THEMEN DER ZEIT

NS-„Euthanasie“: Gedenken, forschen, dokumentieren – aber wo?

Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): A-24 / B-20 / C-20

Jachertz, Norbert

Foto: picture alliance

Der Bundestag empfiehlt, den Gedenkort an der Tiergartenstraße in Berlin aufzuwerten. Jetzt ist das Land am Zuge. Ein Kompromiss deutet sich an.

Die Bemühungen um einen angemessenen Gedenkort für die Opfer der NS-„Euthanasie“ verliefen bisher äußert zäh. Das liegt am Ort, an divergierenden Interessen, am Schwarze-Peter-Spiel von Bund und Land. Am 10. November 2011 nun hat sich der Bundestag für eine „Aufwertung“, so die Formel des Berichterstatters, Marco Wanderwitz (CDU/CSU), des bestehenden Gedenkorts in der Tiergartenstraße 4 in Berlin ausgesprochen. Die Bundesregierung soll den Auftrag des Parlaments gemeinsam mit dem Land Berlin umsetzen und dabei die Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ sowie „Topographie des Terrors“ einbeziehen. Im Haushalt von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) werden 2012 für den Gedenkort 500 000 Euro bereitgestellt. Der Bundestag beschloss einstimmig. Lediglich die „Linke“ enthielt sich. Sie plädiert zwar auch für den Gedenkort. Ihre Vorschläge gehen aber über die „Aufwertung“, auf die sich die übrigen Fraktionen verständigen konnten, hinaus; sie spricht sich für ein „Dokumentationszentrum“ und gegen die „Auslagerung der Information“ in die „Topographie“ aus.

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Es gibt eine verworrene (Interessen-)Lage

In der Berliner Tiergartenstraße 4, einer „arisierten“ Villa, saßen die Schreibtischtäter. Verwaltungsbeamte und Ärzte planten und organisierten mit einer ausgefeilten Logistik den Massenmord an Geisteskranken und Behinderten, dem 1940 und 1941 etwa 70 000 hilflose Menschen zum Opfer fielen: die später sogenannte Aktion T4. Umgebracht wurden die Wehrlosen in den Gaskammern in sechs Mordanstalten, fünf davon in Deutschland, eine in Österreich. Neben und nach T4 wurden Patienten in Krankenhäusern, „Kinderfachabteilungen“ und Heimen durch Medikamente und Hungerkost getötet oder – im besetzten Osten – von mobilen Einsatzgruppen durch Auspuffgase oder Exekution umgebracht. Die Rede ist von 200 000 Opfern, andere sprechen von 300 000.

An der Stelle der T4-Villa steht heute teils die Berliner Philharmonie, teils eine Bushaltestelle für die Freunde abendlichen Musikgenusses. 1987 erinnerte erstmals eine in einen Doppeldeckerbus gezwängte Ausstellung auf dem Busparkplatz an den ursprünglichen Ort. Sie war organisiert von einer Geschichtswerkstatt um den Historiker und Journalisten Götz Aly. Im Gefolge der Ausstellung wurde 1991 eine Gedenktafel in den Boden eingelassen, ergänzt seit 2008 um eine Infotafel. Zum Ensemble gehört schließlich noch ein zweckentfremdetes Objekt von Richard Serra (zwei gewaltige, sich einander zuneigende Stahlplatten namens „Berlin Junction“), das viel mit der geteilten Stadt, aber nichts mit der „Euthanasie“ zu tun hat. Weitere Gedenkorte, teils verbunden mit pädagogischen Angeboten, gibt es in den früheren Mordanstalten, so in Brandenburg (Havel), auf das in Berlin gern verwiesen wird, gelegentlich auch in Kliniken mit belasteter Vergangenheit.

Runder Tisch bei der „Topographie des Terrors“

Seit vier Jahren versammeln sich in Berlin Opfer- und Behindertenverbände, Historiker und Ärzte um einen Runden Tisch, den die „Topographie des Terrors“ organisiert. Diese sowie die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ organisierten 2009 zudem eine Konferenz im Berliner Martin-Gropius-Bau. Deren Teilnehmer sprachen sich dafür aus, an der Tiergartenstraße 4 einen „Ort des Gedenkens wie der Information“ zu schaffen. Eine solche Formel findet man auch im Beschluss des Bundestages. Es spricht vieles dafür, dass die einen darunter etwas anderes verstehen als die anderen. Dem Gedenken am Ort der Täter stimmen zwar alle zu. Doch die Bandbreite der geforderten Information reicht von einigen Infotafeln am Ort, über Ausstellungen in der „Topographie“ oder beim Holocaust-Denkmal bis hin zu eigenen Räumen neben der Philharmonie. Auf eine möglichst sparsame Variante deutet der Bundestagsbeschluss hin, für die umfassendste setzt sich der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation ein: Die Realisierung eines Dokumentations- und Gedenkortes an historischer Stelle sei eine nationale Aufgabe, betont Dr. med. Gerrit Hohendorf, München, vom Arbeitskreis, und sei mit Bundesmitteln zu fördern. Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), tritt dafür ein, „dass neben dem Ort des Gedenkens ein solcher der wissenschaftlich abgesicherten Dokumentation und Information entsteht“, so Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider, Aachen, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Psychiater: Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft

Friedrich Mauz (1900–1979), wirkte wie Panse als Gutachter für die „Aktion T4“, der in den Jahren 1940 und 1941 etwa 70 000 Menschen zum Opfer fielen. Foto: Bildarchiv Foto Marburg
Die DGPPN spielt bei dem Thema neben dem „Runden Tisch“ eine besondere Rolle. Sie hat unter Schneiders Ägide und fortgesetzt durch den derzeitigen Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Dr. med. Peter Falkai, Göttingen, eine viel beachtete Initiative zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gestartet. So hat sie im Vorjahr eine Gedenkveranstaltung während des Jahreskongresses der Gesellschaft ausgerichtet, fortgesetzt in diesem Jahr mit der Vorstellung von Täter-Biografien; diese mündete in die Aberkennung der DGPPN-Ehrenmitgliedschaften von Prof. Dr. med. Friedrich Mauz und Prof. Dr. med. Friedrich Panse, beide T4-Gutachter, beide nach dem Krieg gleichwohl zu Ehren gekommen. Die Gesellschaft hat zudem einen Spendenaufruf initiiert, dem sich eine Vielzahl von ärztlichen Vereinigungen angeschlossen hat (Spendenkonto DGPPN, 5252, bei Sal. Oppenheim, BLZ 37030200, Stichwort Spendenaufruf). Mit den Spenden, bisher ungefähr 30 000 Euro, sollen zum Beispiel eine (Wander-)Ausstellung oder die Erforschung von Opfer- und Täterbiografien gefördert werden. Schneider weist darauf hin, dass in „Euthanasie“ und Zwangssterilisation nicht allein Psychiater verwickelt waren, sondern auch Ärzte weiterer Fachgebiete. Auch sei das Thema in einen größeren zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen. Tatsächlich haben sich in jüngster Zeit mehrere Fachgesellschaften ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit gestellt, so die der Kinderärzte, der Chirurgen oder der Urologen.

Die DGPPN ist bereit, für eine Ausstellung 100 000 Euro beizusteuern, so sich denn ein Ausstellungsmacher und der passende Ort finden. Vor allem aber finanziert sie über einen Zeitraum von zehn Jahren die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, etabliert beim Medizinhistorischen Institut der Universität Gießen. Dessen Leiter, Prof. Dr. Volker Roelcke, steht auch einer Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der DGPPN und deren Vorgängerinnen vor. Die Aufarbeitung ist zweigeteilt. Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Bielefeld, bearbeitet unter anderem die Beteiligung von Repräsentanten der Gesellschaft an Zwangssterilisationen und Krankentötungen. Eine Monografie soll Anfang 2013 vorliegen. Prof. Dr. Rakefet Zalashik, Heidelberg, geht dem Schicksal als „jüdisch“ und/oder „politisch unzuverlässig“ stigmatisierter Mitglieder der Gesellschaft nach. Eine Monografie dazu ist nicht vor 2014/2015 zu erwarten.

Friedrich Panse (1899–1973), übte wie Mauz in der Nachkriegszeit das Amt des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde aus. Foto: Archiv
Die Aktivitäten der DGPPN haben auch bei der Beschlussfassung des Bundestages eine Rolle gespielt. Nebenbei: Ein Beleg dafür, dass sich anhaltendes bürgerschaftliches Engagement doch lohnt. Jetzt ist Berlin am Zuge. Das Land werde gemeinsam mit dem Bund im Jahr 2012 einen Gestaltungswettbewerb für den „Gedenk- und Informationsort T4“ ausloben, bestätigte die Senatskanzlei für Kultur auf Anfrage, allerdings vorbehaltlich der Genehmigung des Haushaltes 2012/2013 durch das Abgeordnetenhaus. Es handele sich nicht um ein „Mahnmal“ oder eine „Denkmalsetzung“, versicherte die Sprecherin der Senatskanzlei, sondern um einen künstlerisch gestalteten Gedenkort, „der Informationen über diesen Ort und seine Geschichte“ integriere, jedoch „die Planung eines neuen Gebäudes oder anderen Baukörpers auf dem Vorplatz der Philharmonie“ ausschließe. Die „Topographie des Terrors“ sowie die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, die beratend tätig seien, „würden im Rahmen ihrer sonstigen Veranstaltungs- und Ausstellungstätigkeit“ auf die Thematik eingehen.

Als Gegner einer Gedenkstätte wird hinter vorgehaltener Hand in Berlin häufig die Philharmonie genannt. Die Stiftung Berliner Philharmoniker versichert indes auf Nachfrage „sie sei offen für jede konstruktive Diskussion“. Sie werde Pläne für ein „Denkmal“ unterstützen, „wenn sie denn konkret werden“. Da die Tiergartenstraße 4 sich in unmittelbarer Nähe zur heutigen Philharmonie befunden habe, „macht die Errichtung eines Denkmals selbstverständlich auch hier nur Sinn“.

Norbert Jachertz

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