Gewalt gegen Demonstranten: Das Regime von Präsident Bashir al-Assad geht erbarmungslos gegen seine Gegner vor. Bilder von unabhängigen Medien, wie dieses, gibt es kaum. Foto: dpa
Der friedliche Aufstand in Syrien trifft auf gnadenlose Staatsgewalt. Neutrale, unparteiische humanitäre Hilfe für die Opfer der Gewalt ist unmöglich.
Freitagmittag in Douma, einer der Oppositionshochburgen in Syrien. Wie jede Woche versammeln sich auch heute Menschen zu einer Demonstration nach dem großen Gebet. Es ist eine Demonstration der Ohnmächtigen gegen die Macht. Sie schwenken Olivenzweige und treffen auf Maschinengewehre der brutalen Handlanger des Assad-Regimes. Bevor der Marsch richtig in Gang kommt, hallt ein Schuss durch die Straße. Tränengas vernebelt die Sicht. Ein Schwerverletzter wird von einigen Mitdemonstranten in eine Nebenstraße gezerrt. Sie wissen, dass sie dabei ihr Leben riskieren. Die Menschen sind aufgeregt, wütend, verstört – aber sie bleiben friedlich, schwenken weiter Olivenzweige und skandieren: „Allahu Akbar“ – Gott ist groß.
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Die verwundeten Demonstranten können nicht in Krankenhäusern oder Ambulanzen behandelt werden. Immer wieder hat das Regime die Kliniken durchsucht, um angeschossene Demonstranten verschleppen zu lassen, die behandelnden Mediziner werden Repressalien ausgesetzt und bedroht. Die meisten Verwundeten müssen in provisorischen Krankenlagern in Kellern oder Baracken behandelt werden. Blutige Mullbinden liegen auf dem Boden, Verletzte liegen auf Tragen. Einem von ihnen hat die Kugel eines Scharfschützen den Wangenknochen zertrümmert. Sie blieb im Hals stecken. Das nötige Operationsbesteck zur Entfernung des Geschosses und Material zur sterilen Wundversorgung fehlen.
Es fehlt am nötigsten
Einen anderen hat es noch schlimmer getroffen: Seine Lunge ist durchschossen, sie füllt sich langsam mit Blut. „Er wird es wohl nicht überleben“, sagt Abu Hamza (Name geändert), einer der Organisatoren der lokalen Widerstandskomitees. „Wir verfügen nicht über die medizinischen Geräte, um ihm zu helfen.“
Für die helfenden Ärzte ist es frustrierend. Mit einfachen Mitteln könnten die meisten Verwundeten gut versorgt werden. Es fehlt je- doch am Nötigsten: Verbandsmaterial, Antibiotika, Infusionen. Die Mediziner sehen auch viele Schussverletzungen, deren Behandlung anspruchsvoll ist. Der oft hohe Blutverlust kann nicht kompensiert werden, da es an Transfusionsbesteck oder Infusionen mangelt. Blutspender gibt es genug unter den Demonstranten. Aber ohne Transfusionsmaterial kann selbst der erfahrenste Arzt nicht helfen. Manchmal müssen Schwerverletzte in den dunklen Kellerlöchern einen schmerzhaften Tod erleiden, da es auch an Betäubungsmitteln mangelt.
Die Ärzte riskieren viel
Die Mediziner haben sich organisiert und versuchen, aus dem Nachbarland über private Kontakte Verbandsmaterial und andere essenzielle medizinische Hilfsgüter zu organisieren. Größere Einkäufe in Apotheken im eigenen Land seien zu unsicher und würden an die Geheimdienste gemeldet werden. Bei der Behandlung von Verletzten, ethisches Gebot für jeden Mediziner, riskieren sie viel. Die Regierung fordert jeden Arzt per Dekret auf, die Behandlung von Schussverletzten und Verwundeten zu melden. Dabei geraten die Helfer oft selbst in die Schusslinie der Geheimdienste. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International prangert die menschenverachtenden Methoden des Assad-Regimes gegenüber Verwundeten und Helfern an.
