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KULTUR

Friedrich der Grosse und die Medizin: „Die Herren Ärzte sind Quälgeister“

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-219 / B-193 / C-193

Gerst, Thomas

Vor 300 Jahren, am 24. Januar 1712, wurde Friedrich der Große geboren. Über seine Krankheiten und seine Ansichten über die Medizin ist einiges bekannt. Dirk Fahlenkamp hat das in einem kleinen, lesenswerten Büchlein zusammengefasst.

Foto: picture alliance/akg

Von Mäßigung beim Essen hielt der Monarch zeit seines Lebens nicht viel. Friedrich II. von Preußen, auch der Große genannt, hatte eine Vorliebe für scharf gewürzte Delikatessen, die er in großen Mengen verspeiste. Noch am 5. August 1786, wenige Tage vor seinem Tod – das Krankenlager konnte er schon nicht mehr verlassen –, bestellte er ein elfgängiges Menü mit einer Flasche Sekt: Blumenkohlsuppe, paniertes Rindfleisch mit Karotten, Hühnchen mit Zimt und gefüllte Gurken auf Eiweiß, kleine Pasteten à la Romaine, gebratene junge Colennen, Lachs à la Dessau, Geflügelfilet à la Pompadour mit Rinderzunge und Kroketten, portugiesischer Kuchen, grüne Erbsen, frische Heringe und saure Gurken. Am 17. August starb der aufgeklärte Herrscher mit dem Faible fürs Philosophisch-Asketische und der Schwäche fürs gute Essen. Seine Bilanz dieses irrational anmutenden Spannungsverhältnisses: „Alles erwogen, ist gute Verdauung wichtiger als Philosophie.“

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Gerade rechtzeitig zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs am 24. Januar 1712 gibt es ein kleines feines Buch aus ärztlicher Feder, das sich mit Friedrich II. als Patienten, seinen eigenen Vorstellungen von Medizin und den Ärzten in seiner Umgebung befasst. Der Autor, Chefarzt der Klinik für Urologie in den Zeisigwaldkliniken Bethanien in Chemnitz, ist ein profunder Kenner der Materie, wohnt zudem noch ganz in der Nähe von Schloss Rheinsberg in der Mark Brandenburg, wo Friedrich von 1736 bis 1740 als Kronprinz residierte. Sein Text fügt sich unter Verwendung von zahlreichen Originalzitaten und zeitgenössischen Abbildungen zu einer lebendigen und lesenswerten Darstellung.

Beeindruckend die Krankengeschichte des Königs, die ihm zeitlebens viel Disziplin abverlangte. „Ich bin heute schon umhergelaufen und habe meine Hämorrhoiden und meine Kolik tüchtig spazieren geführt, man darf nicht zu viel Rücksicht auf sich selber nehmen und sich verzärteln; nichts ist gefährlicher. Obgleich ich krank bin, so bin ich doch bei Wind und Wetter draußen und sitze zu Pferde, während andere klagen und fest in ihrem Bett liegen würden. Wir sind geschaffen, um tätig zu sein; Tätigkeit ist das beste Heilmittel gegen alle Leiden des Körpers“, schrieb Friedrich II. an Henri de Catt 1758/59.

In den Jahren 1718 und 1724 erkrankte Friedrich offenbar an den Pocken, 1727 wird von einem Gelbsuchtanfall berichtet, danach beginnen die lebenslang anhaltenden Verdauungsprobleme, von denen er sich mit einer Vielzahl von Medikamenten und Hilfsmitteln zu befreien versucht. Nach einer Affäre am Dresdener Hof folgt „une maladie contagieuse“, den Symptomen nach handelte es sich um Gonorrhö. 1740 leidet der Kronprinz unter Wechselfieber, was Malaria vermuten lässt, die im 18. Jahrhundert auch in den norddeutschen Sumpfgebieten heimisch war. 1746 ist der erste schwere Gichtanfall erwähnt. Hier hätte Diät in der Folge Linderung schaffen können, was aber nicht so recht zu klappen schien. „Das wird nicht die letzte Kolik sein, die der König hat. Hundertmal hat er schon dieselbe Erfahrung gemacht, aber er kann von den verdammten Maccaroni nicht lassen. Wenn er wenigstens mäßig davon äße, so ginge die Sache noch, aber er isst sehr viel davon. Wenn Sie ihn wieder sehen, so wird er ihnen sagen, dass er an einer heftigen Kolik zu leiden gehabt hat, die durch irgendeine unbekannte Ursache entstanden sei; denn er esse so wenig!“ (de Catt 1758 über ein Gespräch mit einem Leibarzt des Königs) Koliken und Gelenkschmerzen als Zeichen einer chronischen Gicht sind die ständigen Begleiter des Preußenherrschers. Dazu kamen seit den 1740er Jahren die als sehr schmerzhaft empfundenen Hämorrhoiden. „Meine treuen Hämorrhoiden, mein Lieber! Sie machen sich keinen Begriff von der Art der Schmerzen. Sie kommen aus dem After angeschlichen wie Irokesen in der Prärie. Lautlos. Dann verbreiten sie sich über den ganzen Körper mit einem nicht zu beschreibenden, intensiven Schmerz.“

