KULTUR

Passauer Land: „Flüssiges bricht das Fasten nicht“

Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-333 / B-289 / C-285

Traub, Ulrich

Die fünfte Jahreszeit ist in Passau nicht die des Faschings, sondern die des Starkbiers.

Wo Adamator und Coronator, Herminator und Reginator ihre Zepter schwingen, führt mitnichten Hollywood Regie. Um die Kraftprotze kennenzulernen, muss man nicht ins Kino gehen, sondern in die Wirtshäuser Niederbayerns. Denn die fünfte Jahreszeit ist in diesem Landstrich nicht die des Faschings, sondern die des Starkbiers. „Flüssiges bricht das Fasten nicht.“ Diese Losung hat bei Bierfreunden fast den gleichen Wohlklang wie „O’zapft is“. Bedeutet sie doch, dass man während der Fastenzeit durchaus den ein oder anderen Gerstensaft zu sich nehmen darf.

Anzeige

Hans Günther, Chefbraumeister der Passauer Brauerei Hacklberg, ist verantwortlich für einen kräftigen Doppelbock, den Humorator. Der Name verweist weniger auf die gute Laune, die der Biergenuss zur Folge haben kann, als auf das lateinische Wort für Flüssigkeit „humor“. „Unseren Humorator brauen wir mit 18 Prozent Stammwürze und 7,7 Prozent Alkohol“, erklärt Günther. Das Starkbier hat einen malzbetonten und eher milden Geschmack, und wie die meisten anderen auch bekommt man es nur in seiner Heimat.

Es waren Paulaner-Mönche, die wegen ihrer strengen Fastenregeln den Doppelbock erfanden, den sättigenden Herkules unter den Starkbieren. In der Brauerei Hacklberg ist die Historie noch sehr gegenwärtig. Die frühere fürstbischöfliche Gründung wird heute von einer kirchlichen Stiftung getragen und residiert weiterhin im ehemaligen Fürstenbau am Rand der Stadt.

Wenn der Bürgermeister dreimal zuschlägt, ist die Saison eröffnet – und ein Braumeister wie Hans Günther, der dem Politiker assistiert, ein bisschen nervös. Wird die stets leicht veränderte Rezeptur des Biers den verwöhnten Gaumen munden? Starkbieranstiche sind in Passau gesellschaftliche Ereignisse. Ob sie im großen Stil mit Kabarett und Musik oder gemütlich im Stüberl der Brauerei gefeiert werden – man trägt Tracht.

Biersommelier Bernhard Sitter feilt am Image des Gerstensaftes. Fotos: Ulrich Traub

Es passt zu der traditionsreichen Bischofsstadt am Zusammenfluss von Ilz, Inn und Donau, dass noch vier Brauereien um die Kehlen der Bierfreunde wetteifern. Wer auf den Geschmack gekommen ist, dem bietet auch die Umgebung einiges: vom barocken Kleinod, der von den Asam-Brüdern gestalteten Kirche in Aldersbach – flankiert von einer Brauerei – bis zu kleinen Hausbrauereien im nahen Bayerischen Wald. Hier erwarten den Starkbierfreund Helyator (in Jandelsbrunn), Kulinator (in Hutthurm) oder Spektakulator (in Rotthalmünster). In einer Ecke Deutschlands, wo die Türme der Brauereien bisweilen mit denen der Kirchen konkurrieren, lässt sich genüsslich feststellen, dass Bier nicht identisch ist mit Pils. An der Aufwertung des Gerstensafts arbeitet auch Bernhard Sitter, Deutschlands erster Biersommelier. In dem Weiler Neureichenau, im Dreiländereck zu Österreich und Tschechien, betreibt er das Landhotel Gut Riedelsbach, in dem sich fast alles ums Bier dreht. Zu einem Menü wählt der Sommelier aus circa 80 Bieren die passenden Begleiter. Und gebraut wird beim Sitter Bernhard, dessen Kenntnis und Qualitätsbewusstsein weltweit bei Bierverkostungen gefragt ist.

Ulrich Traub

@Informationen:
www.tourismus.passau.de,
www.bier-und-barock.de

Bier und Barock – in Passau passt das bestens zusammen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige