Man sollte nicht ideologisch denken, forderte die thüringische Ministerpräsidentin
Christine Lieberknecht.
Foto: dapd
In Thüringen gibt es massive Proteste gegen die geplante Abschaffung der Förderschulen.
Der achtjährige Tim* zeigt seine Autoquartettkarten. „Schau mal, wie viel PS der hat, das ist meine beste Karte“, meint er stolz und präsentiert einen Mercedes SLK. Was mit herkömmlichen Methoden nicht erreicht wurde, habe er mit Hilfe dieses Spiels geschafft – das Rechnen lernen und den Bezug zu Zahlen, berichtet sein Lehrer. Tim ist damit ein gutes Beispiel dafür, dass gerade Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine individuelle und adäquate Schulbildung benötigen.
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Die seit 1991 bestehende Christophorus-Schule in Erfurt hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, den Schülerinnen und Schülern mit geistigen Behinderungen Möglichkeiten und Hilfen zu geben, „damit sie selbstständig Entscheidungen treffen und danach handeln können“. Der projektorientierte Unterricht hat dabei Vorrang. „Durch offene Unterrichtsformen, Einzelförderung, Leistungs- und Neigungskurse wird differenziertes Arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern möglich“, heißt es auf der Homepage. „Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die unsere Schule besuchen, sind in vielen Lebensvollzügen eingeschränkt. Aber wir geben ihnen einen Platz in der Gesellschaft“, sagt Schulleiterin Christa Riethmüller anlässlich einer Pressefahrt vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Deutschen Caritasverband in Erfurt.
Gemeinsamer Unterricht
Doch die Schulleiterin sieht nicht unbesorgt in die Zukunft. Grund dafür ist die geplante Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Danach muss Deutschland dafür Sorge tragen, dass – wie in anderen Ländern auch – der gemeinsame Unterricht zur Regel und die Sonderbeschulung zur Ausnahme wird. In Artikel 24 der Konvention heißt es, dass niemand aufgrund einer Behinderung vom Unterricht in einer Regelschule ausgeschlossen werden darf.
Im Freistaat Thüringen besuchen nach Angaben von Dr. Susanne Wiese, Leiterin des Instituts für pädagogische Diagnostik in Erfurt, zurzeit etwa 80 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Förderschule. Die übrigen 20 Prozent der Kinder würden integrativ beschult. Diese Angaben deckten sich mit der Situation im gesamten Deutschland. Doch ein inklusives Bildungssystem müsste in der Lage sein, genau umgekehrt 80 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den allgemeinen Schulen zu beschulen, und nur der geringere Teil von circa 20 Prozent benötige als Lernort eine Förderschule, erklärt der Integrationsforscher Prof. Dr. paed. Ulrich Heimlich, München.
Und das ist auch ganz im Sinne des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe (CDU). „Die UN-Konvention will, dass Kinder mit und ohne Behinderungen von klein auf den Umgang miteinander lernen. Viele unbehinderte Menschen fühlen sich unsicher, wenn sie behinderten Menschen begegnen, wissen nicht, was sie machen sollen. Und weil sie das nicht wissen, gehen sie den Situationen – und damit den Menschen – oft aus dem Wege. Dabei verpassen wir alle etwas“, sagte Hüppe 2010 im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. Wiese kritisiert außerdem, dass knapp 80 Prozent aller Förderschüler den Hauptschulabschluss nicht schafften und dass nicht einmal ein Prozent aller Förderschüler das Abitur erlangten. Dennoch: „Mit der Abschaffung der Förderschulen wird das Problem nicht zu lösen sein“, sagt sie. Ein leistungsfähiges Schulsystem werde nicht schon allein durch Strukturveränderungen erreicht.
Das sieht der Thüringer Lehrerverband (TLV) ähnlich. Gemeinsam mit der Landeselternvertretung legte er vor kurzem dem Kultusministerium ein Papier vor. Danach sollten Kinder mit Behinderungen wieder in Förderschulen eingeschult werden. Schulen mit gemeinsamem Unterricht brauchten mehr Geld, mehr Räume, mehr Förderschulpädagogen und mehr Weiterbildung. Man habe den Eindruck, dass der gemeinsame Unterricht hauptsächlich von oben verordnet werde und nicht von unten wachse, warf TLV-Landeschef Rolf Busch dem Kultusministerium vor.
Von Fall zu Fall denken
Riehtmüller schließt sich dieser Meinung an: „Wir sehen die Abschaffung der Förderschulen mit großer Sorge. Die Kinder mit Förderbedarf können in allgemeinbildenden Schulen einfach nicht adäquat unterrichtet werden. Obwohl Eltern die Wahl haben, ihre Kinder integrativ beschulen zu lassen, wählen immer mehr Eltern die Förderschule für ihr Kind.“ Unterstützung findet sie auch bei Dr. med. Hadwiga August vom Sozialpädiatrischen Zentrum im Helios-Klinikum Erfurt. „Selbstverständlich muss man sich bemühen, jedes Kind soweit wie nur irgend möglich zu integrieren, Aber man sollte es nicht quasi mit der Brechstange tun. Bevor man Integration vorantreibt, muss man erst die dazu nötigen Voraussetzungen schaffen, denn nur dann bestehen gute Chancen, dass die gewünschte Integration auch gelingt“, sagte die Pädiaterin dem Deutschen Ärzteblatt. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) zeigte Verständnis für die Kritiker. „Ich denke man sollte nicht ideologisch, sondern vom Kind her von Fall zu Fall entscheiden.“
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