landesärztekammern 2009 initiiert hatte.

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Angesichts des schlechten Rufs der Weiterbildung überraschte das Ergebnis. In der Globalbeurteilung („Ich würde die Weiterbildungsstätte weiterempfehlen“, „Ich bin zufrieden mit der Arbeitssituation“) vergaben die Assistenten 2009 im Bundesdurchschnitt die Schulnote 2,54. Das Ergebnis hat sich bei der zweiten Umfrage, die von Juni bis September 2011 in allen 17 Landesärztekammern stattfand, mit der Note 2,44 sogar leicht verbessert. Die Befragung erfolgte modifiziert auf der Basis der Methodik „Evaluation der Weiterbildungssituation“ von Prof. Dr. Michael Siegrist und Pascale Orlow, Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich, Professur für Consumer Behavior, sowie Dr. med. Max Giger, Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH.* 

Der positive Trend spiegelt sich auch in den sieben weiteren Fragekomplexen mit insgesamt 106 Fragen wider, die Aufschluss über die grundsätzliche Zufriedenheit mit der Weiterbildung geben, darunter die Vermittlung von Fachkompetenz (2,29), Führungskultur (2,32) oder Betriebskultur (2,09). Am schlechtesten schneidet bei der Beurteilung, wie schon 2009, die wissenschaftlich begründete Medizin ab, wobei sich der Wert auffallend verbessert hat: von 3,82 auf 3,25 (siehe Grafik). In diesem Fragenkomplex haben die Experten allerdings im Vergleich zum ersten Fragebogen die Formulierung der Fragen präzisiert.

Besser in allen Bereichen

Alles in allem unterscheiden sich die Bewertungen von Ärztekammer zu Ärztekammer beziehungsweise von Fachgebiet zu Fachgebiet nicht wesentlich. Auch das war 2009 nicht anders. Auffallend ist jedoch, dass die Assistenten, die mit nur wenigen anderen Weiterzubildenden im ambulanten Bereich die Weiterbildung absolvieren, ihre Weiterbildungsstätten durchweg besser bewerten als Assistenten, die in größeren Abteilungen im stationären Bereich tätig sind.

„Wir verzeichnen gegenüber der ersten Befragungsrunde in allen Bereichen positive Tendenzen“, sagt Dr. med. Annette Güntert, Leiterin des Dezernats Weiterbildung bei der Bundesärztekammer, die gemeinsam mit Weiterbildungsreferentin Dr. med. Kerstin Hoeft das Projekt federführend begleitet hat. Der kritische Punkt sei jedoch, wie schon 2009, die mit 38,6 Prozent relativ niedrige Beteiligungsrate bei den Assistenten. Dass diese dennoch höher liegt als 2009, (32,8 Prozent) könnte zum Teil eine Folge des veränderten Umfrageverfahrens sein, vermutet man im Dezernat Weiterbildung. Während 2009 die Assistenten die Zugangskodes für die Online-Befragung von den Weiterbildern erhalten hatten – was damals auf viel Kritik stieß –, übermittelten diesmal die Kammern den Kode direkt an die Assistenten. Güntert betont, dass die Rücklaufquote im Vergleich zu anderen Befragungen, bei denen eine Vollerfassung angestrebt wird, gar nicht so schlecht ist. Immerhin hätten sich 20 524 Assistenzärzte an der Umfrage beteiligt: „Solche Zahlen sind bei keiner anderen Befragung zur Weiterbildung erreicht worden.“

Weil die diesjährige Umfrage nur schleppend in Gang kam, hatten Kammern und BÄK beschlossen, die Antwortfristen für Assistenzärzte und Weiterbilder um jeweils vier Wochen zu verlängern – mit Erfolg (siehe „3 Fragen an“). Allerdings schwankte die Beteiligungsrate der Assistenzärzte von Ärztekammer zu Ärztekammer erheblich. Während die Quote im Bundesdurchschnitt bei 39 Prozent lag (2009: 33), beteiligten sich in Hessen nur elf Prozent (2009: 28) der Ärzte in Weiterbildung an der Umfrage. Spitzenreiter waren mit 59 Prozent die Sachsen, die an der ersten Befragungsrunde 2009 nicht teilgenommen hatten. In Hessen will man nun erst einmal die Ergebnisse genau analysieren, bevor man sich zu den Gründen für die geringe Beteiligung äußert.

Relativ zufrieden ist die Weiterbildungsabteilung der BÄK mit der Teilnahmerate bei den Weiterbildungsbefugten, obwohl diese 2011 mit 53,3 Prozent niedriger lag als 2009 (60,8 Prozent). Immerhin beantworteten 9 275 der etwa 17 000 aktiven Weiterbilder die Online-Umfrage. Doch ähnlich wie bei den Assistenten schwankte auch bei den Befugten die Beteiligung von Kammer zu Kammer enorm. Während in Westfalen-Lippe 85 Prozent der Weiterbilder teilnahmen (2009: 76), waren es in Hessen magere 17 Prozent (2009: 36).

