MEDIZINREPORT
Neurologie: Den Schlaganfall erforschen
Dtsch Arztebl 2012; 109(6): A-262 / B-228 / C-228


Mittels MRT ist es möglich, Veränderungen des Hirngewebes bereits wenige Minuten nach Auftreten des Schlaganfalls darzustellen. Dadurch kann bereits im Frühstadium abgeschätzt werden, welcher Gewebeanteil irreversibel zerstört und welcher gefährdet, aber noch zu retten ist. Foto: Your Photo Today
Die Europäische Union fördert zwei große Projekte zu Diagnostik und Therapie unter deutscher Leitung. Trotz des guten Renommees klagt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie über Nachwuchssorgen.
Der Morbus Parkinson, die Alzheimer-Krankheit und der Schlaganfall stehen für die enormen Herausforderungen des Fachbereichs Neurologie. Denn die demografische Entwicklung wird zwangsläufig dafür sorgen, dass diese typischerweise im höheren Lebensalter auftretenden Erkrankungen in ihrer Inzidenz und Prävalenz in den kommenden Jahren stetig weiter steigen.
Für den anstehenden „Boom“ aber sind die deutschen Neurologen nach Darstellung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel, Marburg, bislang nicht gut gerüstet: „Wir müssten jedes Jahr 200 Neurologen mehr ausbilden, um den wachsenden Anforderungen gerecht werden zu können.“ Verschärfend komme hinzu, dass in den kommenden Jahren viele Neurologen altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden werden. Die DGN sei daher um Nachwuchsförderung bemüht. Es gelte neue Strukturen zu schaffen, die es den jungen Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, Familie und Karriere besser miteinander zu vereinen.
Akut- und Notfallversorgung hat deutlich zugenommen
Ein struktureller Wandel ist umso wichtiger, als sich auch das Fachgebiet der Neurologie verändert. So hat sich die Zahl der neurologischen Patienten in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt, was vor allem an der steigenden Schlaganfallhäufigkeit liegt. Der Schlaganfall ist zudem Ursache dafür, dass in der Neurologie heutzutage weit mehr als früher eine Akut- und Notfallversorgung gefragt ist. Es ist deshalb eine logische Konsequenz, dass die Verbesserung der Diagnostik und Therapie ebenso wie die Prävention des Schlaganfalls derzeit im wissenschaftlichen Fokus der Neurologen stehen.
Kommt es jedoch zum Schlaganfall, so muss rasch reagiert werden, um Hirnzellen vor dem Untergang zu bewahren und damit irreversiblen Schädigungen vorzubeugen. Eine der Kernfragen dabei ist es, wann genau sich der Schlaganfall ereignet hat und ob er nicht länger als 4,5 Stunden zurückliegt, da ansonsten das zeitliche Fenster für eine Thrombolyse nicht mehr offen steht. „Wenn sich der Schlaganfall während des Schlafs ereignet, ist diese Frage derzeit praktisch nicht zu beantworten“, erläuterte Prof. Dr. med. Christian Gerloff, Hamburg.
Bei etwa jedem fünften Schlaganfall handelt es sich um einen „Wake-up-Stroke“. Ein Forscherteam des Universitätsklinikums Hamburg (UKE) hat deshalb ein neues bildgebendes Verfahren erarbeitet, mit dem sich der Zeitpunkt des Schlaganfalls enger eingrenzen lässt. Dabei werden zwei Techniken der Magnetresonanztomographie (MRT) miteinander kombiniert, und die Forscher konnten bereits in einer Untersuchung bei 643 Patienten mit Wake-up-Stroke zeigen, dass bestimmte Muster dieser Bildgebung Rückschlüsse auf den Zeitpunkt des Schlaganfalls zulassen. „Mit einer Sicherheit von etwa 90 Prozent kann durch die Kombination der beiden MRT-Bildsequenzen nachgewiesen werden, dass ein Schlaganfall nicht länger als viereinhalb Stunden zurückliegt“, sagte Gerloff in Wiesbaden.
Der klinische Nutzen des Verfahrens wird nunmehr im Projekt „Wake-up“ geprüft, das von der EU mit 11,6 Millionen Euro gefördert wird und unter Leitung der UKE-Forscher steht. Die Studie soll 2012 anlaufen und circa 800 Patienten einschließen. Das Ergebnis wird für 2016 erwartet.
Studie prüft den Effekt der Hypothermie
Ein zweites EU-Projekt, das in der gleichen Größenordnung gefördert wird, prüft, ob eine milde Hypothermie nach akutem Schlaganfall neuroprotektiv wirksam ist. Die europäische multizentrische Phase-III-Studie wird von Prof. Dr. med. Stefan Schwab, Universitätsklinikum Erlangen, geleitet und soll klären, ob die günstigen experimentellen Befunde der Kältebehandlung auch in der akuten Schlaganfallsituation zu realisieren sind. So wurde in verschiedenen Modellen gezeigt, dass die Absenkung der Körpertemperatur auf 33 bis 35 Grad Celsius eine Reduktion der Schlaganfallgröße bewirkt.
Die geplante Studie EuroHYP-1 soll 1 500 Patienten mit akutem Schlaganfall rekrutieren, deren Körpertemperatur für 24 Stunden auf 34 bis 35 Grad Celsius abgesenkt wird. Prüfparameter ist der funktionelle Status der Patienten drei Monate nach dem akuten Ereignis. Die Studie soll ebenfalls 2012 anlaufen, die Daten sollen in etwa vier Jahren vorliegen.
Christine Vetter
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