Die S-3 Leitlinien HWI wollen rationalen Einsatz antimikrobieller Arzneimittel fördern. Auf rationalen Einsatz von Östriol lokal-vaginal wird nicht hingewiesen. Dieser schwach wirksame Metabolit von Östradiol hat eine um den Faktor 7 kürzere Rezeptorbindungszeit und somit weder Krebs- noch Thromboserisiken.
Harnwegsinfekte (HWI) ab der Menopause sind häufig und ab 65 Jahren ist jede vierte Frau betroffen. Deutlich ansteigende Prävalenz von Dysurie, imperativem Harndrang und Pollakisurie ist biologisch erklärbar mit zunehmender Urogenitalatrophie bis hin zur Kolpitis senilis bei lang andauerndem Östrogenmangel. Dann gelangen Vaginalkeime problemlos via Urethralmündung in die Harnblase. Erleichtert wird das durch insuffiziente Urethralverschluss-Mechanismen infolge Östrogenmangels. Hinzu kommen mäßige Trinkmengen mit höherem Alter (insbesondere bei Harninkontinenz) mit mangelnden Spüleffekten via Blasenentleerung.
Lokal-vaginale Östrioltherapie wirkt auf Urethral- und Harnblasen-Schleimhaut proliferativ (nach wenigen Tagen an Vaginal-Epithelien unter dem Mikroskop erkennbar mit Zellbildern wie vor der Menopause). Bei 6 von 10 Frauen erscheinen im Vaginalsekret wieder Laktobazillen wie im fertilen Alter (unter Placebo bei 0 von 10) (1). Deren Milchsäureproduktion mit saurem Scheidenmillieu schützt vor pathogenen Keimen.
Mit Östriol als Östradiol-Metabolit wird die Urogenitalregion besser vaskularisiert, allerdings werden keine klimakterischen Beschwerden beseitigt. Das proliferationsfördernde Östriol wirkt präventiv bei rezidivierenden HWI nach Antibiose.
Die Infekt-Anfälligkeit ist durch lokales Östriol auf 0,5 Episoden/Jahr reduzierbar gegenüber 5,9 bei gleichaltrigen Frauen nach randomisiert-doppelblinden prospektiven Studien (2). Dieser Östriol-Vorteil wurde placebokontrolliert bestätigt (3).
Ein Östriol-Ovulum 0,5 mg kostet 0,7 Euro (anfangs zweimal, dann einmal wöchentlich). Risiken und Nebenwirkungen sind seit 40 Jahren unbekannt.
Das entspricht dem Ziel der HWI-Richtlinien: weniger Belastungen durch antimikrobielle Arzneimittel.
DOI: 10.3238/arztebl.2012.0080b
Prof. Dr. med J. Matthias Wenderlein
Universität Ulm
wenderlein@gmx.de
Interessenkonflikt
Prof. Wenderlein erhielt Honorare für die Vorbereitung von wissenschaftlichen Fortbildungsveranstaltungen von Kade-Berlin.
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