MEDIZIN: Diskussion
Schwache Evidence based Medicine
Poor Evidence Based Medicine
Dtsch Arztebl Int 2012; 109(6): 112; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0112a


Wenn auch unter den Kriterien einer Evidence based Medicine die Vorteile der Vakuumtherapie bis heute nicht sicher belegt werden können, so hat sich dieses Verfahren dennoch in weiten Bereichen der Chirurgie mit vollem Recht einen großen Stellenwert erobert. Den Fortschritt, den diese Methode gebracht hat, können wohl nur noch jene ermessen, die die Zeit davor, also vor inzwischen über 20 Jahren, erlebt haben.
Nach 29 Jahren Tätigkeit im Fachgebiet kann ich durchaus sagen, dass diese Entwicklung wohl einer der größten Fortschritte im Fachgebiet Chirurgie in dieser Zeit war.
Es gibt eine Vielzahl von Wunden und Defekten in der Abdominal-Unfall-Gefäßchirurgie und Nachbargebieten, die man früher kaum beherrschen konnte ohne aufwendige Hilfen und Verlegungen in Häuser mit Maximalversorgung etc., die nun gut in jeder Basischirurgie erfolgreich versorgt werden können. Umso schlimmer die weiterhin häufigen ärgerlichen Probleme mit der Kostenübernahme im ambulanten Bereich, weil angeblich die Wirkung nicht belegt ist. Keine alternative Behandlungsmethode hat irgendeine bessere Evidenz, hat aber keine Kostenübernahmeprobleme.
Es zeigen sich hier exemplarisch zwei Schwachpunkte des Konzepts einer reinen EBM, zumindest wie sie hierzulande betrieben wird. Zum einen eine immanente Fortschrittsfeindlichkeit und zum anderen eine politische finanzielle Instrumentalisierbarkeit.
Die reine Beschränkung auf einige wenige RCTs, damit das Gleichsetzen dieser mit der Wahrheit und das Beiseitelassen der gesamten sonstigen angesammelten empirischen Belege, ist zumindest in der Chirurgie kein ausreichendes Konzept. Dies entspricht auch keineswegs den ursprünglichen Ideen der Evidence Based Medicine. Aber dieses Fehlverständnis gibt Politik und Kostenträgern bequeme Ablehnungsargumente.
DOI: 10.3238/arztebl.2012.0112a
Dr. med. Hanspeter Thies
Kreiskrankenhaus Abteilung Unfallchirurgie, Zwiesel
docthies@kkhzwiesel.de
Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
1.
Peinemann F, Sauerland S: Negative pressure wound therapy – systematic review of randomized controlled trials. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(22): 381–9.
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