Dieser kleine Tagungsband richtet sich vor allem an Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Er sticht hervor durch die Kapitel an seinem Ende: Hier findet man die lesenswerte Arbeit über die „Interdisziplinäre Zusammenarbeit und neue Versorgungsformen – Chancen und Herausforderung in komplexen Jugendhilfefällen“, an deren Ende Strukturen der Kooperation für Jugendliche mit komplexer Problematik über die (Richtlinien-) Psychotherapie hinaus gefordert werden. Davor befindet sich eine praxisnahe und praxiserprobte ausgefeilte Darstellung des Diagnostikmoduls zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdung („Mönchengladbacher Befundbogen“ von Dittrich und Borg-Laufs) – das nicht nur für Verhaltenstherapeuten anwendbar und hilfreich erscheint.
Der Kernbestandteil des Bandes besteht aus dem Versuch, verschiedene Vorgehensweisen unterschiedlicher therapeutischer Verfahren am gleichen Fall darzustellen. Man hätte sich hier die Anwendung der eingangs genannten Prinzipien auf die Falldiskussion im dritten Kapitel gewünscht – dort wird eine Siebenjährige mit Angstproblematik geschildert, unter anderem mit „Angst vor den Handgreiflichkeiten des Vaters“, der den Bruder des öfteren schlage. Wie notwendig es ist, vor einer Psychotherapie eine gewaltfreie Familienatmosphäre sicherzustellen und Realangst ernst zu nehmen, wird von keiner der Autorinnen erwähnt. Leider leidet dieses Fallbeispiel ebenso wie das am Beginn des Bandes unter diesem und diversen anderen Mängeln hinsichtlich der Konkretisierung der kindlichen Problematik, so dass die Ausführungen der Therapeuten zum je zu wählenden Vorgehen sich wie eine Projektion des „Üblichen“ am wenig griffigen Einzelfall lesen. Der erste Fall – eine externalisierende Störung – bleibt diagnostisch unklar, letztendlich wird dieses sogar positiv konnotiert, obwohl Psychotherapie doch eine Heilmethode für Störungen mit Krankheitswert darstellen soll. Die Ausführungen zur Tiefenpsychologie lassen zum Beispiel eine Erklärung dafür vermissen, warum hier – ohne Chance, eine Strukturdiagnose des Patienten zu treffen – theoretisch auf die Selbstpsychologie Kohuts rekurriert wird. Die lobenswerte Intention des Bandes verliert damit bedauerlicherweise an Konturiertheit.
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Der wenig informierte Leser könnte überdies irregeführt werden durch die mindestens an zwei Stellen aufgestellte Behauptung, hier würden „die vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) anerkannten therapeutischen Verfahren“ zur Darstellung kommen. Das sind für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen aber bisher nur zwei der vier Selbstdarstellungen: Verhaltenstherapie und systemische Therapie. Auch die – immerhin vom Gemeinsamen Bundesausschuss als Richtlinienverfahren anerkannte – psychodynamische Kindertherapie ist vertreten.
Wer mit der Erwartung an den Band herangeht, hier werde nun in Form von hochwertigen qualitativ-inhaltsanalytischen Einzelfallstudien neue Evidenz geschaffen, findet lediglich einen – nicht neuen – Diskurs zur Begrenztheit kontrollierter randomisierter Studien vor. Dabei sind die dort eingeforderte Praxisrelevanz und die „Feldvalidität“ von Psychotherapieforschung längst in die Anerkennungskriterien des WBP eingegangen. So wird das Buch unfreiwillig zur Demonstration einer „Beliebigkeit“ der Kinderpsychotherapie, welche abzuschaffen die Autoren eigentlich angetreten sind. Renate Schepker
Silke Birgitta Gahleitner, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Friederike Wetzorke, Marion Schwarz (Hrsg.): Ich sehe was, was Du nicht siehst . . . Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Perspektiven in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Kohlhammer, Stuttgart 2011, 192 Seiten, kartoniert, 28 Euro
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