
Hintergrund: Im Jahr 2010 wurde mit der PRISCUS-Liste erstmals eine systematische Zusammenstellung von potenziell inadäquater Medikation (PIM) für ältere Patienten in Deutschland festgelegt. Das Ziel dieser Studie war es, die Prävalenz von PIM-Verordnungen für ältere Menschen in Deutschland abzuschätzen.
Methoden: Auf Basis pseudonymisierter Abrechnungsdaten von drei gesetzlichen Krankenkassen mit mehr als acht Millionen Versicherten wurden alters- und geschlechtsstandardisierte Ein-Jahres-Periodenprävalenzen von PIM sowie die Häufigkeit von PIM-Verordnungen pro Person im Jahr 2007 berechnet. Die Studienpopulation umfasste Personen, die mindestens 65 Jahre alt und im Jahr 2007 durchgängig versichert waren oder verstarben.
Ergebnisse: Die Studienpopulation umfasste 804 400 ältere Versicherte, von denen 201 472 Personen (25,0 %) mindestens eine PIM-Verordnung im Jahr 2007 erhielten. Die PIM-Prävalenz war bei Frauen (32,0 %) höher als bei Männern (23,3 %) und stieg mit zunehmendem Alter an. Wirkstoffe mit höchster Prävalenz waren Amitriptylin (2,6 %), Acetyldigoxin (2,4 %), Tetrazepam (2,0 %) und Oxazepam (2,0 %). Insgesamt erhielten 8,8 % aller Versicherten vier oder mehr wirkstoffgleiche PIM-Verordnungen im Beobachtungszeitraum.
Schlussfolgerung: Die in der PRISCUS-Liste aufgeführten PIM wurden vor Publikation der Liste in beträchtlichem Ausmaß an ältere Menschen in Deutschland verordnet. Da es sich bei den Arzneimitteln der PRISCUS-Liste nicht um absolute Kontraindikationen handelt und Informationen zur individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung bei Verschreibung dieser Arzneimittel nicht vorlagen, konnte keine Aussage zu Fehlverordnungen vorgenommen werden. Weiterer Forschungsbedarf besteht, der die expertenbasierten Erkenntnisse der PRISCUS-Liste als Grundlage für Behandlungsleitlinien in der Geriatrie validiert.
Angesichts demografischer Veränderungen in Deutschland mit einem prognostizierten Zuwachs der Personen über 64 Jahre um etwa die Hälfte bis Ende 2030 (1) rückt die Versorgung älterer Menschen zunehmend in den Blickpunkt. Mit fortschreitendem Alter ist ein deutlicher Anstieg der Gesundheitsprobleme zu beobachten. Das somatische Krankheitsspektrum im Alter wird insbesondere von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krankheiten des Bewegungsapparates dominiert (2). Herzinsuffizienz, Hirninfarkt und Angina pectoris waren von 2005 bis 2009 die drei häufigsten Diagnosen für Krankenhausaufenthalte bei älteren Menschen in Deutschland (3), wohingegen bei den psychischen Erkrankungen Demenzen und Depressionen von besonderer Bedeutung sind (2).
