BRIEFE
Ein guter Arzt: Soziale Dominanz
Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-209 / B-184 / C-184

. . . Zur Betrachtung dieser ethisch relevanten Frage gehören meines Erachtens auch die Ergebnisse der Motivationsforschung von Medizinern durch Prof. Rössler, die vor zehn Jahren publiziert wurden; seinerzeit staunten die Laien und die Fachwelt nicht schlecht, als bewiesen wurde, dass Mediziner im Vergleich zur Normalbevölkerung eine signifikant geringere Toleranz gegenüber geistig behinderten Mitarbeitern haben.
Die idealistischen Motive, die Dörner unterstellt, lassen sich nach dieser Studie auch so formulieren, dass, wer den Arztberuf wählt, eben gewillt ist, eine gewisse soziale Dominanz zu entwickeln. Wenn diese verantwortet wahrgenommen wird, entspricht dies meines Erachtens am ehesten dem Erscheinungsbild eines guten Arztes.
Schlussendlich ist es bemerkenswert, dass das Wort „Hilfsbereitschaft“ offensichtlich für einen Arzt keinen zielführenden Wert mehr darstellen soll, denn es taucht in Ihrem Artikel kein einziges Mal auf – dabei handelt es sich doch meines Erachtens hierbei um einen zentralen Begriff der Hinwendung zum Mitmenschen. Die Reduktion auf Arbeitszeitgesetze, Ökonomie und Sachzwänge lässt natürlich für eine solche Eigenschaft, die zur Tradition des Arztbildes unabweisbar gehört, nur noch wenig Raum.
Wenn wir uns zur großen Gruppe der kompetenten Dienstleister zählen, wird verkannt, wie viel Gutes und wie viel Schauerliches ein Arzt leisten kann.
Prof. Dr. med. Christoph Ulrich, Klinik am Eichert, Kliniken des Landkreises Göppingen gGmbH, 73035 Göppingen
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