Anstoß für Veränderungen

Die Ärztekammern interessierte diesmal auch, ob sich die Ergebnisse der ersten Evaluation auf den Weiterbildungsalltag ausgewirkt haben. Eine Rückmeldung erwartete man von denjenigen Weiterbildern, die 2009 einen individuellen Befugtenbericht erhalten hatten. Das traf allerdings nur auf circa die Hälfte der Befugten zu: nämlich diejenigen, deren Abteilung groß genug war, um die Anonymität der Mitarbeiter zu wahren, und deren Assistenten einer Veröffentlichung ihrer aggregierten Bewertungen zugestimmt hatten. Von den gut 2 000 Weiterbildern, die sich 2011 zurückgemeldet haben, erklärten 78,5 Prozent, sie hätten ihren Bericht mit ihren Assistenten besprochen. 98 Prozent meinten, sie fühlten sich gerecht beurteilt, und 55 Prozent sagten, die Hinweise aus der Befragung hätten sie motiviert, Veränderungsprozesse einzuleiten.

In Thüringen nahm die Kammer die Evaluation der Weiterbildung zum Anlass, in besonderer Weise aktiv zu werden. Deren Vertreter suchten in den Krankenhäusern Chefärzte, Ärztliche Direktoren und Geschäftsführer persönlich auf, um die Ergebnisse zu diskutieren. „Wir haben bislang elf Krankenhäuser besucht. Und die Resonanz auf diesen direkten Kontakt war durchweg positiv“, sagt die Sprecherin der Landesärztekammer Thüringen, Ulrike Schramm-Häder. Mit diesem Vorgehen ist Thüringen noch allein. Doch die Bundesärztekammer und die Landesärztekammern haben eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die „die Evaluation evaluieren soll“, wie BÄK-Referentin Hoeft erklärt. Man müsse jetzt analysieren, ob das Verfahren modifiziert werden müsse und wie man die Ergebnisse für die Qualitätssicherung in der Weiterbildung nutzen könne: „Eins können wir aber jetzt schon sagen: Das Projekt hat sich gelohnt.“

War es nach der ersten Befragung noch so, dass die von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich aufbereiteten Daten nur in Form von Länderrapporten und einem Bundesrapport auf den Internetseiten der BÄK und der Landesärztekammern verfügbar waren, sollen diesmal von Januar an auch die Ergebnisse der Weiterbildungsstätten in aggregierter Form über das Online-Portal www.evaluation-weiterbildung.de abrufbar sein. Voraussetzung: Der Weiterbilder widerspricht dieser Veröffentlichung nicht. Damit können sich angehende Ärzte in Weiterbildung erstmals im Internet über die Qualität der Weiterbildung in bestimmten Abteilungen informieren.

Heike Korzilius

@Die Analyse der Befragung 2011 von lic.phil. Pascale Orlow, Dr. med. Kerstin Hoeft und Dr. med. Annette Güntert: www.aerzteblatt.de/112694

* Aufbereitung und Bereitstellung der Daten der Befragung „Evaluation der Weiterbildung“ durch lic. phil. Pascale Orlow (Consumer Behavior ETH Zürich).

3 Fragen an . . .

Dr. med. Franz Bartmann, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundesärztekammer

Bei der aktuellen Befragung haben die Weiterzubildenden ihre Zugangskodes direkt von den Ärztekammern erhalten. Wie hat sich das auf die Teilnahmequote ausgewirkt?

Bartmann: Wir verzeichnen, wie erhofft, eine höhere Teilnahme. Allerdings liegt die Rate nicht dramatisch über der von 2009, und 40 Prozent aller Teilnehmenden haben wir erst nach einer Verlängerung der Teilnahmefrist um vier Wochen erreicht. Bis dahin lag die Beteiligung deutlich unter der von vor zwei Jahren. Überrascht hat mich, dass die Projektleiter in den Ärztekammern das neue Verfahren favorisieren, obwohl es mit einem deutlich höheren Verwaltungsaufwand verbunden ist. Sie haben vor allem den direkten Kontakt mit den Weiterzubildenden als positiv empfunden.

Welche Veränderungen haben die Ergebnisse der ersten Befragung bewirkt?

Bartmann: Etwa die Hälfte aller Befugten, die sich 2009 an der ersten Befragung beteiligt hatten, erhielt einen individuellen Befugtenbericht. Diese Weiterbilder haben wir im Rahmen der aktuellen Evaluation um Rückkoppelung gebeten, ob sie aus den Befugtenberichten 2009 Erkenntnisse gewonnen haben. Dabei kam heraus, dass sich von denen, die 2011 geantwortet haben, 98 Prozent gerecht beurteilt fühlten. Der überwiegende Teil hat außerdem erklärt, dass er aus den Ergebnissen der Evaluation Konsequenzen für die eigene Abteilung abgeleitet hat.

Wie geht es jetzt weiter?

Bartmann: Mit den beiden Befragungsdurchläufen haben wir umfassende Analysen über die Situation der Weiterbildung in Deutschland gewonnen. Das Befragungsprojekt werden wir jetzt erst einmal bewerten. 2013 soll erneut eine Befragung stattfinden, allerdings mit weniger organisatorischem Aufwand. Unser mittelfristiges Ziel ist es, unmittelbar in die Weiterbildungsordnung Elemente einzubauen, die eine fortlaufende Evaluierung ermöglichen.

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