POLITIK

Pflegeberufe in der EU: Professionalisierung angestrebt

Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): A-14 / B-22 / C-22

Spielberg, Petra

Die Europäische Kommission plant, die Anforderungen an die Ausbildung von Pflegekräften und Hebammen zu erhöhen. Der Vorschlag stößt auf ein geteiltes Echo.

Mit einer Änderung der Gesetze über die Berufe in der Kranken- und in der Altenpflege hatte die Bundesregierung im Sommer 2009 die Ausbildung zur Pflegekraft auch für Hauptschulabsolventen geöffnet. Damit wollte sie die Weichen stellen, um den steigenden Pflegebedarf aufgrund der demografischen Entwicklung auch in Zukunft decken zu können.

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Neben Luxemburg und Österreich hat Deutschland im EU-Vergleich damit die niedrigsten Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Die übrigen 24 EU-Mitglieder schreiben eine zwölfjährige Schulbildung als Bedingung zur Pflegeausbildung vor. Pflegefachkräfte absolvieren dort auch akademische Ausbildungsgänge. Die Bundesregierung bekräftigte dennoch seinerzeit, dass trotz der Absenkung des Niveaus die Anerkennung der Krankenpflegediplome im EU-Ausland weiterhin gewährleistet sei.

Zugang nur mit „Abitur“

Das könnte sich allerdings ändern. Denn die Europäische Kommission will die in der EU-Richtlinie zur Anerkennung der Berufsqualifikationen festgelegten Mindestausbildungsanforderungen für Pflegekräfte und Hebammen im europäischen Binnenmarkt erhöhen. Die Berufsqualifikationen von Krankenschwestern und -pflegern sowie Hebammen sollen einem Vorschlag von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier zufolge im EU-Ausland künftig nur noch dann automatisch anerkannt werden, wenn die Betroffenen vor dem Erlernen ihres Berufs zwölf Jahre lang die Schulbank gedrückt haben. Die Vorgaben für die Ausbildungen selbst sollen ebenfalls verschärft werden. Barnier begründete seinen Vorschlag mit den gestiegenen Herausforderungen an das Gesundheitspersonal.

Bei Politikern und Interessenvertretern stießen die Brüsseler Pläne auf ein geteiltes Echo. Der Hessische Sozialminister und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz Stefan Güttner (CDU) erklärt: „Dieser Vorschlag wird den Fachkräftemangel verstärken.“ Ein mittlerer Bildungsabschluss müsse weiterhin den Zugang zu pflegerischen Berufen und zur Hebammenausbildung eröffnen. Problematisch sei auch, dass es keine einheitliche Berechnung der Dauer der Schulbildung in den EU-Ländern gebe. Einige Mitgliedstaaten bezögen beispielsweise Zeiträume ein, die in Deutschland als vorschulische Kindergartenjahre definiert werden.

Kritisch geht auch die niedersächsische Gesundheitsministerin, Aygül Özkan (CDU), mit dem „Pflegeabitur“ ins Gericht. „Auch ein Realschüler muss eine solide Chance bekommen, sich in einem Pflegeberuf zu beweisen. Wir wollen junge Menschen gewinnen, die Herzblut für einen helfenden Beruf zeigen.“ Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste wertet die Pläne der EU-Kommission ebenfalls als „falsches Signal“.

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) betont überdies, dass ihm keine Hinweise darauf vorlägen, dass deutsche Krankenpflegekräfte in anderen Ländern schlecht arbeiten würden. „Für Deutschland hätte die Festschreibung einer mindestens zwölfjährigen allgemeinen Schulausbildung als Ausbildungsvoraussetzung für die Krankenpflegeausbildung zudem zur Folge, dass ein grundlegend neues Ausbildungsmodell entwickelt werden müsste.“

Das wiederum wäre ganz im Sinne des Deutschen Berufsverbandes der Pflegeberufe (DBfK), der sich durch die EU-Initiative einen „qualitativen Schub“ für die Weiterentwicklung der Ausbildung erhofft. „Diese Änderung ist ein wichtiger Meilenstein in der Professionalisierung der Pflege in Deutschland“, betont die Präsidentin des DBfK, Gertrud Stöcker. Eine zwölfjährige Schulbildung bedeute zudem nicht zwingend, dass die Pflegeausbildung nur noch an Hochschulen erfolgen könne. Auch greife das Argument, man schließe durch erhöhte Zugangsvoraussetzungen Bewerber aus, nur bedingt, so Stöcker. In Staaten, die die Anforderungen bereits angehoben hätten, habe dies vielmehr zu einer gesteigerten Attraktivität der Pflegeberufe geführt. Jüngstes Beispiel hierfür sei die Schweiz.

Widerstand aus Deutschland

Hierzulande diskutiert derweil eine Bund-Länder-Kommission von Bundesgesundheits- und Bundesfamilienministerium die Eckpunkte für ein neues Pflegeberufegesetz. Demnach soll es künftig eine generalistische Ausbildung für Pflegefachkräfte anstelle der bisher getrennten Ausbildungsgänge in der Altenpflege, Gesundheits- und Kranken- beziehungsweise Kinderkrankenpflege geben. Die neuen EU-Regeln könnten sich somit auch auf die Altenpflegeausbildung auswirken.

Vorher aber müssen das Europäische Parlament und die EU-Regierungen dem Vorschlag der Kommission noch zustimmen. Deutschland werde sich dafür stark machen, eine entsprechende Änderung in der Berufsanerkennungs-Richtlinie zu verhindern, so BMG-Sprecher Oliver Ewald.

Petra Spielberg

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