MEDIEN

Wachkoma: Erfassung aller Begleitumstände

Dtsch Arztebl 2012; 109(4): A-156 / B-144 / C-144

Probst, Jürgen

Adam Geremek: Wachkoma. Medizinische, rechtliche und ethische Aspekte. Deutscher Ärzte-Verlag, 222 Seiten, broschiert, 39,95 Euro

Den Älteren ist noch der 1940 geprägte Begriff „apallisches Syndrom“ bekannt, der später (1957) als coma vigile in „Wachkoma“ übersetzt Eingang in die klinische Verwendung gefunden hat. Zahlreiche andere Benennungen, die nicht mehr gebräuchlich sind, weisen darauf hin, wie uneinheitlich, ja rätselhaft das Krankheitsbild gesehen wurde, wobei Ätiologie und Ursachen in ihrer Vielfältigkeit das Verständnis ebenso erschwerten, wie die Befassung verschiedener medizinischer Fachgebiete die Analyse der Krankheitserscheinungen und -verläufe beeinflusste. Noch bis Mitte der 1970er Jahre herrschte auch international sowohl in der klinischen Praxis als auch in den wissenschaftlichen Publikationen Verwirrung über die klinischen Einzelbefunde, die Bedeutung deren Zusammenwirkens, noch mehr über die Prognose insgesamt wie im Verhältnis zur primären Ursache, nämlich verschiedener Arten von Schädelhirntraumen, hypoxischer Hirnschäden sehr verschiedener Entstehung, Durchblutungsstörungen, Infektionen, Intoxikationen und Tumoren. Eine einheitliche Beurteilung folgte erst der 1974 vorgestellten „glasgow coma scale“ – zeitlich zusammenfallend mit grundlegenden Änderungen in der Primärversorgung Unfallverletzter, insbesondere auch der Verlegung der lebensrettenden Notfallmaßnahmen in die präklinische Phase sowie der Änderung des Prioritätenrankings der Mehrfachverletzten und Polytraumatisierten.

Die vorgelegte Schrift, der eine knappe, aber einleuchtende Geschichte der Aufdeckung des Krankheitsbildes vorangestellt ist, begnügt sich nicht mit den eigentlichen neurologischen Beobachtungen und Tatsachen, sondern erfasst alle klinischen Begleitumstände, so des kardiovaskulären und des respiratorischen Systems, des Harnwegs- und Gastrointestinaltrakts, des muskuloskeletalen Systems, der Homöostase, des Gerinnungssystems. Großen Raum nimmt die Rehabilitation ein. Ausführlich erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Prognose unter verschiedenen Gesichtspunkten.

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In der Gesamtheit findet der Leser eine in die Einzelheiten des Krankheitsbildes eindringende Übersicht, die die im Einzelfall möglichen Entwicklungen folgerichtig darstellt und im Ergebnis den Erkenntnisstand von Diagnose und Therapie umfassend veranschaulicht. Das Phänomen Wachkoma ist eng mit dem Problem Hirntod beziehungsweise Hirntodfeststellung verwoben. Die dabei auftretenden Fragen werden in einem eigenen, unter Rechtsberatung verfassten Kapitel „Rechtliche Aspekte“ behandelt. Dieses greift weit über die klinischen Aspekte hinaus, indem Selbstbestimmungsrecht, Patientenverfügung, Sterbehilfe, aber auch mutmaßlicher Wille, Einwilligungsfähigkeit angesprochen werden. Ein weiteres eigenständiges Kapitel befasst sich mit ethischen Problemen, in deren Rahmen sowohl Umstände der Lebensqualität als auch Stellungnahmen der Religionen Berücksichtigung finden. Jedem Kapitel sind umfangreiche Literaturnachweise beigefügt, die nicht nur unmittelbar betreffende medizinische, sondern auch kulturhistorische Titel enthalten.

Dieses Buch kann man als bedeutende und sehr nützliche Handreichung gerade für den Unfallchirurgen empfehlen. Es zeichnet sich in seiner fast ausschließlich auf das Wort gestützten Darbietung durch klare, eindeutige und didaktisch überzeugende Begrifflichkeit aus. Jürgen Probst

Adam Geremek: Wachkoma. Medizinische, rechtliche und ethische Aspekte. Deutscher Ärzte-Verlag, 222 Seiten, broschiert, 39,95 Euro

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