Mit zunehmendem Lebensalter kommt es zu einem Anstieg der Anzahl von Patienten mit Multimorbidität und Polypharmazie, wie in der Berliner Altersstudie und im Alterssurvey 2002 für Deutschland gezeigt wurde (2). Multimorbidität und Polypharmazie sind wichtige Prädiktoren für das Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) und können zu einer verlängerten Hospitalisierung älterer Patienten führen (4, 5). Aber auch die alleinige Gabe von bestimmten Arzneimitteln kann bei älteren Patienten das Risiko für UAW erhöhen, weswegen Experten sie als potenziell inadäquate Medikation (PIM) beurteilten. Im Jahr 1997 wurden in den USA die ersten, insgesamt 63 Kriterien für PIM bei älteren Menschen in der sogenannten Beers-Liste definiert (e1). Diese Liste wurde 2003 mit 66 Wirkstoffen, die von den Experten mit einem hohen, unerwünschten Risiko eingeschätzt wurden (e2), aktualisiert. Aufgrund unterschiedlicher Marktgegebenheiten und Verschreibungspraktiken entwickelten sich in anderen Ländern wie Kanada (e3) und Frankreich (e4) weitere PIM-Listen. Im August 2010 wurde basierend auf einer qualitativen Analyse internationaler PIM-Listen und einer strukturierten Expertenbefragung die erste deutsche PIM-Liste publiziert. Diese Liste, benannt nach dem Verbundprojekt PRISCUS (www.priscus.net), enthält 83 PIM-Wirkstoffe aus 18 Wirkstoffklassen mit Empfehlungen zu Therapiealternativen und weiteren Maßnahmen für die klinische Praxis (6). Bei der PRISCUS-Liste handelt es sich um keine „Verbotsliste“ im Sinne absoluter Kontraindikationen, sondern sie beinhaltet relevante Informationen zum Risiko einzelner Wirkstoffe für ältere Menschen und schärft damit die Aufmerksamkeit für Probleme bei der Arzneimitteltherapie älterer Menschen. Sie ersetzt nicht die auf den einzelnen Patienten bezogene Nutzen-Risiko-Abwägung, die eine Therapie mit PRISCUS-gelisteten Medikamenten im Einzelfall notwendig machen kann (e5).
Aus gesellschaftlicher Perspektive ist das Risiko von UAWs, das sich aufgrund einer Verordnung von PIM ergeben könnte, eng mit der Verordnungsprävalenz dieser Arzneimittel verknüpft. Analysen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK auf Basis aller erstattungsfähigen Arzneimittelverordnungen der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) im Jahr 2009 zeigten, dass im Schnitt 5,6 % aller Verordnungen für Patienten ab 65 Jahren auf ein Arzneimittel der PRISCUS-Liste entfielen. Bei den über 90-Jährigen waren es sogar 6,6 % (7). Ebenso wurde berichtet, dass in einer Stichprobe von mehr als sechs Millionen anonymisierten Patientendaten nahezu jeder Dritte (29 %) der GKV-Versicherten ab 65 Jahren im Jahr 2009 mindestens ein Arzneimittel der PRISCUS-Liste verschrieben bekam (7). Weitere wissenschaftliche Publikationen zur Prävalenz von älteren Menschen mit PIM und insbesondere für einzelne Wirkstoffe und Wirkstoffklassen der PRISCUS-Liste liegen nach unserer Kenntnis bisher nicht vor.
Ziel dieser Studie war es, die Prävalenz von PIM für ältere Menschen auf Grundlage einer großen Datenbasis für Deutschland nach Alter, Geschlecht, Wirkstoff und Wirkstoffklasse abzuschätzen. Die Ergebnisse können damit als Status quo für spätere Untersuchungen nach Etablierung der PRISCUS-Liste dienen. Ebenso sollte die Häufigkeit von PIM-Verordnungen pro Patient evaluiert werden.
Methode
Studiendesign und Datenbasis
Im Rahmen einer retrospektiven epidemiologischen Studie wurden zur Verfügung stehende, pseudonymisierte Daten von drei Krankenkassen (AOK Bremen/Bremerhaven, Techniker Krankenkasse und hkk) mit mehr als acht Millionen Versicherten deutschlandweit aus der pharmakoepidemiologischen Forschungsdatenbank des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) für den Zeitraum vom 1. 1. 2007 bis zum 31. 12. 2007 analysiert. Neuere Daten standen zum Zeitpunkt der Analyse nicht für alle drei Krankenkassen zur Verfügung. Die Forschungsdatenbank des BIPS umfasst neben den Stammdaten alle Abrechnungsdaten der beteiligten Krankenkassen zur Krankenhausbehandlung, zur ambulanten kassenärztlichen Versorgung und zu den ambulanten Arzneimittelverordnungen. Diese Daten werden über ein Versichertenpseudonym verknüpft. Die Arzneimitteldaten enthalten alle Verordnungen, die von der Krankenversicherung erstattet und in den Apotheken eingelöst wurden, kodiert über eine eindeutige Pharmazentralnummer (PZN) für jedes Arzneimittel. Zur Identifizierung der verordneten Wirkstoffe und Wirkstoffklassen aus der PZN wurde eine Referenzdatenbank des BIPS verwendet. Diese enthält Informationen zum Arzneimittelnamen, Wirkstoff, Wirkstoffstärke, Packungsgröße, der anatomisch-therapeutisch-chemischen Klassifikation (ATC-Code) und der Formulierung (zum Beispiel schnellfreisetzend oder retardiert).
