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MEDIZIN: Diskussion

Deutsche Versorgungsrealität außer Acht gelassen

The Reality of Healthcare in Germany Was Partially Ignored

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(5): 79-80; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0079b

Wefer, Jörg

Ich bin für Leitlinien mit hohem Empfehlungsgrad sehr dankbar. Dieses Werk erscheint mir allerdings in Teilen problematisch. Die deutschen Empfehlungen spiegeln letztlich einen Teil der aktuellen Leitlinie der European Association of Urology (EAU) „Urological Infections“ (www.uroweb.org) wieder. Die deutschen Empfehlungen zur empirische Therapie der unkomplizierten Zystitis sind eine 1:1-Abbildung dieser Leitlinien, mit erheblichen Kompatibilitätsproblemen zur deutschen Versorgungswirklichkeit.

Neben Fosfomycintrometamol gelten als Wirkstoffe der ersten Wahl Nitrofurantoin und Pivmecillinam. Nitrofurantoin ist leider hier nur zugelassen, wenn „effektivere und risikoärmere Antibiotika oder Chemotherapeutika nicht einsetzbar sind“ (Rote Liste 2011). Wahrscheinlich ist das Risiko schwerwiegender pulmonaler Komplikationen eher gering – es wird ja auch im angelsächsich-amerikanischen Raum längst nicht so kritisch gesehen wie hier. Trotzdem erstaunlich, dass diese Substanz dann in die Liste der „Top 3“-Empfehlungen gelangt.

Gänzlich unverständlich erscheint die Empfehlung zu Pivmecillinam. Es gibt diese Substanz nicht in Deutschland.

Uneinigkeit bestand offensichtlich zur Empfehlung von Cotrimoxazol/Trimethoprim. Diese Empfehlung „bei Kenntnis der lokalen Resistenzsituation“ ist auch Bestandteil der EAU-Leitlinie, musste hierzulande aber offensichtlich durch die Allgemeinmediziner hereindiktiert werden. War hier kein Konsens möglich ? Die Substanzen sind meist gut verträglich, preisgünstig und bei Nichtbesserung der Klinik könnte nach frustraner Anbehandlung immer noch auf eine andere Substanz umgestellt werden. Immerhin 75 % der E.-coli-Zystitiden würden so „erwischt“ werden und wahrscheinlich würde sich ein Teil der Cotrimoxazol-resistenten- E.-coli-Zystitiden selbst limitieren bei einer Spontanheilungsrate von 30–50 %. Trotz dieser Probleme bin ich den Autoren dankbar für ihre Leitlinienerstellung. Sie haben mich zum Nachdenken/Nachlesen angeregt, was mein tägliches Verschreibungsverhalten durchaus beeinflussen dürfte.

DOI: 10.3238/arztebl.2012.0079b

Dr. med. Jörg Wefer, FEBU

Urologische Gemeinschaftspraxis, Oldenburg

joerg.wefer@googlemail.com

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Wagenlehner FME, Hoyme U, Kaase M, et al.: Clinical practice guideline: uncomplicated urinary tract infections. Dtsch Arztebl Int 2011: 108(24): 415–23. VOLLTEXT

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