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POLITIK

Brandenburg: MVZ und Bereitschaftspraxis

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-186 / B-168 / C-168

Rieser, Sabine

Klinikärzte bemängeln häufig, dass zum Teil die falschen Patienten Notaufnahmen aufsuchen. In Potsdam soll eine Bereitschaftspraxis im Krankenhaus als Filter dienen – ähnlich läuft es auch anderenorts.

Wenn am Mittwoch um 19.14 Uhr der Bauch schmerzt oder am Samstag um 16.13 Uhr der Kopf dröhnt, ist das in Zukunft kein Grund mehr, in Potsdam in eine Rettungsstelle zu fahren. Nachmittags von 17 bis 20 Uhr sowie am Wochenende und an Feiertagen von acht bis 20 Uhr ist seit Jahresbeginn eine Bereitschaftspraxis am St. Josefs-Krankenhaus geöffnet. In den Räumen des dort bereits etablierten Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Allgemeinmedizin übernehmen nach Dienstschluss Ärztinnen und Ärzte im Bereitschaftsdienst die Arbeit. Sie versorgen Patienten mit akuten Erkrankungen, die sie im Ernstfall sofort an die benachbarte Rettungsstelle des St. Josef oder auch ein anderes Krankenhaus übergeben können.

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Neun Monate Modellbetrieb

Wenn die Wärmflasche nicht mehr hilft, fahren Kranke häufiger als nötig in die Klinik. Krankenhäuser und die KVen suchen vermehrt Lösungen für den Abend und das Wochenende.

„Wir ergänzen damit den ärztlichen Bereitschaftsdienst in seiner jetzigen Form für alle Potsdamer und Besucher der Landeshauptstadt“, erläuterte Dr. med. Hans-Joachim Helming, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg. Mit dem neuen Angebot werde durch flexible Strukturen die medizinische Versorgung in Potsdam weiter verbessert. Zunächst ist die Kooperation auf neun Monate befristet.

Helming hält die Bereitschaftspraxis aber für ein Modell, das auch anderswo in Brandenburg kopiert werden könnte. Es entlastet die Ärztinnen und Ärzte im Bereitschaftsdienst bei Patienten, die noch mobil sind, von den langen Fahrten zu Krankenbesuchen. Und ihre Kollegen in einer Rettungsstelle können sich auf die schweren Fälle konzentrieren.

Letzteres hat auch für den Ärztlichen Direktor von St. Josef, Prof. Dr. med. Eckart Frantz, eine Rolle gespielt. Im vergangenen Jahr wurden in der Rettungsstelle circa 17 000 Patienten versorgt, etwa die Hälfte davon konnte wieder nach Hause gehen. „Es ist sinnvoll, dass es eine primär KV-gestützte Versorgung dafür gibt“, findet Frantz. Sonst sind die Ärzte in den Rettungsstellen überlastet, die Patienten müssen lange warten, und das Krankenhaus kann zudem mit der Versorgung der leichten Fälle nichts verdienen.

Frantz ist überzeugt davon, dass die Ärzte im Bereitschaftsdienst mit den Kollegen aus St. Josef, einem Haus der Grund- und Regelversorgung, gut kooperieren werden. „Wir haben nicht nur spezialisierte und subspezialisierte Fachärzte, die oft bei unklaren Fällen doch nicht die Übersicht über einen gesamten Erkrankungsfall haben, wie dies notwendig ist, um Patienten ganzheitlich zu behandeln“, sagte er bei der Praxiseröffnung.

Dass erst jetzt die erste Bereitschaftspraxis in Brandenburg startet, hat nicht zuletzt finanzielle Gründe. Geldgeber sind die KV, die AOK Berlin-Brandenburg und die Barmer GEK, wenngleich sie allen Versicherten offensteht. Die drei haben in Brandenburg eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, um leichter innovative Versorgungsprojekte auf den Weg zu bringen. Das schließt Diskussionen um deren Finanzierung nicht aus, vor allem, wenn sich andere Kassenarten nicht beteiligen wollen.

Derzeit ist ein pauschaler Stundensatz von 50 Euro angesetzt, später soll auf Basis des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs vergütet werden. Die Klinik stellt Räume, Geräte und Personal. AOK-Vorstand Frank Michalak geht davon aus, dass sich das Angebot durch Einsparungen im stationären Bereich rechnen wird. Denn gemessen daran, was eine Krankenkasse für einen stationären Aufenthalt zu zahlen hat, der im Nachhinein betrachtet überflüssig war, sind die Kosten für die Praxis gering.

Ähnliche Pläne im Süden

Die Brandenburger Akteure sind stolz auf ihr Modell, aber sie sind nicht die einzigen, die auf eine solche Kooperation setzen. So ist die Bereitschaftsdienstpraxis Göttinger Ärzte der KV Niedersachsen seit kurzem neben der interdisziplinären Notaufnahme des Universitätsklinikums untergebracht. Eine ähnliche Kooperation besteht zwischen dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und der benachbarten KV-Ambulanz.

Der Vorstand der KV Baden-Württemberg hat vor kurzem beschlossen, die Zahl der Notfalldienstbezirke von landesweit mehr als 400 auf unter 150 zu senken. „Wo immer möglich, soll der Bereitschaftsdienst in einer zentralen Notfallpraxis an einer Klinik erfolgen“, heißt es weiter. Damit soll vor allem die Arbeitsbelastung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte verringert werden.

Doch so schlüssig das Konzept ist, die Bereitschaftsdienstpraxen gefallen nicht jedem. Genau wie jedes kliniknahe Medizinische Versorgungszentrum stehen auch sie unter dem Verdacht, den Niedergelassenen Konkurrenz zu machen beziehungsweise stationäre Patienten zum Nachteil von Mitbewerbern ins eigene Krankenhaus zu lotsen. Die neue Praxis in Potsdam sei „ein Angebot, bei dem keine innerstädtische Praxis mithalten kann“, rügte die Freie Ärzteschaft.

Sabine Rieser


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