Unabhängige Hilfsorganisationen gibt es kaum im Land. Der Syrische Rote Halbmond ist trotz seiner völkerrechtlichen Sonderstellung machtlos, Mitarbeiter und Patienten sind dem Amnesty-Bericht zufolge der absoluten Willkür des Systems ausgesetzt.
Internationale humanitäre Hilfsorganisationen sind ratlos. Sie haben keinen Zugang zum Land, zu den Verletzten. Das Regime verbietet jegliche internationale Einmischung. Eine unparteiische, neutrale und unabhängige humanitäre Versorgung für die Verletzten wird nicht zugelassen, sondern als Unterstützung der Opposition angesehen. Ohne die Bereitschaft des Regimes, humanitäre Hilfe zuzulassen, sind den internationalen Hilfsorganisationen die Hände gebunden. Es bleibt zunächst nur die Unterstützung lokaler Medizinernetzwerke. Diese sind fragil und der ständigen Gefahr ausgesetzt, zerschlagen zu werden. Bisher konnte kein konstanter Kontakt zwischen den lokalen und internationalen Helfern aufgebaut werden, Einzelaktionen scheinen derzeit die einzige gangbare Form der Solidarität zu sein.
Die syrischen Mediziner könnten von den jahrzehntelangen Erfahrungen großer Hilfsorganisationen profitieren. Standardisierte Baukastensysteme, wie das „Basic Health Kit“, das „Wounded Kit“ oder das „Blood Transfusion Kit“, sind auf die Bedürfnisse in solchen Akutsituationen zugeschnitten. Sie sparen wertvolle Zeit und vermeiden, dass etwas Essenzielles vergessen wird. Jede Apotheke kann sie anhand frei zugänglicher Listen zusammenstellen. Jedoch fehlt es den Ärzten vor Ort an Geld und – wichtiger noch – an medizinisch-logistischer Unterstützung. Dazu kommt die immerwährende Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden.
„Wir haben keine Angst mehr“
Es ist die Willkür des Systems Assad, das die Menschen auf die Straße treibt. „Es gibt kein Nein in Syrien, sondern immer nur ein Ja. Denn man hat Angst, dass sonst ein Polizist oder ein Geheimdienstmann zu einem nach Hause kommt und einem alles wegnimmt“, sagt Abu Hamza. Seit neun Monaten protestieren Syrer gegen den Präsidenten Bashar al-Assad und sein Regime, das nur mit Gewalt reagiert. Bodentruppen, Panzer, Kriegsschiffe, Kampfjets – jedes Mittel ist der Regierung recht, um die Opposition zu ersticken. Und doch sind Städte wie Daraa oder Homs zu Symbolen für die Syrer geworden. Denn trotz der Hunderten von Toten in diesen Städten geben die Befürworter der Freiheit nicht auf. Es steht zu befürchten, dass die zunehmende internationale Isolierung und die Sanktionen der Arabischen Liga und der Europäischen Union vermutlich wie auch im Irak seinerzeit zunächst die Bevölkerung treffen, das Regime hat noch Reserven – und einige wichtige strategische Verbündete.
„Wir haben keine Angst mehr“, sagt Abu Hamza. „Wenn wir getötet werden, dann passiert es halt. Aber wir wollen ein besseres Leben für unsere Kinder erzwingen. Denn das hier ist kein gutes Leben.“ In Würde und Freiheit in einer Demokratie zu leben, das sei das Ziel. Dafür würden sie weiter demonstrieren. „Bis das Regime jeden Einzelnen von uns ermordet hat – oder bis es endlich verschwindet.“
Alexander Bühler, Joost Butenop, Ulrich Brunner
Private Hilfe
Alexander Bühler, Joost Butenop und Ulrich Brunner engagieren sich für eine private Initiative, die versucht, der Zivilbevölkerung in Syrien zu helfen. Denn Hilfsorganisationen ist es nicht erlaubt, in dem Land zu arbeiten. Auf diesem Weg soll erreicht werden, dass medizinische Hilfe trotz Schikanen ins Land kommt. Kontakt:careforsyria@ googlemail.com.
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