Achtsamkeit aktiv in der psychotherapeutischen Behandlung psychischer und auch psychosomatischer Störungen zu nutzen, hat bereits eine lange Vorgeschichte. Noch lange vor der Beschreibung und der praktischen Anwendung psychotherapeutischer Theorien, wie sie erst im Laufe der gut letzten 100 Jahre geschieht, lassen sich im spirituellen und philosophischen Denken Ansätze zur Lösung innerpsychischer Konflikte finden. Die Fokussierung auf „das Hier und Jetzt in der Gänze des Seins“ zur Wahrnehmung eigener Affektivität und Emotionalität und sich „als Teil des Ganzen“ zu verstehen, hat damals wie heute auf dem Weg der psychologischen Gesundung und Gesundheitserhaltung oberste Priorität – und das vollkommen unabhängig von aktuellen Therapieschulen und deren aktuellen Entwicklungsstand.
Doch für diese Erkenntnis braucht man das in zweiter Auflage erschienene Buch „Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik“ nicht. Vielmehr setzt es inhaltlich hiernach an und wendet sich thematisch eher an die etwas erfahreneren Praktiker der Psychotherapie (und Psychosomatik). Tiefer, umfassender und auf aktuellem wissenschaftlichem Niveau basierender Einblick in die weitreichenden Begründungen, Hinweise und Erkenntnisse über Achtsamkeit werden bereits im ersten umfangreichen Kapitel kurz dargestellt und gekonnt die jeweiligen Verbindungen zwischen europäischer Philosophie, Spiritualität, Mystik sowie aktuellen Theorien und Erkenntnissen aus Psychologie und Psychotherapie gezogen. In Anbetracht der weitläufigen allgemeinen Grundlagen zum Thema Achtsamkeit schaffen es die jeweiligen Autoren jedoch, ein gutes Grundgerüst für die folgenden Kapitel zu bauen. Es geht um die praktische Anwendung in der Therapie, die Haltung des Therapeuten und des Patienten, und schließlich geht es darum, einzelne spezifische Therapiemethoden in manualisierter Form zu erbauen.
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Zwar lassen sich die Achtsamkeitsaspekte in der angewandten Psychotherapie schulenübergreifend installieren, doch zeigt sich im Folgekapitel „Achtsamkeit zwischen Therapie und Spiritualität“ eine leichte Verschiebung zum psychoanalytischen Pol, was jedoch gründlich und gut aufgearbeitet wurde. Dies wird in dem Kapitel zur „Achtsamkeit als Haltung“ weiter fortgeführt, in dem anschaulich am Beispiel der Alkoholsucht eine unterstützte Ich-Bildung und -Stärkung durch „Vertrautes Lassen“ und „Loslassen“ geschildert wird. Dabei gelingt es den Autoren, den Spagat zwischen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und spirituell-projizierenden Höhenflügen zu vollführen, der nur sehr selten im gesamten Buch, jedoch zugunsten eines besseren Verständnisses religiöser Auffassungen, misslingt.
Resümierend zeigt sich das Buch als wissender, verlässlicher und vor allem praktischer Wegbegleiter in der ambulanten und auch stationären Therapie psychischer oder psychosomatischer Störungen. Allerdings könnten Laien schnell mit dem anspruchsvollen und hoch nivellierten Werk überfordert sein können. Stefan Behrens
Ulrike Anderssen-Reuster (Hrsg.): Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik. Haltung und Methode. Mit Geleitworten von Martin Bohus und Luise Reddemann. 2. Auflage. Schattauer, Stuttgart 211, 384 Seiten, gebunden, 39,95 Euro
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Wenn nur unser Alltagbegriff "Achtsamkeit" nicht so vieldeutig geworden wäre
In dem (mittlerweile anscheinend schon in 3. Aufl. erschienenen) 800 Seiten starken Handbuch "Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie" des DGVT-Verlags wurde bis zur 2. Auflage, die ich besitze, der Begriff "Achtsamkeit" ganz normal im üblichen, alltagspsychologischem Sinn von bewusster Konzentration verwendet. Er kann aber auch ganz anders und dann viel "weiter" aufgefasst werden, was weithin noch kaum bekannt ist. Leider lässt sich das Gemeinte aber auch nicht in wenigen Worten darlegen. Ich kann aber kurz auf den Überblick hier verweisen: http://www.mbsr-deutschland.de/forum/achtsamkeit-ein-vieldeutig-gewordener-begriff
INGO-WOLF KITTEL - Facharzt für Psychoth. Medizin Philosophische und Psychotherapeutische Praxis 86150 Augsburg - Bahnhofstr. 8 - Tel. 0821/3494505
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