Schwerpunkte der AALForschung: Arbeit und Pflege, Teilhabe und Mobilität sowie technische Forschung
Wie kann sich eine Gesellschaft des längeren Lebens auf die damit verbundenen Herausforderungen vorbereiten? Technische Lösungen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Seit dem ersten „Ambient Assisted Living“(AAL)-Kongress im Jahr 2008 mit circa 370 Teilnehmern hat die Veranstaltung von Jahr zu Jahr zugelegt: Beim nunmehr 5. Deutschen AAL-Kongress Ende Januar 2012 in Berlin diskutierten mehr als 1 000 Experten aus Forschung, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft über technische Lösungen für eine älter werdende Gesellschaft – sichtbares Zeichen für das stark wachsende Interesse an dem Thema. AAL steht für Konzepte, Produkte und Dienstleistungen, die technische Innovationen und soziales Umfeld integrieren mit dem Ziel, die Lebensqualität für Menschen in jedem Lebensabschnitt zu erhöhen.
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„Technik kann den Wunsch vieler älterer Menschen nach einem möglichst langen selbstständigen Leben unterstützen – egal ob im Beruf, zu Hause oder unterwegs. Darum setzen wir hier einen Schwerpunkt in der Forschungsförderung“, sagte der parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), Thomas Rachel, bei der Eröffnung des Kongresses, der gemeinsam vom BMBF und vom VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik e.V.) veranstaltet wurde.
Im vergangenen Jahr gab es laut Rachel mehrere politische Meilensteine zum demografischen Wandel: So hat die Bundesregierung im Oktober 2011 einen Demografiebericht veröffentlicht, in dem die Auswirkungen von Alterung und Abnahme der Bevölkerung auf verschiedene Politikfelder analysiert werden. Im November 2011 folgte die ressortübergreifende Forschungsagenda für den demografischen Wandel mit dem Titel „Das Alter hat Zukunft“ (Kasten).
Ressortübergreifende Strategie
Rachel zufolge werden allein aus dem BMBF-Haushalt in den nächsten fünf Jahren (2012 bis 2016) für die genannten sechs Handlungsfelder 415 Millionen Euro aufgewendet. Aufbauend auf dem Demografiebericht soll noch im Frühjahr eine ressortübergreifende Strategie unter Vorsitz des Bundesministeriums des Innern beschlossen werden. Die Idee dahinter: Sämtliche Forschungsaktivitäten, etwa in der Material-, Kognitions- oder Arbeitsforschung, werden auf ihren Beitrag zum demografischen Wandel hin abgeklopft. Viele Fragen seien offen, hob Rachel hervor, etwa welche Rollenbilder und Altersvorstellungen die Gesellschaft prägen, wie Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft aufrechterhalten werden können oder wie die Teilhabe Älterer in der Gesellschaft zu gewährleisten sei.
2012 starten darüber hinaus mehr als 20 neue vom BMBF geförderte Forschungsprojekte für altersgerechte Assistenzsysteme. Ein Schwerpunkt lautet: „Mobil bis ins hohe Alter.“ Hierfür stellt das Ministerium 20 Millionen Euro für 14 Projekte zur Verfügung. Das Projekt ACCESS beispielsweise entwickelt ein elektronisches Tourismus-Leitsystem zur barrierefreien Navigation durch Städte und Gebäude für gehbehinderte Senioren. Im Projekt WikiNavi geht es um ein Navigationssystem, das Personen mit körperlichen Behinderungen die Routenplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln erleichtern soll.
In der Ausschreibung „Assistierte Pflege von morgen“, die ein Fördervolumen von circa 17 Millionen Euro umfasst, sollen technische Assistenzsysteme für die ambulante Pflege in strukturschwachen Regionen entwickelt werden.
Potenziale älterer Menschen erhalten und nutzen
Darüber hinaus bereitet die Bundesregierung ein Förderprogramm zur Erforschung von Lösungen für ältere Arbeitnehmer vor („Arbeit 60 plus“, Laufzeit drei Jahre). Die Bekanntmachung zu dem mit 15 Millionen Euro ausgestatteten Programm soll noch im ersten Quartal 2012 veröffentlicht werden, kündigte die zuständige BMBF-Expertin, Gabriele Albrecht-Lohmar, an.
Beim Senioren-Technik-Tag des Kongresses hatten zudem etwa 100 interessierte Senioren Gelegenheit, einige der im Rahmen der AAL-Forschung entwickelten Prototypen auszuprobieren und zu bewerten, darunter einen gesundheitsfördernden Fernsehsessel, der „Couch-Potatoes“ über eine integrierte Ruderfunktion zur Bewegung animieren soll. In der vertikalen Ausrichtung kann er außerdem zu Gymnastikübungen genutzt werden. Der Möbelhersteller Himolla will sich an der Produktion beteiligen. Auch der im Rahmen des Projekts easyCare entwickelte „Pflegenavigator Deutschland“ war in einer Testversion zu sehen. Über ein zentrales Internetportal, das bedarfsgerecht Informationen, technologieunterstützte Dienstleistungen und Unterstützung durch lokale Pflegedienstleister aus einer Hand anbietet, sollen pflegende Angehörige entlastet werden. Aus dem komplexen Verbundprojekt SmartSenior wurden unter anderem eine computerbasierte Trainingskonsole präsentiert, mit der die Nutzer Übungen zur Schlaganfallrehabilitation und Sturzprävention durchführen können, sowie ein modular aufgebautes Serviceportal, über das per Tablet-PC oder TV-Gerät telemedizinische oder andere Dienstleistungen unterschiedlicher Anbieter zur Verfügung gestellt werden können.
„Uns ist wichtig, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen“, sagte Rachel. „Wir wollen die wertvollen Fähigkeiten älterer Menschen erhalten, nutzen und ausbauen. Wenn dies gelingt, profitieren hiervon alle Generationen. Das stärkt insgesamt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Als neue Veranstaltungsreihe sollen vor diesem Hintergrund demnächst „Senioren-Werkstattgespräche“ starten – zunächst in Ulm, Lüneburg, Leipzig und Bonn. Senioren aus allen Regionen Deutschlands sollen dabei die Möglichkeit erhalten, ihren Bedarf und ihre persönlichen Erwartungen in die Entwicklung neuer Lösungen für Assistenzsysteme einzubringen. Die Veranstaltungsreihe wird das BMBF gemeinsam mit der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft für Senioren durchführen.
Heike E. Krüger-Brand
@Demografiebericht und Forschungsagenda im Internet unter: www.aerzteblatt.de/12244
„Das Alter hat zukunft“
Der demografische Wandel ist ein Schwerpunkt der Forschungsförderung des Bundesforschungsministeriums. Die im November 2011 vom Bundeskabinett verabschiedete „Forschungsagenda für den demographischen Wandel: Das Alter hat Zukunft“ umfasst sechs Handlungsfelder:
1. Grundsatzfragen einer Gesellschaft des längeren Lebens. Stichpunkte: geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zu kulturellen Altersbildern, Generationenkonflikte, Technikakzeptanz
2. Kompetenzen und Erfahrungen älterer Menschen für Wirtschaft und Gesellschaft nutzen. Stichpunkte: höhere Erwerbsbeteiligung Älterer, lebenslanges Lernen, altersgemischte Teams, flexible Arbeitsmodelle und demografieorientierte Personalpolitik
3. Älter werden bei guter Gesundheit. Stichpunkte: Grundlagenforschung, Prävention und Gesundheitsförderung, Verbesserung von Diagnose und Therapie, evidenzbasierte Gesundheitsversorgung
4. Gesellschaftliche Teilhabe: Mobil in Verbindung bleiben. Stichpunkte: barrierefreie Infrastrukturen, Sicherheit im Auto, Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien, Optimierung des öffentlichen Personennahverkehrs
5. Sicher und unabhängig Wohnen. Stichpunkte: barrierefreies Wohnen, Verbindung von Technik und Dienstleistungen, neue integrative Wohn- und Quartierskonzepte
6. Mit guter Pflege zu mehr Lebensqualität. Stichpunkte: Erhalt der Selbstständigkeit, Entlastung der Pflegenden, Ausbau der Qualifizierung, Pflegeforschung
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