Die Nutzung von GKV-Daten für die wissenschaftliche Forschung ist in Deutschland im § 75 des Sozialgesetzbuches (SGB X) geregelt. Das am BIPS für das Forschungsvorhaben entwickelte Datenschutzkonzept wurde von den beteiligten GKVen und den zuständigen Bundes- und Landesbehörden genehmigt.
Studienpopulation
Die Studienpopulation umfasste alle Versicherten, die zu Beginn des Analysezeitraums 65 Jahre oder älter waren und im Jahr 2007 durchgängig versichert waren oder verstarben.
Potenziell inadäquate Medikation (PIM)
Entsprechend der PIM-Liste des Forschungsverbunds PRISCUS wurden die PIM-Wirkstoffe in den Arzneimitteldaten über den ATC-Code identifiziert. Eine Einteilung in Wirkstoffklassen erfolgte auf Basis des drei- oder vierstelligen ATC-Codes. Bei den Wirkstoffen Nifedipin und Tolterodin wurden nur die schnellfreisetzenden Arzneimittel berücksichtigt, da nur diese in der PRISCUS-Liste aufgeführt sind.
Statistische Auswertungen
Es erfolgte eine deskriptive statistische Analyse der Studienpopulation nach Alter, Geschlecht, Morbidität und Medikation. Die Morbidität wurde anhand der ambulanten und stationären Diagnosedaten (ICD-10-Codes) ermittelt, die nach der Krankenhausstatistik am häufigsten eine Hospitalisierung bei Frauen und Männern ab 65 Jahren bedingen (eTabelle 1) (3). Das Vorliegen mindestens einer gesicherten ambulanten Diagnose oder einer stationären Primär- oder Sekundärdiagnose wurde als Erkrankung gezählt.
Kategoriale Variablen wurden mit ihrer absoluten und relativen Häufigkeit, numerische Variablen mit ihrem Mittelwert und ihrer Standardabweichung (SD) beschrieben. Für die Schätzung der Ein-Jahres-Perioden-Prävalenz von PIM (PIM-Prävalenz), wurde das Verhältnis der Versicherten, die im Jahr 2007 mindestens eine PIM verschrieben bekommen hatten, zur Gesamtstudienpopulation bestimmt. Die Prävalenzberechnung erfolgte einmal für alle PIM, sowie getrennt für jede Wirkstoffklasse und Wirkstoff, jeweils stratifiziert nach Alter und Geschlecht. Um repräsentative Aussagen nach Alter und Geschlecht treffen zu können, wurden die Ergebnisse entsprechend der Alters- und Geschlechtsverteilung der deutschen Bevölkerung mit Stand vom 31. 12. 2007 standardisiert (8).
Zur Evaluation der Häufigkeit von PIM-Verordnungen wurde die Anzahl von PIM-Verordnungen mit gleichen und unterschiedlichen PIM-Wirkstoffen pro Person bestimmt. Alle Analysen wurden in SAS (Version 9.2 Institute Inc., Cary, NC) durchgeführt.
