BRIEFE
Berufspraxis: Plädoyer für Berührung
Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-327 / B-284 / C-280

. . . Wir klagen zu Recht über den Mangel an Zeit, uns unseren Patienten angemessen widmen zu können, und auch Frau Koch greift dieses Thema erneut auf.
Was ich aber immer wieder vermisse, ist auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der einseitigen Fokussierung unserer Ausbildung auf ausschließlich strukturelle Erkrankungen, die wir nach der Virchowschen Doktrin in die Gruppen Tumoren, Entzündungen, Missbildungen, Verletzungen und degenerative Erkrankungen einteilen.
Dementsprechend ist unsere Diagnostik ausgerichtet: Wir suchen durch immer bessere technische Untersuchungen nach diesen Erkrankungen. Aus diesem Grunde vernachlässigen wir schleichend, aber zunehmend die klinische Untersuchung!
Vollkommen vernachlässigt in unserer Lehre werden rein funktionelle Erkrankungen! Dazu gehört beispielsweise der „unspezifische Rückenschmerz“, das „Colon irritabile“, „Schreikinder“, „vegetative Dystonie“, um nur ganz wenige zu nennen. In allen Fachbereichen kommen wir mit diesen Patienten aber ständig in Berührung.
Wenn man erfahrene Hausärzte nach ihrer persönlichen Einschätzung bezüglich der Häufigkeit rein funktioneller Erkrankungen unter den Patienten, von denen sie täglich aufgesucht werden, befragt, so erhält man durchweg die Angabe, dass der Anteil bei circa 50 bis 60 Prozent der Patienten liegt!. . . Und über diese Patienten lernen wir an den Universitäten nichts!
Es wird von Frau Koch kritisch hinterfragt, warum die Patienten sich zunehmend an die alternativen „Heiler“ wenden . . .
Die „Heiler“ verstehen es häufig besser, das „Netzwerk Mensch“ zu würdigen, berühren beispielsweise den Patienten da, wo Berührung erforderlich ist, gerade Patienten mit funktionellen Störungen profitieren von ihnen! Die diagnostischen Hilfsmittel für funktionelle Störungen sind unsere Sinne, insbesondere der Tastsinn, die wir als Ärzte kaum noch nutzen. Die Hände, durch die überhaupt erst die Menschwerdung möglich war, sind auch ein wesentliches therapeutisches Mittel. Mehr Zeit alleine würde nicht genügen!
In den letzten Jahren hat sich zunehmend eine „alternative medizinische Parallelwelt“ gegenüber der universitären Medizin ausgebildet. Warum übernimmt die Techniker-Krankenkasse seit dem 1. Januar 2012 bis zu sechs osteopathische Behandlungen pro Jahr? Wir können davon ausgehen, dass man sich diesen Schritt sehr genau überlegt hat, man kein Geld zu verschenken hat und am Ende eine Ersparnis herauskommen soll! Eine eingesparte MRT pro Jahr kompensiert die Ausgaben . . .
Solange wir in der universitären Lehre die Diagnostik und Therapie funktioneller Beschwerden (die wir auch gerne abschätzig als Befindlichkeitsstörungen bezeichnen) nicht würdigen, werden uns viele Patienten zu den „Heilern“ davonlaufen . . .
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