THEMEN DER ZEIT

Embryonale Stammzellforschung in Europa: Von ethischen Grundsätzen geleitet

Dtsch Arztebl 2012; 109(3): A-86 / B-81 / C-81

Spielberg, Petra

Die Forschung mit embryonalen Stammzellen ist derzeit in 19 der 27 EU-Staaten erlaubt – allerdings zu unterschiedlichen Bedingungen. Foto: dapd

Die Europäische Kommission will auch in der Förderperiode 2013 bis 2020 keine Gelder für die verbrauchende Embryonenforschung bereitstellen. Die Gesetzeslage in den einzelnen Mitgliedstaaten ist hierzu indes uneinheitlich.

Als „schlechtes Signal für die Wissenschaftler in Europa“ wertete der Bonner Hirnforscher Prof. Dr. med. Oliver Brüstle das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Patentverbot von embryonalen Stammzellen. Den Forscher dürfte genauso wenig erfreut haben, dass die Europäische Kommission in Brüssel nur wenige Wochen später klargestellt hat, dass sie die Forschung mit embryonalen Stammzellen auch künftig nur sehr restriktiv fördern und keine spezifische europäische Regulierung anstreben will.

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So sollen nach den Plänen von EU-Forschungskommissarin Maire Geoghegan-Quinn in der Förderperiode 2014 bis 2020 Gelder aus dem EU-Haushalt weiterhin nur in Projekte fließen, bei denen keine Embryonen zerstört werden. Zwischen 2007 und Ende 2010 hat die EU 38 Stammzellforschungsprojekte mit 238 Millionen Euro gefördert, davon zwölf, bei denen mit embryonalen Stammzellen gearbeitet wurde. In der Förderperiode 2000 bis 2007 waren 120 Millionen Euro in 18 Projekte mit embryonalen Stammzellen geflossen.

Ein sehr heterogenes Bild

Die an grenzüberschreitenden Forschungsvorhaben teilnehmenden Wissenschaftler hätten ferner auch künftig die Gesetzeslage in den einzelnen Mitgliedstaaten zu beachten, so Geoghegan-Quinn bei der Vorstellung ihres Vorschlags. Diesbezüglich bietet sich indes ein sehr heterogenes Bild. Derzeit ist die Forschung mit embryonalen Stammzellen zwar in 19 der 27 EU-Staaten erlaubt, allerdings zu teilweise unterschiedlichen Bedingungen. Die liberalste Gesetzgebung in Europa haben das Vereinigte Königreich, Belgien und Schweden. In diesen Ländern ist es neben der Verwendung von überzähligen Embryonen aus Unfruchtbarkeitsbehandlungen erlaubt, Embryonen speziell zu medizinischen Forschungszwecken zu erzeugen als auch Stammzellen zu therapeutischen Zwecken zu klonen.

Spanien, Portugal, Frankreich, Tschechien, Finnland, Dänemark, Norwegen, Estland, Griechenland, Ungarn, die Niederlande sowie Slowenien erlauben lediglich die Forschung mit überzähligen Embryonen, die aus künstlichen Befruchtungen übrig geblieben sind, beziehungsweise mitunter auch mit Föten nach Fehlgeburten. Deutschland, Italien und Irland erlauben die Forschung mit embryonalen Stammzellen nur sehr eingeschränkt. In Polen, Litauen und der Slowakei ist sie verboten. Bulgarien, Kroatien, Luxemburg und Rumänien verfügen über keine spezifische Gesetzgebung (eTabelle).

Während jedoch Forscher aufgrund der Restriktionen bei der embryonalen Stammzellforschung fürchten, dass Europa gegenüber Staaten wie den USA ins Hintertreffen geraten könnte, sehen Politiker das EuGH-Urteil und die Kommissionsvorschläge deutlich positiver. „Zum Glück ist die Kommission bereit, ihre gegenwärtige Praxis beizubehalten, verbrauchende Embryonenforschung nicht zu unterstützen“, merkt der Arzt und CDU-Europaabgeordnete Dr. med. Peter Liese an.

Kein Verbot der Finanzierung

Liese bemängelt jedoch, dass es im Rahmen der europäischen Forschungsförderung künftig nach wie vor möglich sein soll, mit deutschen Steuergeldern Forschungsvorhaben zu fördern, die hierzulande aufgrund der Stichtagsregelung verboten sind. Auch sei es nicht sinnvoll, eine Technik mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen, die aufgrund des EuGH-Urteils in Europa nicht patentiert werden kann. Aus Sicht des Koordinators der ethisch-rechtlich-sozialwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung Nordrhein-Westfalen, Martin Heyer, ist es jedoch fragwürdig, aus dem Luxemburger Richterspruch zu folgern, dass die bislang EU-weit geförderte Stammzellforschung nicht länger geduldet werden könne. „Eine solche Interpretation halte ich für zu weitreichend“, so Heyer.

Auch die EU-Forschungskommissarin betont, dass das EuGH-Urteil eine Finanzierung der Stammzellforschung nicht verbiete. Zugleich räumt sie ein, dass sie die Folgen des Urteils im Einzelnen noch nicht vollends überschaue.

Petra Spielberg

@Die eTabelle im Internet:
www.aerzteblatt.de/1286

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