Ergebnisse
Charakteristika der Studienpopulation
Es wurden 804 400 Versicherte, davon 447 592 (55,6 %) Männer und 356 808 (44,4 %) Frauen im Alter von 65 und mehr Jahren in die Analyse einbezogen. Von diesen verstarben 20 340 Personen im Jahr 2007. Das mittlere Alter der Studienpopulation betrug 71,6 Jahre (SD: 6,1). Die Tabelle 1 zeigt die Verteilung der Versicherten nach Geschlecht, Altersgruppen und klinischen Charakteristika wie Krankenhausaufenthalte, Morbidität (fünf häufigsten Diagnosen) und Medikation. Die durchschnittliche Anzahl verschiedener Wirkstoffe betrug für Frauen 6,2 (SD: 4,8) und für Männer 5,6 (SD: 4,7) Wirkstoffe. Ein Viertel (25,3 %) dieser älteren Menschen wurde stationär im Krankenhaus behandelt.
PIM-Prävalenz
Die Autoren identifizierten 201 472 (25,0 %) ältere Menschen, die mindestens eine PIM-Verordnung im Jahr 2007 erhielten, davon 96 552 (21,6 %) Männer und 104 920 (29,4 %) Frauen. Nach Standardisierung für Alter und Geschlecht betrug die PIM-Prävalenz 28,3 %. Die altersstandardisierte Prävalenz war bei Frauen (32,0 %) größer als bei Männern (23,3 %). Psycholeptika (Neuroleptika, Benzodiazepine, Z-Substanzen wie Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon und andere Sedativa) hatten mit 10,9 % die höchste Prävalenz, gefolgt von den Psychoanaleptika (Antidepressiva und Piracetam) mit 6,6 %, Antiphlogistika/Antirheumatika (3,4 %) und der Herztherapie mit 3,3 % (Tabelle 2). Eine höhere Prävalenz bei Frauen als bei Männern zeigte sich auch für die meisten der 18 Wirkstoffklassen, außer für Urologika (2,8 % Männer, 1,7 % Frauen), Antihypertonika (2,6 % Männer, 1,6% Frauen), Beta-Adrenorezeptor-Antagonisten (1,2 % Männer, 1,1 % Frauen) und Antithrombotika (0,13 % Männer, 0,08 % Frauen) (Tabelle 2). Die PIM-Prävalenz nahm mit dem Alter von 20,3 % in der Gruppe der 65- bis 69-Jährigen auf ein Maximum von 42,0 % bei den 90- bis 94-Jährigen zu (Grafik).
Mit Ausnahme von drei Wirkstoffen (Prasugrel, Triprolidin und Chlorphenamin) wurden alle Wirkstoffe der PRISCUS-Liste im Jahr 2007 für ältere Menschen verschrieben. Wirkstoffe mit einer Prävalenz von einem Prozent und größer sind in der Tabelle 3 aufgeführt. Die vollständige Liste aller PIM-Wirkstoff-Prävalenzen ist online verfügbar (eTabelle 2).
Evaluation der Häufigkeit von PIM pro Patient
74 % aller Versicherten mit PIM bekamen nur einen PIM-Wirkstoff, 19 % zwei unterschiedliche PIM-Wirkstoffe und 5,1 % beziehungsweise 1,4 % erhielten drei beziehungsweise vier unterschiedliche PIM-Wirkstoffe im Laufe des Jahres 2007.
70 550 Versicherte (35,0 % der Versicherten mit PIM beziehungsweise 8,8 % aller Versicherten) erhielten vier oder mehr wirkstoffgleiche PIM-Verordnungen im Jahr 2007. Insgesamt wurden dabei 78 Wirkstoffe (94 % aller PIM-Wirkstoffe) identifiziert, die vierzig häufigsten sind in Tabelle 4 dargestellt.
Diskussion
Die vorliegende Studie liefert umfangreiche Informationen zum Status quo der Verschreibung von potenziell risikobehafteten Medikamenten bei älteren Menschen in Deutschland. Bis auf drei Wirkstoffe – Prasugrel, Triprolidin und Chlorphenamin – wurden alle Wirkstoffe der PRISCUS-Liste in der vorliegenden Studie im Jahr 2007 verschrieben. Der Thrombozytenaggregationshemmer Prasugrel ist seit April 2009 in Deutschland im Handel und konnte aus diesem Grunde in dieser Analyse nicht berücksichtigt werden. Triprolidin und Chlorphenamin sind Antihistaminika der ersten Generation, die vorwiegend in Kombinationspräparaten zur Linderung von Beschwerden bei Erkältungskrankheiten und Grippe als Selbstmedikations-OTC („over-the counter“)-Präparat freiverkäuflich sind.