Dirk Fahlenkamp: Friedrich der Große – der Patient, seine Ärzte und die Medizin seiner Zeit. Edition Rieger, Karwe, 112 Seiten, gebunden, 12,90 Euro

Der König scheint sich nicht nur sehr ergiebig mit seinen eigenen Krankheiten befasst zu haben, sondern auch mit guten Ratschlägen nicht gegeizt zu haben, wenn es um erkrankte Personen in seinem Umfeld gegangen ist. Seinem kritischen Geist blieb auch die Hilflosigkeit der Ärzte bei den meisten Leiden nicht verborgen. „Die Herren Ärzte sind Quälgeister, lästig, wenn es einem gut geht, und unerträglich, wenn man krank ist. Suche Dich möglichst bald aus ihren Händen zu befreien“, schrieb Friedrich an seine Schwester Wilhelmine. Im Laufe seines Lebens verschliss Friedrich II. eine stattliche Anzahl an Leibärzten; diesen und anderen Medizinern im Umfeld des Königs widmet der Autor eine Reihe biografischer Skizzen.

Für seine Kollegen ist dies kenntnisreich geschriebene Buch über den Patienten Friedrich und seine Ärzte zum 300. Geburtstag genau das Richtige. Wer mehr über den Alten Fritz, seine Kriege oder seine Reformen erfahren möchte, wird dazu in diesem Jubiläumsjahr sicherlich noch vielerlei Gelegenheit haben.

Thomas Gerst

Dirk Fahlenkamp: Friedrich der Große – der Patient, seine Ärzte und die Medizin seiner Zeit. Edition Rieger, Karwe, 112 Seiten, gebunden, 12,90 Euro

gute medizinische Ausbildung

Im Traktat „Über die deutsche Literatur“ formuliert Friedrich II. Anforderungen an eine gute ärztliche Ausbildung:

„Den Medizinern will ich nur zwei Worte sagen. Sie müssen ihre Schüler vor allem daran gewöhnen, genau die Anzeichen der Krankheiten zu beachten, um rasch deren Art zu erkennen. Dies Anzeichen sind: ein schneller und schwacher Puls, ein starker und heftiger Puls, ein Puls, der aussetzt, Trockenheit der Zunge, die Augen, die Art des Schwitzens und die Ausscheidungen, der Urin sowie die Exkremente, woraus sie dann Schlüsse ziehen und die Art der Schwäche, die zur Erkrankung geführt hat, genauer einschätzen können; und auf solches Erkennen hin müssen sie die geeigneten Arzneien auswählen. Ferner muss der Professor seine Schüler die Fülle der unterschiedlichen Veranlagungen sorgfältig beobachten lassen und sie lehren, wie man ihnen die erforderlichen Aufmerksamkeiten schenkt. … Hauptsächlich aber muss er nachdrücklich darauf hinweisen, wie notwendig es ist, bei ein und derselben Krankheit zu bedenken, wieviel an Arznei je nach Befinden des Patienten verordnet werden muss. Ich bin aber nicht so kühn, zu glauben, dass auf Grund aller dieser Belehrungen die jungen Äskulaps Wunder vollbringen werden. Der Gewinn, den die Allgemeinheit dabei haben wird, liegt darin, dass weniger Bürger durch Unwissen oder Laschheit der Ärzte zu Tode kommen.“

gute medizinische Ausbildung

Im Traktat „Über die deutsche Literatur“ formuliert Friedrich II. Anforderungen an eine gute ärztliche Ausbildung:

„Den Medizinern will ich nur zwei Worte sagen. Sie müssen ihre Schüler vor allem daran gewöhnen, genau die Anzeichen der Krankheiten zu beachten, um rasch deren Art zu erkennen. Dies Anzeichen sind: ein schneller und schwacher Puls, ein starker und heftiger Puls, ein Puls, der aussetzt, Trockenheit der Zunge, die Augen, die Art des Schwitzens und die Ausscheidungen, der Urin sowie die Exkremente, woraus sie dann Schlüsse ziehen und die Art der Schwäche, die zur Erkrankung geführt hat, genauer einschätzen können; und auf solches Erkennen hin müssen sie die geeigneten Arzneien auswählen. Ferner muss der Professor seine Schüler die Fülle der unterschiedlichen Veranlagungen sorgfältig beobachten lassen und sie lehren, wie man ihnen die erforderlichen Aufmerksamkeiten schenkt. … Hauptsächlich aber muss er nachdrücklich darauf hinweisen, wie notwendig es ist, bei ein und derselben Krankheit zu bedenken, wieviel an Arznei je nach Befinden des Patienten verordnet werden muss. Ich bin aber nicht so kühn, zu glauben, dass auf Grund aller dieser Belehrungen die jungen Äskulaps Wunder vollbringen werden. Der Gewinn, den die Allgemeinheit dabei haben wird, liegt darin, dass weniger Bürger durch Unwissen oder Laschheit der Ärzte zu Tode kommen.“


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