MEDIZINREPORT

Virologie: „Zensur ist der falsche Weg“

Dtsch Arztebl 2012; 109(4): A-149 / B-137 / C-137

Zylka-Menhorn, Vera

Foto: dapd

Muss auf die Veröffentlichung von – vermeintlich brisanten – wissenschaftlichen Erkenntnissen verzichtet werden, um das Gemeinwohl zu schützen? Diese Frage wird derzeit am Beispiel des Vogelgrippevirus H5N1 international heftig diskutiert.

Ende letzten Jahres hat eine US-Regierungsorganisation erstmals zwei renommierte Wissenschaftsmagazine – „Science“ und „Nature“ – aufgefordert, Detailergebnisse virologischer Studien nicht zu veröffentlichen aus Angst, Terroristen könnten diese Informationen als „Bauanleitung“ für eine Biowaffe missbrauchen. Den Forschergruppen um Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin in Madison war es unabhängig voneinander – und nur in Tierversuchen – gelungen, das hochpathogene Vogelgrippevirus H5N1 so zu mutieren, dass es jetzt im hohen Grad per Tröpfcheninfektion übertragbar ist.

Das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB) fürchtet nunmehr, dass molekularbiologische Manipulationen auf Basis der bevorstehenden Publikationen das Infektionsrisiko für Menschen erhöhen könnten. Weltweit ist daher eine Debatte darüber entbrannt, wie groß die virologische Gefahr des „Laborvirus“ tatsächlich ist, aber auch, wie frei Forschung und Medien letztlich sind.

Im Zentrum steht ein Erreger, der Menschen bislang zwar nur selten infiziert, dann aber vital gefährdend ist. Von 573 Menschen, die sich seit 2003 laut Weltgesundheitsorganisation mit dem Influenza-A-Virus des Subtyps H5N1 infiziert haben, sind 336 gestorben. Angesichts einer Mortalitätsrate von fast 60 Prozent hatten die National Institutes of Health (NIH) in Bethesda die beiden Studien mitfinanziert, um einschätzen zu können, ob und wie sich das Virus potenziell an den Menschen anpassen kann.

Eine „Handvoll“ Mutationen war bereits ausreichend

Bereits im September 2011 hatte Fouchier auf einer Fachkonferenz der European Scientific Working Group on Influenza in Malta Ergebnisse seiner Untersuchungen (Kombination von rekombinanten Verfahren und Passagierung im Frettchen) vorgestellt, in deren Verlauf sich das manipulierte H5N1 nun über Tröpfcheninfektion unter den Versuchstieren ausbreiten konnte und zum Tod von 70 Prozent der infizierten Frettchen führte. Nur eine „Handvoll“ Mutationen seien dafür nötig gewesen, sagte Fouchier und kündigte eine Veröffentlichung in „Science“ an. Kawaokas Arbeiten sollten in „Nature“ publiziert werden. Doch dazu ist es bislang nicht gekommen, da die amerikanische Regierung über das NSABB in einem Aufruf an die Verlage interveniert hat.

Untersuchungen mit hochpathogenen Mikroorganismen und Toxinen sind eine Voraussetzung sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Entwicklung neuer Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe. Damit biologische Forschung mit legitimer wissenschaftlicher Fragestellung jedoch nicht missbraucht werden kann („dual use“-Problematik), berät das NSABB die US-Regierung seit 2005 über mögliche Risiken für die nationale Sicherheit. Im Fall der Forschung zu H5N1 von Fouchier und Kawaoka befürchtet das Gremium den Missbrauch tatsächlich. Der 25-köpfige Rat votierte einstimmig dafür, ihre Studienergebnisse nicht im Detail und unter Verzicht der Methodenteile zu veröffentlichen. „Die Konsequenzen einer globalen Pandemie mit einem Virus, das 60 Prozent der Infizierten tötet, sind enorm. Es gibt keinen anderen Erreger, der in diese Kategorie fällt“, begründet Paul Keim, der Leiter des NSABB, die Entscheidung. Die Gefahr eines Missbrauchs sei einfach zu groß.

Eine fundierte Risikoanalyse ist für Forschung essenziell

Das NSABB hat allerdings nur beratende Funktion und kann den Magazinen die Veröffentlichung nicht untersagen. Die Redaktion von „Science“ nehme die Bedenken des Gremiums aber sehr ernst, sagte Chefredakteur Bruce Alberts in einem Interview zur „New York Times“. Die US-Regierung müsse sich jedoch eine Möglichkeit überlegen, wie die Ergebnisse auch ohne Veröffentlichung in den Zeitschriften der wissenschaftlichen Gemeinde – oder zumindest einem Kreis ausgewählter Experten – zugänglich gemacht werden können.