Nach Standardisierung für die Alters- und Geschlechtsverteilung in Deutschland erhielt über ein Viertel (28,3 %) der älteren Menschen mindestens eine PIM-Verordnung in 2007. Dieses Ergebnis deckt sich mit Resultaten ähnlich konzipierter Analysen aus Deutschland sowohl basierend auf der PRISCUS-Liste (7, 9, 10) als auch basierend auf einer internationalen PIM-Liste (11). In Übersichtsartikeln aus Studien in Europa und den USA wird eine PIM-Prävalenz von 12 % und mehr im ambulanten Bereich und bis zu 40 % in Pflegeheimen angegeben (12, 13). Die Wirkstoffklasse der Psycholeptika, die mit insgesamt 31 Wirkstoffen die umfangreichste Wirkstoffklasse der PRISCUS-Liste darstellt, zeigte die höchste Prävalenz. Häufig verordnete Wirkstoffe aus dieser Klasse waren die langwirksamen Benzodiazepine Bromazepam und Diazepam, die kurz- und mittellang wirksamen Benzodiazepine Oxazepam und Lorazepam und die Z-Substanzen Zopiclon und Zolpidem. Ein erhöhtes Risiko für Stürze, Hüftfrakturen, Verletzungen, psychiatrische und paradoxe Reaktionen bei älteren Menschen wird im Zusammenhang mit ihrer Einnahme beschrieben (6). Sie wurden in der vorliegenden Studie auch als mehrfach verordnete Wirkstoffe für einen Patienten identifiziert. Die Behandlungsdauer wird laut Produktinformationen, unabhängig vom Alter, mit maximal vier Wochen angegeben, da die Anwendung von Benzodiazepinen oder Benzodiazepin-ähnlichen Wirkstoffen zur Entwicklung von psychischer und physischer Abhängigkeit führen kann. In verschiedenen Studien wurde berichtet, dass ältere Menschen diese Wirkstoffe häufig länger als die empfohlene Behandlungsdauer einnahmen (12, 14), was auch die vorliegende Untersuchung vermuten lässt.
Die hohe Verordnungsprävalenz von Benzodiazepinen und trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin und Trimipramin wurde bereits in anderen nationalen Studien, insbesondere bei älteren Patienten mit generalisierter Angststörung (15), bei Heimbewohnern (11) und Homecare-Patienten (16) sowie in internationalen Studien (13, 17, 18) beschrieben. Ähnliches gilt auch für die Ergebnisse unserer Studie zu den Wirkstoffen Nifedipin, Acetyldigoxin und anderen Digitalisglykosiden (mit Ausnahme von Digitoxin, das in der PRISCUS-Liste nicht als PIM gekennzeichnet ist), Doxazosin, Etoricoxib, Sotalol, Pentoxifyllin, Nitrofurantoin und Clonidin (7, 9, 19–21). Anzumerken ist, dass die Bewertung der Antidepressiva in der PRISCUS-Liste auf die Indikation Depression fokussierte (e5), Amitriptylin wird jedoch in niedriger Dosierung bei neuropathischen Schmerzen auch im Alter als geeignet betrachtet (22, e6). Reserpin, eines der ältesten Antihypertonika, dessen Stellenwert vor dem Hintergrund der Nebenwirkungen wie Depression und Sedierung weiterhin diskutiert wird (23), zeigte eine Prävalenz von 0,4 %.
