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MEDIZIN: Diskussion

Viele Ursachen nicht bekannt

Many Causes Are Unknown

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(6): 109; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0109a

Namislo, Christoph

Bei chronischen funktionellen Bauchschmerzen im Kindes- und Jugendalter sei „keine organische Ursache Hintergrund der Beschwerden“, heißt es im Artikel. Wie auch hier findet in der gesamten medizinischen Literatur eine Trennung zwischen „organisch“ und „funktionell“ („nicht organisch“) statt. Bei funktionellen Störungen handelt es sich jedoch um Krankheitsbilder, deren Ätiologie und Pathogenese nicht im Geringsten verstanden sind und für die kausale Therapieansätze bis heute fehlen. Die Vorstellung, dass alle Beschwerdebilder, die mit den heutigen Methoden nicht nachgewiesen werden können, per se nicht organisch sind, ist sicher falsch. Die absehbare Folge dieser ärztlichen Haltung ist: Patienten, die nicht organisch krank sind, werden zwangsläufig als psychisch oder zumindest psychosomatisch krank wahrgenommen. Da verwundert es nicht, dass sich Patienten als eingebildete Kranke fühlen, „obwohl . . . (sie) körperlich gesund sind“ (1).

Es ist längst überfällig, die veraltete Trennung zwischen „organisch“ und „funktionell“ („nicht organisch“) aufzuheben. Stattdessen muss auch bei funktionellen Störungen zwischen „organisch“ und „nicht organisch“ unterschieden werden. Dies ist zwar diagnostisch mitunter schwierig, angesichts der bestehenden Unklarheiten aber zwingend notwendig, damit Patienten mit funktionellen Störungen nicht bewusst oder unbewusst als primär psychisch oder psychosomatisch Kranke behandelt werden.

Weiterhin muss in das Bewusstsein dringen, dass viele organische Ursachen für funktionelle Bauchschmerzen heutzutage noch nicht bekannt sind. Erste Hinweise bieten hier die Erkenntnisse zum Reizdarmsyndrom, dessen Symptome nachweislich chronisch infektiös, postinfektiös oder dysbiotisch bedingt sein können (2). Es bleibt zu hoffen, dass der Erkenntnisgewinn in den nächsten Jahren deutlich zunimmt. Bis dahin bleibt als Therapie der Wahl tatsächlich nur, was in dem ansonsten durchaus gut verfassten Artikel auch angesprochen wurde: die bestmögliche Ablenkung von den Beschwerden.

DOI: 10.3238/arztebl.2012.0109a

Dr. med. Christoph Namislo
Teublitz, namislo@gmx.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Bufler Ph, Groß M, Uhlig HH: Recurrent abdominal pain in childhood. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 295–304. VOLLTEXT
2.
Layer P, et al.: S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Z Gastroenterol 2011; 49: 237–93. CrossRef MEDLINE

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