Beide Autoren haben inzwischen zähneknirschend ihre Publikationen überarbeitet; im Fall von „Science“ wurde sie auch dem NSABB vorgelegt. Diese Art der Zensur ist bislang einzigartig. Da aber beide Arbeitsgruppen durch Forschungsgelder des NIH gefördert werden, könnten auch finanzielle Gründe für diese Rücksichtnahme eine Rolle gespielt haben. Die akademische Welt ist jedoch aufgebracht.

Eine große Zahl von Wissenschaftlern wehrt sich gegen das Prozedere, das sie als Einschränkung der Forschungsfreiheit empfinden. „Eine derartige Zensur verstößt eindeutig gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und führt zu einer unnötigen Dramatisierung“, so Prof. Dr. med. Thomas Mertens, Generalsekretär der Gesellschaft für Virologie (GfV), zum Deutschen Ärzteblatt. Die GfV bestätigt zwar das „dual use“-Potenzial der diskutierten Arbeiten; Veränderungen im viralen Genom, die eine Übertragung von Vogel auf Frettchen erlauben, seien jedoch sehr komplex, wie eine andere aktuelle Studie belege (Virology 2011; 422: 105–13). „Die Aufklärung dieser bislang in ihrer Komplexität nicht vollständig verstandenen Zusammenhänge ist für eine fundierte Risikoanalyse essenziell“, so die GfV in einer Stellungnahme.

Auch Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klenk von der Universität Marburg, der mit seinem Team über die Rolle viraler Glykoproteine beim Infektionsprozess und bei der Pathogenität forscht, kritisiert die Entscheidung: „Ich plädiere dafür, dass diese Forschungsarbeiten im Detail veröffentlicht werden. Studienergebnisse werden so publiziert, dass andere Forscher sie wiederholen und überprüfen können. Das ist Wissenschaft.“

Allerdings werden nicht nur unter Fachleuten einige Fragen aufgeworfen: Warum wird mit erheblichen öffentlichen Mitteln ein Projekt gefördert, das zum Ziel hat, einen Erreger zu bilden, der tödlicher und übertragbarer als die bislang natürlich vorhandenen Erreger ist? Ist dies überhaupt ethisch verantwortbar – auch im Hinblick auf den sorgsamen Umgang mit öffentlichen Forschungsgeldern? Und sollte die Abwägung, ob im „Erfolgsfall“ (oder besser gesagt: worst case) entsprechende Ergebnisse publiziert werden dürfen, nicht schon vor Beginn der Experimente getroffen worden sein?

DFG-Kodex für Arbeiten mit hochpathogenen Erregern

Hierzulande hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2008 Empfehlungen für die Arbeit mit hochpathogenen Mikroorganismen und Toxinen vorgelegt. Aus ihrer Sicht hat die Sicherheit der Bevölkerung „stets oberste Priorität“. Durch das Gentechnik- und das Infektionsschutzgesetz seien Sicherheitsaspekte für entsprechende Laborarbeiten ausführlich geregelt. Dennoch betont die DFG, dass der Freiheit der Forschung hohe Bedeutung zukommt. „Dies gilt auch für die Veröffentlichung der einschlägigen Forschungsergebnisse.“ Dies müsse unter Berücksichtigung nationaler und internationaler Regularien „weiter uneingeschränkt möglich sein“.

Ein Experiment wie von Fouchier oder Kawaoka wäre nach Angaben von Priv.-Doz. Dr. med. Lars Schaade, dem Leiter des Zentrums für Biologische Sicherheit und Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), nach dem deutschen Gentechnikrecht bei der zuständigen Behörde zu beantragen gewesen: „Diese hätte sich mit der Bitte um ein Votum an die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gewandt. Insofern wäre dieses Experiment in Deutschland im Vorfeld den Behörden bekannt gewesen und bewertet worden.“ In den Niederlanden gebe es ähnliche Verfahren. Allerdings, so schränkt Schaade ein, schaue sich die ZKBS gentechnische Projekte nur unter dem Aspekt der biologischen Sicherheit an. Für „dual use“-Fragen sei die Kommission nicht zuständig.

Für den Umgang mit Krankheitserregern gebe es in Deutschland die personengebundene Erlaubnispflicht nach § 44 Infektionsschutzgesetz und die Biostoffverordnung. „Allerdings sehen beide Regelungen keine Genehmigungspflichten für einzelne Projekte vor“, so Schaade.

Unter der Leitung des Zentrums für Biologische Sicherheit am RKI werden derzeit bioterroristisch relevante Erreger nach deren Gefährdungs- und Risikopotenzial bewertet. Dieses Projekt Erregerneubewertung, das Entscheidungsträgern unter anderem als Handlungsgrundlage im Falle einer bioterroristischen Bedrohungslage dienen soll, wird Ende 2012 abgeschlossen sein. Ob und gegebenenfalls welche Influenzaviren darin aufgenommen werden, ist Schaade zufolge noch nicht entschieden.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

„Zensur ist der falsche Weg“
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