Die beschriebene Prävalenz von Nifedipin und Tolterodin bezieht sich ausschließlich auf die schnellfreisetzenden Arzneimittel, da auch nur diese in der PRISCUS-Liste als PIM klassifiziert wurden. Eine Subgruppenanalyse zeigte, dass mehr als die Hälfte aller Verordnungen von Nifedipin und Tolterodin retardierte Präparate betrifft, welche aufgrund der verzögerten Wirkstofffreisetzung nicht mit einem erhöhten Myokardinfarktrisiko beziehungsweise mit einer erhöhten Sterblichkeit bei älteren Menschen assoziiert zu sein scheinen. Für Digitalisglykoside, die mit erhöhtem Risiko für Intoxikation und Stürze assoziiert sind (6), erscheint eine detaillierte Analyse unter Berücksichtigung von Indikation, Komedikation und Tagesdosis wünschenswert, um dem Stellenwert der aktuellen Therapieleitlinien gerecht zu werden. Beispielsweise wird Digoxin in der Therapie des Vorhofflimmerns mit Frequenzkontrolle (24) empfohlen, jedoch bei Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz und Sinusrhythmus (25) als Reservemittel beschrieben.
Nach unserer Kenntnis wurde die mehrmalige Verordnung der gleichen PIM bisher nicht untersucht. Unsere Studie zeigt, dass ein Großteil der Wirkstoffe auf der PRISCUS-Liste bei 8,8 % aller Älteren vier oder mehr Mal verordnet wurde und gibt somit einen Hinweis auf eine Dauerbehandlung. Gleichzeitig könnte dies auch als Hinweis darauf gewertet werden, dass diese Patienten diese PIM-Therapie vertrugen.
Limitationen
Es handelt sich um eine deskriptive Analyse. Eine Untersuchung der Faktoren, die möglicherweise einen signifikanten Einfluss auf eine PIM-Verordnung haben, wie beispielsweise Geschlecht, Alter, Aufenthalt in einem Pflegeheim, verschreibende Facharztgruppe, ökonomische Situation oder die Pflegestufe der Patienten wurde nicht vorgenommen, da Information zu verschiedenen dieser Faktoren (ökonomische Situation, Pflegeheim und Pflegestufe) nicht vorlagen.
Für neun Wirkstoffe aus den Subgruppen der Benzodiazepine, Neuroleptika und Z-Substanzen gelten in der PRISCUS-Liste Dosis-Obergrenzen für die Bewertung als PIM. Da in den Sekundärdaten keine Information zur individuell verschriebenen Tagesdosis vorliegt, kann es somit bei diesen zu einer Überschätzung der PIM-Prävalenz gekommen sein. Eine Sensitivitätsanalyse ohne Berücksichtigung dieser dosisabhängigen Wirkstoffe ergab eine um die Hälfte reduzierte PIM-Prävalenz der Psycholeptika (5,1 %), die PIM-Gesamtprävalenz fiel jedoch nur von 28,3 auf 24,6 %.
Die Studie ermöglichte es nicht, den Anteil an Fehlverordnungen abzuschätzen, da es sich bei den in der PRISCUS-Liste genannten Medikamenten nur um relative Kontraindikationen handelt und den Autoren Informationen zur individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Verschreibung dieser Medikamente nicht vorlagen.
Die Studienpopulation war insgesamt jünger als die Gesamtbevölkerung in Deutschland im Jahr 2007 und hatte einen höheren Anteil an Männern über 65 Jahre (55,6 % in der Studienpopulation versus 42 % in der Gesamtbevölkerung). Um dennoch repräsentative Prävalenzen nach Alter und Geschlecht zu ermitteln, wurde eine Standardisierung für die deutsche Bevölkerung in 2007 vorgenommen. Die Studie basiert auf Verordnungen von in der Apotheke eingelösten Medikamenten. Die Daten enthalten keine Information über die tatsächliche Einnahme der verordneten Medikamente. Eine schlechte Patienten-Compliance würde zu einer Überschätzung der PIM-Prävalenz und des damit verbundenen potenziellen Risikos führen. Um zumindest näherungsweise den wichtigen Aspekt der Compliance und Persistenz der dispensierten Medikation berücksichtigen zu können, wurde die Häufigkeit von PIM pro Patient analysiert.
Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die in der PRISCUS-Liste genannten potenziell inadäquaten Wirkstoffe vor Publikation dieser Liste in einem beträchtlichen Ausmaß an ältere Menschen verschrieben werden. Weiterer Forschungsbedarf ist notwendig, der die klinische Relevanz der in der Liste genannten Wirkstoffe im Hinblick auf das Risiko von Therapiekomplikationen im Vergleich zu alternativen Therapien analysiert.
Interessenkonflikt
Ute Amann ist Beiratsmitglied bei Vetter Pharma-Fertigung GmbH & Co.Kg.
Prof. Garbe erhielt Honorare für NYCOMED, ist als Beraterin für Bayer-Schering und Novartis tätig, erhielt Honorare für Gutachten von Bayer AG, erhielt Kostenerstattung von Sanofi Pasteur, Bayer-Schering, Boehringer Ingelheim und Pfizer und erhielt Gelder auf ein Drittmittelkonto von Bayer-Schering AG.
Niklas Schmedt erklärt, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Manuskriptdaten
eingereicht: 7. 7. 2011, revidierte Fassung angenommen: 18. 8. 2011
Danksagung
Die Autoren danken den folgenden Krankenkassen für die Überlassung ihrer Daten für diese Studie: AOK Bremen/Bremerhaven, Techniker Krankenkasse und hkk.
Die Autoren danken ferner Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann und ihren Mitarbeitern für die Überlassung der PRISCUS-Liste mit der Definition der ATC-Codes pro Wirkstoff.
Ebenfalls geht ein großer Dank der Autoren an Ulrich Dittmann und Inga Schaffer, Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), für die Programmierung der Analysen.
Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Edeltraut Garbe, MD, PhD
Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS)
Universität Bremen
Achterstraße 30
28359 Bremen
garbe@bips.uni-bremen.de
Summary
Prescribing of Potentially Inappropriate Medications for the Elderly: an Analysis Based on the PRISCUS List
Background: The PRISCUS list of potentially inappropriate medications (PIM) for the elderly was published in 2010 and is the first systematically constructed list of this type in Germany. The aim of the present study is to estimate the baseline prevalence of the prescribing of PIM, as defined by the PRISCUS list.
Methods: Pseudonymized claims data from three statutory health insurances in Germany, which together covered more than 8 million insurants, for the year 2007 were used to determine the age- and sex-standardized one-year period prevalence of PIM among the elderly, as well as the frequency of PIM prescribing per person. The study population included all insurants who were at least 65 years old and were continuously insured throughout the year 2007 or died during that year.
Results: Of the 804400 elderly persons in the study population, 201472 (25.0%) received at least one PIM prescription in 2007. The PIM prevalence was higher in women than in men (32.0% vs. 23.3%) and increased with age. The most commonly prescribed PIM were amitriptyline (2.6%), acetyldigoxin (2.4%), tetrazepam (2.0%), and oxazepam (2.0%). 8.8% of all elderly persons received the same PIM drug four or more times in 2007.
Conclusion: These data show that PIM were frequently prescribed to elderly persons in Germany before the PRISCUS list was published. Medications on the PRISCUS list are not necessarily absolutely contraindicated, and this study contained no information about the individual risk/benefit analyses that may have been carried out before these drugs were prescribed; thus, no conclusion can be drawn about the prevalence of inappropriate prescribing. Further research is needed to validate the PRISCUS list, which was generated by expert consensus, as a basis for therapeutic guidelines in geriatric medicine.
Zitierweise
Amann U, Schmedt N, Garbe E: Prescribing of potentially inappropriate
medications for the elderly: an analysis based on the PRISCUS list.
Dtsch Arztebl Int 2012; 109(5): 69–75. DOI: 10.3238/arztebl.2012.0069
@Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit0512
eTabellen:
www.aerzteblatt.de/12m0069
The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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