POLITIK

Gendiagnostikgesetz: Notlösung für den Übergang

Dtsch Arztebl 2011; 108(51-52): A-2749 / B-2293 / C-2261

Richter-Kuhlmann, Eva

Ab 1. Februar 2012 dürfen nur noch Ärztinnen und Ärzte genetisch beraten, die sich dafür qualifiziert haben. Eine Übergangslösung der Ärztekammern soll Abhilfe schaffen.

Knapp zwei Jahre ist das Gendiagnostikgesetz (GenDG) mittlerweile in Kraft. Dennoch ist die praktische Umsetzung einiger Regelungen, nämlich der zur geforderten ärztlichen Qualifikation, bislang noch mit einigen Fragezeichen versehen. Viel Zeit bleibt jedoch nicht mehr: Die Übergangsregelungen enden im Januar, und somit dürfen dem Gesetz zufolge ab 1. Februar 2012 nur noch diejenigen Ärzte Beratungen im Sinne des GenDG vornehmen, die sich entsprechend dafür qualifiziert haben.

Anzeige

„So heiß, wie gekocht wird, wird aber nicht gegessen“, beruhigt Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer (BÄK) und Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung der BÄK. Bereits vor Monaten habe sich die Bundesärztekammer eingeschaltet, um die seit langem absehbaren Probleme abzuwenden oder zumindest abzumildern. Ihrer Bitte um Fristverlängerung sei das Bundesministerium für Gesundheit zwar nicht nachgekommen. „Aber wir wollen mit einer praktikablen Übergangslösung helfen“, erklärt Kaplan dem Deutschen Ärzteblatt. Einen Weg aus der Misere sollen ab Januar 2012 Wissenskontrollen für die genetische Beratung und die vorgeburtliche Risikoberatung schaffen, in deren Vorfeld fast alle Landesärztekammern freiwillige Refresher-Kurse anbieten werden.

Wissenskontrolle vor allem für Gynäkologen und Pädiater

Der Aufwand und die zusätzliche Qualifizierung werden nötig, da aufgrund der Definition von genetischen Untersuchungen im Gesetz nun auch für Gynäkologen, Pädiater, Internisten, Allgemeinmediziner, Pathologen und Neurologen neue Anforderungen gelten: Per Gesetz sind jetzt alle Ärztinnen und Ärzte, die eine genetische Untersuchung veranlassen (und nicht diejenigen, die sie im Auftrag durchführen), verpflichtet, ihre Patienten aufzuklären und eine schriftliche Einverständniserklärung zur Untersuchung einzuholen. Dazu benötigen sie aber dem GenDG zufolge demnächst eine zusätzliche Qualifikation. Wie diese allerdings aussehen soll, und welche qualitativen Anforderungen für die genetische Beratung nach GenDG genau bestehen, definiert das Gesetz nicht. Stattdessen veröffentlichte die Gendiagnostikkommission (GEKO) am Robert-Koch-Institut im Juli (also vor etwa einem halben Jahr) eine entsprechende Richtlinie.

Reichlich spät, wie viele meinen. Denn zur Umsetzung der Richtlinie sind die Länder verpflichtet. Diese schieben jedoch den Ärztekammern den Schwarzen Peter zu. Die haben das derzeitige Chaos zwar nicht verursacht, müssen sich aber der Angelegenheit schon allein deshalb annehmen, weil sie sonst zu einem handfesten Problem für Ärzte und Patienten wird: „Auch nach dem 1. Februar 2012 werden viele Schwangere Untersuchungen wie das Ersttrimesterscreening oder eine Fruchtwasseruntersuchung in Anspruch nehmen wollen“, erklärt Dr. med. Klaus König, Vorsitzender des Landesverbandes Hessen des Berufsverbandes der Frauenärzte. Ob aber ausreichend Ärzte vorhanden seien, die die gesetzlich vorgeschriebene genetische Beratung dann noch durchführen dürfen, sei zu bezweifeln. „Die Richtlinie der leider fern jeder Praxisrealität agierenden Gendiagnostikkommission hat das Weiterbildungsrecht missachtet“, erläutert der in Steinbach (Taunus) niedergelassene Frauenarzt.

Konkret bedarf es der GEKO-Richtlinie zufolge ab Februar 2012 und für eine Übergangszeit von fünf Jahren der erfolgreichen Absolvierung einer Wissenskontrolle, um genetisch beraten zu dürfen. Der Zugang zu ihr kann zunächst mit oder ohne vorherige Kursteilnahme erfolgen. Nach dem Ablauf der fünf Jahre, also ab Sommer 2016, ist die Absolvierung eines 8-Stunden-Kurses Voraussetzung für genetische Beratungen im Kontext der vorgeburtlichen Risikoabklärung. Ein 72-Stunden-Kurs muss besucht werden, um nach § 10 GenDG beraten zu können.

Rechtliche Konsequenzen drohen nicht sofort

Doch auch deren Etablierung wird nicht so einfach: „Die Umsetzung ist nicht mit der bestehenden ärztlichen Weiterbildungs- und Fortbildungssystematik kompatibel“, erläutert Dr. med. Annette Güntert vom Weiterbildungsdezernat der BÄK. Erschwerend komme hinzu, dass die Länderministerien uneins seien und damit eine eigentlich nötige bundeseinheitliche Handhabung infrage gestellt sei.

Unklar ist noch, ob und welche rechtlichen Konsequenzen möglicherweise die Missachtung der gesetzlichen Vorgaben ab Februar 2012 haben kann. „Die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden hat jedoch vorerst den Druck rausgenommen“, erläutert Kaplan. Sie habe in einem Schreiben wissen lassen, dass beratende Ärzte keine Sanktionen zu befürchten hätten, bis es ihnen möglich war, eine Wissenskontrolle bei ihrer Ärztekammer zu absolvieren.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige